Ein auskalkuliertes Loch

Welche Museen erhalten Geld vom Bund? Im Kanton Bern kommt der Ballenberg mit einer Schramme davon. Das Alpine Museum sieht seine Existenz gefährdet.

Mittlerweile massiv getrübte Aussichten: Die Filmcollage «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge» im Alpinen Museum, 2015/16.

Mittlerweile massiv getrübte Aussichten: Die Filmcollage «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge» im Alpinen Museum, 2015/16. Bild: David Schweizer (zvg)

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«Klar ist das eine Katastrophe», sagt Beat Hächler, der Direktor. «Da muss man nicht lange überlegen.» Das Alpine Museum der Schweiz in Bern, bisher vom Bund unterstützt mit gut einer Million pro Jahr, wird auf drei Viertel dieses Gelds verzichten müssen: Es bekommt in Zukunft von der Eidgenossenschaft nur noch einen jährlichen Betriebsbeitrag von 250'000 Franken. «De facto ist das ein Entscheid darüber, das Haus abzuschaffen. Auch darüber muss ich nicht lange nachdenken.»

Das Geld vom Bund machte bisher ein Drittel des 3-Millionen-Budgets des Hauses aus. Ein Drittel bezahlen weitere öffentliche Träger; neben der Stadt Bern und der Burgergemeinde vor allem der Kanton. Das restliche Drittel erwirtschaftet das Haus mit den Einnahmen und kleineren Unterstützungsbeiträgen. Was wiegt da die fehlende Dreiviertelmillion? Damit könne er, sagt Hächler, ein Jahr lang einen Grossteil der Löhne und der Infrastruktur bezahlen. Oder eine bis zwei Ausstellungen.

Neue Kriterien, böses Ende

Verantwortlich fürs Loch in der Kasse: neue Spielregeln beim Bund. Bisher haben Bundesrat und Parlament darüber entschieden, welche Museen Bundesgelder erhalten. Angekündigt in der Kulturbotschaft 2016–2020, die das Parlament bewilligt hat, gelten nun neue Kriterien. Sie sollen zum Ersten sicherstellen, dass sich der Bund nur bei jenen Museen ergänzend («subsidiär») beteiligt, für die sich Standortkantone und -gemeinden bereits substanziell engagieren. Zum Zweiten scheut der Bund das Giesskannenprinzip; er will nur noch grössere, «gesamtschweizerisch bedeutende» Institutionen unterstützen.

Beide Prinzipien wurden per Verordnung in eine Art Zauberformel umgegossen, die das Bundesamt für Kultur (BAK) nun angewendet hat. Erstmals mussten sich die Museen in einer Ausschreibung bewerben, und dabei hat das BAK nur Häuser berücksichtigt, die mit dem Bundesgeld höchstens 30 Prozent ihres Budgets bestreiten wollen. Zum einen. Zum andern musste der Bundesbeitrag mindestens 250'000 Franken betragen. Das Nachsehen hatten darum Museen, bei denen das Geld vom Bund bisher einen grossen Teil des Etats ausmachte. Sowie sehr kleine Häuser, also solche mit vergleichsweise schmalem Budget.

Das Alpine Museum ist aber nicht an dieser finanztechnischen Mechanik gescheitert: Mit einer leicht reduzierten Forderung im Gesuch konnte es beide Kriterien erfüllen. Vor dem Genickbruch steht es wegen einer weiteren Kalkulation, die das BAK eingeführt hat: Wenn es sich entscheidet, ein Museum zu subventionieren, dann mit einem «Sockelbeitrag» von 100'000 Franken. Dazu kommt ein Zusatz, der vom Gesamtbudget des Museums her errechnet wird: plus 5 Prozent des Budgets, wenn das Haus gute Arbeit, oder plus 7 Prozent, wenn es sehr gute Arbeit macht.

Im Fall des Alpinen Museums hat es für 5 Prozent gereicht, nach dem Rat einer Kommission externer Museumsfachleute, die das BAK für die Beurteilung der Qualitätsfrage einberufen hat (Qualität betreffend die Bedeutung des Hauses, seine Sammlung und sein Vermittlungsangebot). So sind fürs Alpine Museum am Ende 250'000 Franken herausgekommen; 310'000 wären es gewesen, hätten die Experten die Qualitätsfrage günstiger beurteilt. Damit lief der «Systemwechsel» (BAK) so oder so auf eine einschneidende Kürzung hinaus. Doch: «Von dieser zusätzlichen finanziellen Limite haben wir erst im Brief erfahren, mit der uns das BAK nun die Kürzung mitgeteilt hat», sagt Beat Hächler. «Davon war keine Rede, als die Ausschreibung eröffnet wurde.» Mit seinem «Rückzug» stelle der Bund eine Institution vor das Ende, die er in den Dreissigerjahren selber mitgegründet habe. «Er ist einer unserer Stifter, und so, wie er das Haus mitkonstruiert hat, war sein Beitrag eine tragende Säule.»

«Es gab keine Garantien»

Dass es im Alpenland Schweiz kein Museum geben solle, das als Einziges die Themen rund um die Berggebiete zur Debatte stelle, den Klimawandel etwa oder den Umgang mit dem Wolf, Gegenwartsfragen also, die fürs ganze Land relevant seien – das sei «nicht nachvollziehbar», sagt Hächler. «Die Kulturbotschaft will, dass sich die Museen näher an der Gegenwart orientieren. Wir machen das seit unserem Neustart 2011 konsequent und mit Erfolg. Für unsere Erfolge hat sich das BAK bisher allerdings nie interessiert.»

