Publibike muss Veloflotte nachrüsten

Fahrräder des Leihvelo-Anbieters Publibike lassen sich kinderleicht knacken – nicht nur in Bern. Das Problem sei bekannt gewesen, sagt ein Experte.

Das Schloss der Publibike-Velos zu knacken, ist ganz einfach. Dies zeigt ein Selbstversuch bei der Station in der Lorraine.

Das Schloss der Publibike-Velos zu knacken, ist ganz einfach. Dies zeigt ein Selbstversuch bei der Station in der Lorraine.

(Bild: Adrian Moser)

Mischa Stünzi

Der Veloverleiher Publibike steht vor einem grossen Problem. Wer in der Stadt Bern mit den Fahrrädern und E-Bikes herumfahren will, müsste sich registrieren und für die Nutzung zahlen. Das Angebot gibt es nun aber auch gratis: Die Veloschlösser lassen sich manipulieren, sodass die App zur Entsperrung nicht benötigt wird.

Das Schloss zu knacken, ist tatsächlich kinderleicht, wie ein Selbstversuch bei einer Velostation in der Lorraine zeigt. Man benötigt dafür nur wenige Sekunden. An einer anderen Velostation sind Jugendliche anzutreffen, die ebenfalls um den Kniff wissen und an den Fahrrädern herumfummeln. Als sie der «Bund» darauf anspricht, sagen sie: «Die sind selber schuld, wenn die nicht fähig sind, bessere Schlösser einzubauen.»

Die Jugendlichen schliessen die Fahrräder wieder ab und lassen sie stehen. Ihnen scheint bewusst, dass sie sich auf heiklem Terrain bewegen: Wer mutwillig Schlösser knackt, Fahrräder benutzt und dabei erwischt wird, macht sich unter Umständen des Diebstahls strafbar. «Wir verurteilen dieses illegale Vorgehen scharf», sagt Urs Bloch, Mediensprecher der Postauto AG, zu der Publibike gehört.

Stadt Bern ist wenig erfreut

Das Problem sei neu, sagt Bloch. «Wir müssen nun abklären, wie weit es reicht und wie wir es lösen können.» Unklar ist etwa, ob nur die Berner Velos betroffen sind. Der Veloverleiher operiert nämlich in mehreren Kantonen. Eine Nachricht auf Twitter aus Zürich legt allerdings nahe, dass auch dort schon Schlösser geknackt wurden. So teilt ein Nutzer mit, in seinem Quartier stünden seit Tagen zwei Publibikes herum. Und ein Kontakt verrät dem «Bund», er wisse von Leuten in Zürich, die die Schlösser geknackt hätten.

Die Nachricht kommt bei der Stadt Bern, die den halbstaatlichen Veloverleiher mit zwei Millionen Franken unterstützt, nicht gut an. «Das System darf keine solchen Fehler aufweisen. Wir erwarten von Publibike, dass sie das Problem so schnell wie möglich in den Griff bekommen», sagt Verkehrsplaner Karl Vogel.

Die Sache mit der Ortung

Die leicht manipulierbaren Schlösser ziehen ein weiteres Problem nach sich: das Aufspüren der geknackten Zweiräder. Der Veloverleiher hat seine Velos nämlich nicht mit GPS ausgestattet. «Dafür müssten wir jedes Fahrzeug mit einer SIM-Karte ausrüsten, was zu teuer wäre», sagt Mediensprecher Bloch.

Sicher ist, dass die Schlösser und allenfalls auch das Ortungssystem angepasst werden müssen. Bloch lässt offen, wie es weitergeht: «Wir klären derzeit ab, ob es allenfalls eine Möglichkeit gibt, die Velos mit Funk zu orten.» Die Firma will am Dienstagnachmittag über das weitere Vorgehen informieren.

Ein Insider, der in einer frühen Phase an der Entwicklung des Schlosses mitgewirkt hat, verrät, welche Massnahmen er erwartet. Publibike werde die Schlösser reparieren, sie zu ersetzen wäre viel zu teuer. «So ein Schloss kostet mehrere Hundert Franken. Da steckt ziemlich viel Elektronik drin.» Es sei nicht das erste Mal, dass die Publibike-Schlösser technische Schwierigkeiten hätten. Er wisse, dass es bereits kurz vor dem Start des Veloverleihs Probleme gab. Schon damals hätten sämtliche Schlösser repariert werden müssen. Deshalb habe sich der Start der Leihvelos verzögert.

Ein attraktives Ziel für Diebe

Dass sich solche Schlösser per Erschütterung knacken liessen, sei nichts Neues, sagt Rolf Diefenbacher. Der Ingenieur hatte mit seinem Unternehmen ursprünglich von Publibike den Auftrag erhalten, das Schloss zu entwickeln. «Wir haben bei ähnlichen Schlössern eines anderen Anbieters die Erfahrung gemacht, dass sie sich per Tritt haben öffnen lassen. Das haben wir bei unserer Entwicklung berücksichtigt und Publibike mehrfach darauf hingewiesen.» Es sei ihm unerklärlich, wie es nun trotzdem zu diesem Fiasko kommen konnte, so Diefenbacher. Er rechnet damit, dass es mindestens fünf Monate dauern wird, die Schlösser nachzurüsten. «Realistischerweise dürfte Publibike etwa bis im Frühling stillstehen.» Schliesslich müsse die Lösung hieb- und stichfest sein. Einen weiteren Fehltritt könne sich Publibike nicht leisten.

Diefenbacher hat auch eine Erklärung, weshalb die Velos nicht mit GPS ausgerüstet wurden. Solche Chips seien Stromfresser. «In den Publibike-Velos steckt ein Bluetooth-Chip. Dieser lässt sich nur aus einer Entfernung von 20 bis 30 Meter orten.» Sollten die Bikes unauffindbar bleiben, wäre das für den Anbieter ein finanzielles Debakel: Ähnliche E-Bikes kosten im Laden je nach Ausführung bis zu 5000 Euro – ein attraktives Ziel für Diebe. Für Publibike bliebe letztlich nur eine Lösung: Sämtliche Velos müssten so rasch wie möglich eingezogen werden.

Der Bund

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