Nause startet KMU-Velo-Offensive

Ein Pilotprojekt des Berner Gemeinderats Reto Nause will dem Gewerbe das E-Cargo-Bike schmackhaft machen. Die Wirtschaftsverbände zweifeln am Nutzen des Projekts für die Unternehmen.

Gemeinderat Reto Nause bei der Präsentation des Projektes.

Gemeinderat Reto Nause bei der Präsentation des Projektes.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Für kleinere Reparatur- und Installationsarbeiten wird beim Elektroinstallationsgeschäft Mathys + Götschmann in Zukunft kein Lieferwagen mehr die Werkstatt verlassen. Stattdessen packt der Elektriker sein Material in die Metallbox vor dem Lenker seines E-Cargo-Bikes. Beim Kunden angekommen, kann er sich die Suche nach einem Parkplatz sparen – stattdessen stellt er es in einer passenden Lücke in der Nähe des Einsatzortes ab und kann so schneller mit der Arbeit beginnen.

Im Umkreis von rund fünf Kilometern um den Berner Bahnhof will der Geschäftsführer Adrian Götschmann seine Kunden künftig mit dem elektrisch unterstützten Lastenvelo bedienen. Gemäss seinen Berechnungen dürfte er damit ein Firmenauto weniger brauchen und kann sich die Kosten für dessen Versicherung und Parkplatz sparen.

Kein Allround-Verkehrsmittel

Ungefähr so stellt sich auch Umweltdirektor Reto Nause (CVP) die Vorteile des gestern gestarteten Pilotprojektes vor. In den kommenden sechs Monaten dürfen neun KMU die E-Cargo-Bikes gratis nutzen und testen, ob sie für ihre Zwecke sinnvoll einsetzbar sind. Das Projekt soll zeigen, für welche Branchen sich diese Verkehrsmittel lohnen, und so einen Beitrag zur Energie- und Klimastrategie 2025 der Stadt Bern und der Velo-Offensive leisten.

Diese Art der Mobilität hat aber nicht nur Vorteile: Die Distanz, welche mit einer Akkuladung zurückgelegt werden kann, variiert je nach Gewicht der Ladung und den zurückgelegten Höhenunterschieden stark. Unter Idealbedingungen kommt man laut Oliver Busato, Geschäftsführer bei City Cycles, bis zu 80 Kilometer weit. Bei starker Belastung des Elektromotors jedoch bloss 8 Kilometer. Im Schnitt rechne er damit, dass man rund 40 bis 50 Kilometer mit einer Akkuladung zurücklegen kann.

Ein weiterer Nachteil des Bikes gegenüber dem Auto dürfte ausserdem sein, dass der Fahrer den Witterungsbedingungen stärker ausgesetzt ist.

Wirtschaftsverbände zweifeln

Die genannten Nachteile sind für Thomas Balmer vom Gewerbeverband KMU Stadt Bern denn auch Grund genug, am Nutzen dieser Verkehrmittel für Unternehmen zu zweifeln: «Ich glaube nicht, dass das E-Cargo-Bike ein echter Auto­ersatz ist. Nach einer Anfangszeit dürften die Nachteile gegenüber dem Auto bei den meisten überwiegen.» Für einen Grossteil der Gewerbetreibenden seien diese Verkehrsmittel ausserdem unpraktikabel: Die Ladefläche sei zu klein und höchstens für kleinere Lieferungen geeignet.

Adrian Haas, Direktor des kantonalen Handels- und Industrievereins, zweifelt daran, dass die Kostenersparnisse durch die Elektrobikes tatsächlich ins Gewicht fallen: «Den grössten Kostenanteil bei einer Lieferung sind die Lohnkosten.» Ausserdem kann er für den Kunden keinen Zusatznutzen erkennen: «Ob die Lieferung mit einem E-Cargo-Bike oder mit einem herkömmlichen Lieferdienst oder Velokurier beim Kunden ankommt, spielt für diesen kaum eine Rolle.»

Nause glaubt an Projekt

Reto Nause weist die Kritik der Wirtschaftsverbände zurück: «Es ist Sache der Unternehmer, zu entscheiden, ob diese Transportlösung für sie sinnvoll ist oder nicht.» Es sei klar, dass man mit den E-Cargo-Bikes keine Lasten von 300 Kilogramm transportieren könne. Im städtischen Gebiet könne man einen Beitrag an die Ökologie leisten: «Es geht dabei nicht nur um CO2. Sollte dadurch ein Auto weniger herumfahren, braucht es weniger Parkplätze, und es hat mehr Platz auf den Strassen.»

Durchs Umsatteln auf die Lastenvelos, die bis zu 150 Kilo transportieren können, sollen Firmen Kosten für Benzin, Versicherung und Parkplatzgebühren sparen, die für ein Auto anfallen würden. Darüber hinaus sollen die E-Cargo-Bikes zumindest in der Anfangsphase als Werbeträger im Berner Stadtverkehr auffallen, hiess es an der gestrigen Medienkonferenz.

Der Bund

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