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Besetzer müssen bald raus

Am Stauwehrrain in der Engehalde halten mehrere Personen verschiedene Gebäude besetzt. Während die Besetzer bis nächsten Frühling bleiben möchten, will die Immobilienfirma Bevisa AG die Häuser im Dezember abreissen.

So wohnen Hausbesetzer: Improvisierte Inneneinrichtung mit Liebe zum Detail. (Adrian Moser)
So wohnen Hausbesetzer: Improvisierte Inneneinrichtung mit Liebe zum Detail. (Adrian Moser)

Vor der RBS-Linie nach Worblaufen und unter dem Felsenauviadukt der Autobahn liegt eigentlich ein lauschiges Plätzchen in Bern. Zur Idylle nicht ganz passend, findet sich dort kein Märchenschloss, sondern acht baufällige Gebäude, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut worden sind. Von den unteren Häuser an der Engehaldestrasse sieht man direkt auf die Aare, am Hang wuchert das Unkraut, ein Wohnhaus ist mit Graffitis besprayt, ein anderes wurde systematisch unbewohnbar gemacht. Mit erstaunlicher Präzision sind am Stauwehrrain 4 zum Beispiel alle Lavabos im Gebäude auf dieselbe Weise zerstört worden, ebenso wie die WC-Schüsseln.

Besetzer möchten zahlen Gleich daneben, am Stauwehrrain 6, wohnen fünf junge Leute, die sich Familie Machbar nennen und nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen wollen. Sie halten das Haus seit mehreren Monaten besetzt und würden gerne bis zum Abrisstermin bleiben. Doch wann dieser genau ist, wissen sie nicht. «Der Bund» schrieb am 30. Oktober, die Bevisa AG Eigentümerin der Liegenschaften seit 2006 wolle nächsten Frühling mit dem Bau von zehn Mehrfamilienhäusern beginnen. Entstehen sollen Eigentumswohnungen, nachdem die jetzigen Liegenschaften jahrelang von der Stadt günstig vermietet worden waren. Jürg Aeberhard, Verwaltungsrat der Bevisa, sagte vor gut zwei Wochen, er suche eine einvernehmliche Lösung mit den derzeitigen Bewohnern. Zwei Tage später kappte Energie Wasser Bern (EWB) den Strom, das Wasser und das Gas in allen Liegenschaften ausser am Stauwehrrain 6. «Von wegen einvernehmliche Lösung», sagt die Familie Machbar. «Wir haben den Eindruck, Aeberhard wolle uns aus dem Haus rausekeln.» Bei ihnen seien die Anschlüsse nur nicht gekappt, weil EWB nicht ins Haus gekommen sei. Via Aeberhards Anwalt hätten sie einmal kurz Kontakt gehabt, seither hätten sie aber nichts mehr von ihm gehört. Dabei möchte die Familie Machbar zwei einfache Dinge: «Wir möchten gerne wissen, wann denn tatsächlich das Haus abgerissen wird, und wir möchten mit Aeberhard einen schriftlichen Zwischennutzungsvertrag abschliessen, der uns verpflichtet, die Nebenkosten zu zahlen, und in dem ein konkreter Auszugstermin steht.»

Lieber draussen als in Wohnung Ihr Minimalziel sei, bis im Frühling bleiben zu können, damit sie nicht im Winter plötzlich auf der Strasse stünden. Denn in eine gewöhnliche Mietwohnung zu ziehen, kommt für die eingefleischten Hausbesetzer nicht infrage: «Ich habe schon einmal einen Winter im Zelt verbracht», erzählt eine der Frauen. Das möchte sie nicht noch einmal erleben. Ausserdem sei es bei einer polizeilichen Räumung nicht möglich, das Mobiliar mitzunehmen. Dies würden sie aber gerne tun, haben sie doch in diesem Haus eine funktionierende Waschmaschine und Weiteres mehr gefunden.

Im Dezember wird abgerissen Der Wunsch der Familie Machbar ist nach übereinstimmender Auskunft von Aeberhard und dessen Anwalt Bruno Wägli nicht möglich: «Wir wollen im Dezember mit dem Abriss beginnen», sagt Aeberhard. Er habe Wägli den Auftrag gegeben, mit den Bewohnern in Kontakt zu bleiben und ihnen mitzuteilen, wann der Bagger auffahren werde. «Ich habe aber nichts gegen die Bewohner, im Gegenteil: Ich hoffe, sie finden etwas anderes», sagt Aeberhard. Er verlange auch nichts von den Bewohnern. «Ich habe schon mehrere Tausend Franken bezahlt, aber das ist mir eigentlich egal.» Wägli sagt, er sei mit einem Herrn Brunner in Kontakt gestanden, der sich als Vertreter der Bewohner geäussert habe. «Aber wenn die eine Hand nicht weiss, was die andere tut . . .», lässt er den Satz unvollendet.

Zwischennutzung «sinnlos» Wägli hat Brunner mitgeteilt, der Abschluss eines Zwischennutzungsvertrages mache für die wenigen Tage bis zum Abriss keinen Sinn mehr. «Zudem sind die Bewohner ja jetzt schon ein paar Monate drin, ohne dass wir etwas gegen sie unternommen hätten», sagt Wägli. Wenn die Bevisa aber im Frühling mit dem Bau beginnen wolle, müsse sie noch dieses Jahr die Häuser abreissen, sagt Aeberhard. «Wir sind im Moment am Planen und leiten alles in die Wege, um das Gelände baubereit zu machen.» Dazu gehöre auch, dass EWB die Leitungen ganz kappe. «Es geht nicht darum, die Bewohner rauszuekeln», sagt Aeberhard. «Wir wollen einfach diesen Neubau realisieren, wofür wir auch seit dem 3. November die Bewilligung haben.»

Unendliche Geschichte Falls die Bevisa im Frühling wirklich mit dem Bau beginnt, ginge eine lange Geschichte zu Ende: Die Häuser sollten von der Stadt eigentlich an die Baugenossenschaft Fambau verkauft werden, welche günstigen Wohnraum schaffen wollte. Aufgrund des unsicheren Untergrunds und den damit verbundenen Zusatzkosten verzichtete die Fambau jedoch auf den Kauf. Die Bevisa plant ein Projekt, das laut Aeberhard über 20 Millionen Franken kosten wird. Die Wohnungen werden zwischen 500000 und über einer Million Franken kosten. Umstritten war, ob nicht auch eine sanfte Renovation möglich gewesen wäre. Die jetzigen Bewohner werfen den Bauherren vor, einzelne Häuser gezielt verlottern zu lassen, um abbrechen zu dürfen. «Der Abrissentscheid fiel vor zwei Jahren, aufgrund des Häuserzustands», sagt Aeberhard dazu.

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