Berner koksen mehr – aber niemand merkts

Eine europäische Abwasserstudie hat ergeben: Die Stadt Bern ist beim Kokainkonsum weit vorne mit dabei.

Der Kokainkonsum hat in der Stadt Bern stark zugenommen. Die Reinheit des Kokains, dass auf der Strasse verkauft wird, hat dabei ebenfalls zugenommen.

Der Kokainkonsum hat in der Stadt Bern stark zugenommen. Die Reinheit des Kokains, dass auf der Strasse verkauft wird, hat dabei ebenfalls zugenommen. Bild: Franziska Scheidegger (Symbolbild/Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gemessen am Kokainkonsum sind die Schweizer Städte Europameister: Fünf Schweizer Städte – darunter Bern auf Platz 8 – finden sich in der Rangliste der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. In einem Zeitraum von einer Woche wurde das Abwasser auf Drogenrückstände untersucht. Insbesondere 2017 stellte die Beobachtungsstelle in der Schweiz einen stark erhöhten Kokainkonsum fest: In Bern wird mehr als anderthalb mal soviel wie im Vorjahr geschnupft.

Bei der Stiftung für Suchthilfe Contact stellt man jedoch keine Zunahme bei der Zahl der Kokainsüchtigen fest. «Unsere Klienten und Klientinnen konsumieren gleich viel und auch die Anzahl bleibt dieselbe», sagt Carl Müller, stellvertretender Geschäftsleiter von Contact. Die Stiftung bietet im Rahmen von «rave it safe» an, Kokain und andere Drogen zu analysieren. Damit soll unter anderem über beigemischte Streckmittel informiert werden. «Hier stellen wir fest, dass die Reinheit des Kokains auf der Strasse zunimmt», sagt Müller. Das sei einerseits besser, da weniger Zusatzstoffe zugefügt würden, andererseits schlechter für die Konsumenten, die an den gestreckten Stoff gewohnt seien.

«Ein Verbot bringt nichts. Drogen werden trotzdem konsumiert.»

Christa Ammann, Städtratin AL

Eine Abgabe, wie das beim Heroin praktiziert wird, sei beim Kokain nicht möglich, sagt Müller. Das Konsumverhalten bei den beiden Suchtmitteln sei grundlegend verschieden, sagt er. Die Wirkung beim Heroin hält demnach deutlich länger an als beim Kokain. Dem Heroinabhängigen reichten in der Regel ein bis zwei Dosierungen am Tag, «der Kokainabhängige muss innert kürzester Zeit mehr haben», betont Müller.

Verspätete negative Wirkung

Die Stiftung Berner Gesundheit ist unter anderem in der Suchtberatung, Suchttherapie und Prävention tätig. Rita Hubrich, Regionalleiterin Berner Gesundheit, betreut unter anderem Kokainabhängige. Hier sei von einer Zunahme der Kokainabhängigen auch nichts zu spüren, sagt Hubrich: «Es sind etwa konstant sieben- bis acht Prozent der Klientinnen und Klienten.» Diese Zahl sei seit vielen Jahren stabil.

Der Grund, warum es trotz erhöhtem Konsum keine Zunahme an Hilfesuchenden gebe, sei schwierig zu erklären, fügt Hubrich bei: «Wird jetzt mehr Kokain genommen, merken wir das wohl erst in ein paar Jahren.» Die Leute, die jetzt abhängig werden, sind also erst Jahre später so weit, dass sie sich bei einer Drogenberatungsstelle melden. Die Kokainabhängigen seien eine spezielle Gruppe, betont Hubrich. «Oftmals reagiert das Umfeld und meldet die Klienten bei unserer Fachstelle an.» Die Betroffenen merkten oft sehr spät, dass sie ihren Konsum nicht mehr im Griff haben. Sie sind jedoch meist noch gut in der Gesellschaft integriert und haben schneller Erfolge bei der Bekämpfung ihrer Sucht als Heroinabhängige.

Die Kantonspolizei Bern verzeichnete in der Kriminalstatistik 2017 eine Zunahme an beschlagnahmtem Kokain im Vergleich zum Vorjahr. Waren es 2016 noch 18 Kilo, stellte die Polizei 2017 rund 25 Kilo des weissen Pulvers sicher. «Nur aufgrund der Zahlen kann jedoch kein Rückschluss auf den Konsum gemacht werden», betont Dominik Jäggi, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern. Eine Zunahme der Zahlen sei auch damit zu erklären, dass die Aufklärung von Betäubungsmitteldelikten direkt von der Polizeiarbeit abhänge. Zudem sei es auch möglich, «dass eine Ermittlung erst nach Monaten oder Jahren zum Abschluss kommt.»

Legalisieren – nicht verharmlosen

Die FDP möchte das Kokain entkriminalisieren. Das sagte der Appenzeller FDP-Ständerat Andrea Caroni in der SRF-Rundschau. Auch die Berner Stadträtin Claudine Esseiva (FDP) möchte eine Liberalisierung prüfen. Esseiva ist verantwortlich für die Drogenpolitik in ihrer Fraktion. «Die Untersuchung zeigt, dass der Stoff offenbar leicht erhältlich ist», sagt Esseiva. Ein kontrollierter Verkauf wäre sicher eine Lösung, die man prüfen sollte. Esseiva betont aber, dass sie den Konsum nicht verharmlosen wolle. Drogen brächten sehr viel Elend mit sich. Trotzdem sollten die Leute mit einem Drogenproblem die Möglichkeit haben, «vom Schwarzmarkt wegzukommen», betont Esseiva.

Noch einen Schritt weiter geht die Berner Stadträtin Christa Ammann von der Alternativen Linken (AL). Sie möchte neben Kokain auch alle anderen Drogen legalisieren. «Drogen werden trotz Verbot konsumiert», sagt Ammann. Zudem seien die Drogen auf der Strasse mit vielen Giftstoffen versetzt: «Viele Gesundheitsschäden entstehen nicht durch den Stoff selbst, sondern durch die Streckmittel.» In Bezug auf Kokain hat Ammann eine Motion im Stadtrat eingereicht. Ihre Fraktion möchte einen Pilotversuch für einen kontrollierten Verkauf starten.

Von all diesen Massnahmen hält Stadtrat Alexander Feuz, Stadtrat der SVP, nichts. Eine Legalisierung sei gefährlich. «Wenn selbst Politiker laut über einen Verkauf von Kokain nachdenken, sinkt die Hemmschwelle, es zu konsumieren.» Feuz setzt auf Repression: «Die Abschreckung für die Dealer sollte grösser werden.» Zudem sollten die Behörden das «Strafmass ausschöpfen und Ausschaffungen konsequent vollziehen». Schlussendlich müsse die Gesellschaft erreichen, was sie beim Heroin weitgehend geschafft habe, so Feuz: «Kokain muss uncool werden.» (Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:46 Uhr

Artikel zum Thema

Reineres Kokain sorgt in Bern für Überdosen

Zurzeit ist hochwertiges Kokain auf dem Markt. Weniger Streckmittel bedeuten aber nicht weniger Probleme. Mehr...

Eine statistische Drogenhochburg

In der Stadt Bern werden viel mehr Drogendelikte registriert als in Zürich oder Basel. Experten vermuten die Ursache darin, dass die Polizei hier sehr aktiv gegen Drogen vorgeht. Diese sieht andere Gründe. Mehr...

«Ohne Regeln verroht der Mensch»

Barbara Mühlheim, die abtretende Leiterin der Heroinabgabe, beklagt ein mangelndes Verständnis rot-grüner Kreise für die Repression in der Drogenpolitik. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...