Restaurant-Toiletten gegen WC-Notstand

Die «Nette Toilette» kommt nach Bern – früher als geplant. Öffentlich zugängliche Toiletten in Gastro-Betrieben sollen das sanitäre Angebot verbessern.

Die «Nette Toilette» im Restaurant Ringgenberg.

Die «Nette Toilette» im Restaurant Ringgenberg.

(Bild: Adrian Moser)

Christian Zellweger@@chzellweger

Es ist eine Berner Eigenart, dass das meistfotografierte Wahrzeichen der Stadt auch als Erleichterungsstelle dient – zumindest für Männer. Bald gibt es aber Alternativen zum Pissoir am Zytglogge. Am Mittwoch startet in der Innenstadt das Pilotprojekt zur «Netten Toilette», wie Radio Energy Bern am Montag berichtet. Geplant war der Beginn des Projektes für Anfang 2017, er konnte jetzt aber vorgezogen werden. Was in Biel, Thun oder Luzern funktioniert, soll auch in Bern Fuss fassen: Mit einem Aufkleber an der Tür signalisieren Gastrobetriebe, dass ihr WC auch für Passanten offensteht, die nicht im Restaurant konsumieren. Für dieses Angebot werden sie von der Stadt mit 1000 Franken im Jahr entschädigt. Damit die Toiletten nicht nur mit einem Kleber an der Restaurant-Tür zu finden sind, gibt es zusätzlich eine App fürs Handy. Das Projekt soll vorerst für ein Jahr als Pilotbetrieb laufen.

Geld nicht ausschlaggebend

Mit dabei ist etwa das Restaurant Ringgenberg am Kornhausplatz. Für Nicole Hässler, Geschäftsleitungsmitglied im «Ringgi», ist es selbstverständlich, dass die Toiletten für alle offenstehen. Sie finde es schade, dass nicht mehr Betriebe mitmachten. «Gerade für Familien mit Kindern ist es sehr schwierig, in der Stadt eine Toilette zu finden», sagt Hässler. Darum seien die Ringgenberg-Toiletten auch vor der «Netten Toilette» für dringende Bedürfnisse offengestanden. Den Beitrag der Stadt nimmt sie gerne entgegen, aber «für mich ist das Geld nicht ausschlaggebend».

Auch die Propeller Bar in der Aarbergergasse wird sich einen roten Kleber an die Tür heften. Auch hier standen die Toiletten bereits bisher allen zur Verfügung. «Es gibt zu wenige öffentliche WCs in der Stadt », sagt Betriebsleiter Jerry Krebs. Deshalb komme es öfters vor, dass Partygänger in die Hauseingänge urinierten. Mit der Teilnahme am Projekt wolle man dem entgegenwirken.

Allerdings löse die «Nette Toilette» nicht alle Probleme. Wenn im Propeller am Wochenende Clubbetrieb ist und der Eingang durch Securitypersonal geregelt wird, steht das Angebot nicht zur Verfügung. Doch gerade dann, wenn auch noch die Restaurants bereits geschlossen sind, sei der Problemdruck am Grössten. «Versenkbare Toiletten wären deshalb die beste Lösung», sagt Krebs.

Angst vor Verschmutzung und Vandalen

Nicht alle Gastrobetriebe haben sich dem Projekt gleich offen gezeigt. Von 100 angefragten Restaurant-Betrieben in der Innenstadt machen nun 15 beim Pilotprojekt mit, wie die stellvertretende Leiterin der Orts- und Gewerbepolizei, Dominique Steiner, sagt. «Viele hatten Angst, dass sie überrannt würden.» Die Furcht vor Schäden und übermässiger Verschmutzung, aber auch, dass die WC-Gäste nicht zum übrigen Publikum passten, hätte ebenfalls bei vielen Absagen mitgespielt.

Diese Befürchtungen, welche für andere Wirte gegen das Projekt sprechen, teilt Hässler nicht: «Es wäre schön, wenn das unsere grössten Sorgen wären». Und auch Esther Grünewald vom Hotel-Restaurant National, das ebenfalls am Projekt teilnimmt, sagt, sie habe wenig Verständnis für Betriebe, welche ihre Toilette nur für bezahlende Gäste offen hielten. «Es ist ein Grundbedürfnis, auf die Toilette zu gehen.» Und schliesslich sei eine offene Toilette auch ein Zeichen von Gastfreundschaft.

Gute Erfahrungen in anderen Städten

Die «Nette Toilette», ein Projekt aus Deutschland, gibt es bereits in anderen Schweizer Städten, etwa in Luzern, Biel oder Thun. Hier läuft das Projekt bereits seit 2014. Für die Stadt war es damals eine Möglichkeit, für die Festivitäten zu 750 Jahren Stadtrecht das Toilettenangebot schnell ausbauen zu können, sagt Bauvorsteher Konrad Hädener.

Auch zwei Jahre später sei die Bilanz «ausnehmend positiv», für die Stadt, für die Betriebe und für die Bevölkerung, so Hädener. Aktuell sind 17 Betriebe beteiligt. Ausser bei Betriebsaufgaben kam es zu keinen Austritten aus dem Projekt. Die Gäste würden die Restauranttoiletten oft sowieso benutzen, so Hädener – aber mit schlechtem Gewissen. Mit der Teilnahme am Projekt könnten die Gastrobetriebe einfach Sympathiepunkte sammeln.

DerBund.ch/Newsnet

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