«Bibliotheken sind nicht unterzukriegen»

Die Uni Bern hat im ehemaligen SBB-Hauptsitz eine neue Bibliothek eingerichtet. Braucht es das im digitalen Zeitalter überhaupt noch? Absolut, sagt der Informationswissenschaftler Rudolf Mumenthaler.

Bibliotheken werden überleben, weil sie Studenten ein gutes Lernumfeld bieten, sagt der Informationswissenschaftler.

Bibliotheken werden überleben, weil sie Studenten ein gutes Lernumfeld bieten, sagt der Informationswissenschaftler. Bild: Raisa Durandi

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Wozu braucht es Bibliotheken, wenn alles online zugänglich ist?
Das ist eine Frage, die viele beschäftigt. Aber Bibliotheken sind nicht unterzukriegen. Im Gegensatz zu den Videotheken, die verschwunden sind, sind die Bibliotheken noch da.

Warum?
Das hängt mit ihrer Funktion zusammen. Sie bereiten die Ressource Information auf und bringen diese an einen Ort, wo man sie nutzen kann. Sie sind so etwas wie Brunnen, die Wasser fassen und es sauber gefiltert zur Verfügung stellen.

Dazu benötigen Bibliotheken aber keine teuren Bauten. Sie können das Wissen online zur Verfügung stellen.
Bibliotheken sind auch als Ort wichtig. Weltweit lernen Studierende am liebsten in der Bibliothek, und nicht etwa zu Hause oder am Strand. Denn in der Bibliothek haben sie Ruhe und werden nicht abgelenkt. Trotzdem sind sie nicht allein und haben in den Pausen soziale Kontakte. Die Bibliothek ist ihr Arbeitsort.

Die Universität könnte ihnen Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.
Die Studierenden brauchen offenbar die Atmosphäre des Ortes mit den physischen Büchern und auch einen geregelten Rahmen, den sie in der Bibliothek finden. Dazu kommt, dass noch längst nicht alles digital greifbar ist. Gerade Juristen benötigen Literatur und Nachschlagewerke, die es nur gedruckt gibt. Historiker interessieren sich für ältere Werke, die noch nicht digitalisiert sind.

Was ist denn die Aufgabe der Bibliothek?
Das hängt vom Typ ab. Öffentliche Bibliotheken sind als soziale Orte der Begegnung und Wissensvermittlung wichtig. Sie betreiben Leseförderung für Kinder und Jugendliche oder bieten Kurse und Veranstaltungen für wenig Geld an. So sind sie eine Schnittstelle zwischen Bildung und Kultur.

Und die wissenschaftliche Bibliothek?
Sie sammelt im Auftrag der Universität Literatur und Information zu Themen, zu denen an der Uni geforscht wird. Sie muss die aktuelle Literatur zu den Themen haben und auch die alte behalten. Sie schmeisst daher nichts weg, sondern archiviert alles. Viele ältere Inhalte, die urheberrechtsfrei sind, werden digitalisiert, um sie besser zugänglich zu machen.

Und die Bücher landen dann doch auf dem Altpapier?
Nein, man traut der Technik noch zu wenig. Wir wissen nicht, wie lange wir auf die Digitalisate zugreifen können. Zum Teil kann man 20-jährige Dokumente nicht mehr öffnen. Das Original dient dann als Sicherungskopie. Um trotzdem Platz zu schaffen, haben mehrere Universitäten die Kooperative Speicherbibliothek geschaffen. Hier wird jeweils ein Printexemplar unter konservatorisch idealen Bedingungen aufbewahrt. Die Nutzer können es nur noch digital ausleihen.

Neues Wissen stellen auch Google und Facebook zur Verfügung. Weshalb sammelt die Bibliothek denn noch?
Das ist eben ungefilterte und nicht vertrauenswürdige Information, noch kein Wissen. Bibliotheken wählen aus und reichern die Information an. Was in einer Bibliothek ist, entspricht einem gewissen Qualitätskriterium. Zudem stecken wir viel Arbeit in die Auffindbarkeit der Information. Bei Google weiss man nicht, ob die Quelle vertrauenswürdig ist und nach welchem Algorithmus das Resultat angezeigt wird.

Wie verändert sich die Arbeit der Bibliothekare und Bibliothekarinnen?
Wegen der Digitalisierung nehmen die Routinetätigkeiten ab. Die intellektuelle Arbeit der Sacherschliessung, der Vermittlung und der Bestandespflege braucht es aber immer noch. Dafür wird die Beratung wichtiger. Das Nutzen der neuen Medien ist kompliziert. An den Universitäten unterstützen die Bibliothekare zudem die Forschenden beim Ablegen, Ordnen und Archivieren der Forschungsdaten und auch beim Publizieren.

Sie sagen, die Bibliotheken überleben die digitale Revolution. Und das gedruckte Buch?
Auch das Buch verschwindet nicht. Es ist sehr hartnäckig, ein Kulturgut und sehr praktisch. Die Ausleihzahlen der Bücher sind nur sehr leicht rückläufig. Viele Studenten lernen besser mit gedruckten Büchern. Im Auftrag der Universität müssen wir weiterhin Bücher kaufen. Die Benutzer wollen sowohl Bücher als auch elektronische Medien. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.05.2018, 18:58 Uhr

Der Historiker Rudolf Mumenthaler ist Lehrbeauftragter für Informationswissenschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur und Direktor der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern. (Bild: zvg)

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