Im Amt selber heisst es, es habe nie eine Garantie gegeben, dass ein Museum mit dem bisherigen Geld rechnen könne. «Bei allem Verständnis für die Nöte in einzelnen Fällen: Es gibt keine historischen Ansprüche, die den Bund auf die Zukunft verpflichten.» So sagt es Benno Widmer; er leitet im BAK die Sektion Museen und Sammlungen. Man habe die mögliche «Neuverteilung» der Gelder im Zusammenhang mit der Kulturbotschaft immer klar kommuniziert. «Klar war auch, dass sich Museen, die bisher vom Bund besonders intensiv unterstützt wurden, unter Umständen neu orientieren müssen.»

Und die Finanzlimite mit dem Sockelbeitrag? Die hat das BAK tatsächlich erst nach der Ausschreibung definiert, also im laufenden Verfahren. Dreizehn Museen seien in die Auswahl gekommen, erklärt Widmer, und für sie seien total knapp sechs Millionen Franken zur Verfügung gestanden; «beschränkte Mittel», wenn auch eine gute Million mehr als bisher. «Wir mussten einen Schlüssel finden, mit dem wir die Summe nachvollziehbar verteilen und die Höhe der Betriebsbeiträge für alle unterstützten Häuser einheitlich berechnen können.»

Widmer rechtfertigt den ganzen neuen Fördermodus mit dem Willen des Parlaments. Es habe den Bund bei der Diskussion über die Kulturbotschaft beauftragt, die Museumsförderung öffentlich auszuschreiben und sie auf objektive Kriterien abzustellen. Diese kulturpolitische Verantwortung habe das BAK übernommen; es gebe nun eine «auf inhaltliche Kriterien gestützte Selektion», und die Subventionsbemessung orientiere sich an der Subsidiarität des Bunds, am Gesamtaufwand der Häuser und am Urteil der Experten.

Und das Alpine Museum? Er sehe «auf weiter Flur» keine Möglichkeit, sagt Beat Hächler, den Ausfall der Bundesgelder wettzumachen mit einem erhöhten Beitrag des Kantons oder anderer Partner. Die Burgergemeinde habe zwar soeben ihren Beitrag um 25'000 auf 35'000 Franken erhöht. «Aber das füllt die Lücke natürlich nicht. Uns bleibt nur der Weg, den Entscheid des BAK abzuwenden.» Möglich wäre eine Beschwerde gegen die entsprechende Verfügung des Bunds; der Stiftungsrat des Museums werde darüber befinden müssen. Zudem brauche es schnell ein Gespräch mit dem BAK und den weiteren Trägern.

Unmut unter Parlamentariern

Allerdings regt sich auch schon die Politik. Es habe im Parlament einen «breiten Konsens» für die Unterstützung des Alpinen Museums gegeben, und zwar gegen den Willen von Bundesrat und BAK, sagt Werner Luginbühl, Berner Ständerat der BDP. Dass das BAK nun mit seiner neuen Kompetenz die Existenz des gleichen Hauses bedrohe, sei «inakzeptabel». Luginbühl denkt genauso an einen parlamentarischen Vorstoss wie sein Nationalratskollege Matthias Aebischer (SP/BE). «Das BAK weiss, dass sein Entscheid das Ende dieses Museums bedeutet. Ich werde dafür kämpfen, dass das nicht passiert.» (Der Bund)

Erstellt: 19.07.2017, 13:31 Uhr

Ballenberg: Kürzung statt Millionensegen

Unglücklich über den Entscheid des Bundesamts für Kultur (BAK) ist man auch im Berner Haslital. Das Freilichtmuseum Ballenberg muss ebenfalls mit weniger Geld auskommen. Ab 2018 fliessen jährlich nur noch 470'000 Franken statt 500'000 Franken wie heute. Weil das Museum aufgrund von Sparmassnahmen bereits in diesem Jahr weniger Geld erhält, sei die Kürzung eine rein buchhalterische, wie Stiftungsratspräsident Peter Flück auf Anfrage sagt. Es ist denn auch weniger die Kürzung als die ausgebliebene Erhöhung der Gelder, die den früheren FDP-Politiker Flück stört. «Wir hätten uns mehr erhofft.»

Tatsächlich schwebte dem Ballenberg einst ein Betrag von über 4 Millionen
Franken vor. Nun ist es achtmal weniger geworden. Flück sorgt sich um die Zukunft. Mit so wenig Geld sei es nicht möglich, ein «Museumsdepot» zu bauen. In diesem sollen die heute über das ganze Museumsgelände verteilt ausgestellten rund 45'000 Ausstellungsgegenstände inventarisiert
und ausgestellt werden.

«Das verlangt auch der Bund von uns», sagt Flück hadernd. Nun müsse man schauen, wie man an Geld komme. Man hofft etwa auf mehr Geld vom Kanton. Mit diesem laufen derzeit Verhandlungen, weil der bisherige Subventionsvertrag ausläuft. Bisher zahlt der Kanton 625'000 Franken pro
Jahr. Parallel dazu prüft man im Ballenberg auch, ob man gegen den Entscheid des BAK rekurrieren will. (bwg)

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