Biber im Dichtestress: Berns Aareufer sind voll besetzt

In der Stadt Bern leben mittlerweile über zwanzig Tiere in vier Revieren.

Baumrinde, wie hier im Marzili, isst der Biber vor allem im Winter.

Baumrinde, wie hier im Marzili, isst der Biber vor allem im Winter.

(Bild: Adrian Moser)

Wer beim Winterspaziergang durchs Marzili einen Seitenblick auf die Bäume wirft, dem sticht es sofort ins Auge: abgewetzte Rinden oder Strünke, wo vor kurzem noch Jungpflanzen standen. Gefällte oder beschädigte Bäume auf dem Stadtgebiet generieren in der Regel grosse Empörung. Ganz anders sieht es aus, wenn nicht die Säge, sondern Zähne die Bäume zum Fall bringen: Gegen die Biber, welche sich durch die Stämme am Stadtberner Aareufer nagen, blieben Proteste jedenfalls bislang aus.

Dabei weisen mittlerweile nicht nur vereinzelte Bäume, sondern ganze Uferstriche Spuren des Bibers auf. Er hat sich im gesamten Aareabschnitt, der durch Bern führt, eingelebt. Und er scheint sich dort wohlzufühlen: 2008 lebte noch kein einziges Tier regelmässig in Bern – mittlerweile sind es rund zwanzig.

Noch Potenzial im Oberland

«Es sind vier Familien, die in den Revieren Tiefenau, Altenberg, Marzili und Elfenau wohnen, und jede zählt etwa fünf», sagt Peter Lakerveld, Projektleiter von «Hallo Biber! Mittelland», einer Aktion von Pro Natura. «Sie zeugen jährlich Nachwuchs und kommen gut zurecht.»

Auf dem Stadtgebiet können sie sich aber nicht weiter ausbreiten: Berns Biber-­Kapazitäten seien nun ausgeschöpft, die Ressourcen zu knapp. «Biber besetzen ein Revier in der Grösse von ein bis drei Kilometern Flusslänge und bleiben ihr ganzes Leben lang dort.» Doch nicht nur am Stadtberner Flussabschnitt herrscht inzwischen Dichtestress: Das Aareufer ist voll besetzt; zwischen Bern und Biel schon länger, neuerdings auch in Thun. Das Oberland böte aber nach wie vor viel Platz. «Es ist eine Frage der Zeit, bis auch die Tiere das bemerken.»

Pragmatisch und anpassungsfähig

Dass der Biber einst inmitten von Städten sein Revier haben würde, hielten Experten lange für unmöglich: «Noch vor 20 Jahren haben wir gedacht, die Tiere könnten nur in intakten Auenlandschaften überleben.» Heute wisse man: «Der Biber ist sehr pragmatisch und äusserst anpassungsfähig.» Das Marzili scheint also nur auf den ersten Blick ein ärmliches Zuhause. In Wirklichkeit ist die Wassertiefe und die Fliessgeschwindigkeit ideal, auch ein grabbares Ufer für Wohnbauten ist vorhanden.

Lediglich der Baumwuchs lässt zu wünschen übrig – dies wiederum hat unerwünschte Folgen: Im Sommer sind Kräuter die Leibspeise der Nagetiere, im Winter dann Baumrinden, bevorzugt Weichhölzer. Gibt es diese nicht, weichen sie auf Eichen, Eschen oder Ahornbäume aus. «Grundsätzlich ist kein Baum vor dem Nager sicher», sagt Peter Lakerveld. Es sei daher von Vorteil für die Stadt, Weiden anzupflanzen. «Dies ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern hat auch präventiven Charakter.» Da die Stadtgärnterei nicht das ganze Ufer mit Weiden zupflanzen kann, gibt es auch andere Mittel, um die Tiere von den Bäumen fernzuhalten: «Man kann Zäune errichten, die Rinde mit Maschen­draht schützen oder mit einer Paste ­bestreichen, bei der dem Biber der ­Appetit vergeht.»

Drei Generationen im Marzili

Die Stadt Bern sorge sich sehr vorbildlich um die Tiere, findet Lakerveld. Es sei trotzdem denkbar, dass die Lebensgrundlage im Marzili dereinst zu knapp werde und die Tiere von dort wegziehen müssten. «Die Chance ist aber gross, dass das Revier dann gleich neu besetzt würde.» Noch sieht es bei der Marzili-Familie jedenfalls gut aus: Vergangenes Jahr brachte das Paar zum ersten Mal Junge zur Welt und hat heuer gleich nachgelegt. «Im Frühling werden die zweijährigen Jungen aber vertrieben und müssen sich ein eigenes Zuhause ­suchen.» Wer einen lebenden Biber zu Gesicht bekommen will, muss sich bis im Sommer gedulden – die Nager sind nacht­aktiv und in Winternächten schwer zu erkennen. Dafür befindet sich seit November ein ausgestopftes Exemplar in der Litfasssäule im Mattequartier.

Die Ausbreitung der Biber in Bern ist auf zwei Ereignisse zurückzuführen: Einst wegen des dichten Fells und des Fleisches ausgerottet, wurden ab den 1950er-Jahren wieder Biber in der Schweiz ausgesetzt, die sich auch im Kanton Bern niederliessen. Zu ihnen gesellte sich 1999 ein Biberpaar, das nach einem Hochwasser aus dem Tierpark Dählhölzli ausgebrochen war. 2005 Tat es ihnen ein Weibchen gleich.

Der Bund

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