«Bernburger sein ist noch kein politisches Programm»

Michael Aebersold über seine Gemeinderats-Kandidatur, seinen Werdegang in der SP und seine Vorliebe für Polo Hofer.

Bild: Franziska Scheidegger

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Herr Aebersold, Sie wollen in den Gemeinderat, warum?
Ich habe über 20 Jahre als Milizler Politik gemacht. Ich habe in vielen Verbänden und Organisationen ehrenamtlich gearbeitet. Jetzt ist die Chance da, voll auf die Karte Politik zu setzen.

Sie wollen den Sitz von Alexander Tschäppät als Gemeinderat, der Ende Jahr zurücktritt, beerben. Was werden Sie besser machen?
Alex Tschäppät hat sich mit viel Enthusiasmus für die Stadt eingesetzt. Wer ein solches Niveau erreicht, ist spitze. Ich sehe meine Stärke in der Vernetzung. Die Stadt kann sich besser positionieren gegenüber dem Kanton und anderen Gemeinden. Ich möchte die Akzeptanz für die Stadt Bern verstärken.

Das hat Tschäppät zu wenig überzeugend gemacht?
Er hat andere Stärken.

Sie waren auf allen Ebenen politisch tätig und haben Schritt für Schritt Karriere gemacht: Partei, Gemeinde, Kanton. Das tönt beachtlich, aber auch sehr klassisch, etwas bieder und langweilig gar?
Die einzelnen Schritte habe ich nicht geplant. Die politischen Stationen – Stadtrat, Co-Präsident der SP Stadt Bern, Grossrat und dann SP-Fraktionschef – haben sich ergeben. Das war immer sehr spannend. Ich habe die Aufgaben mit Leidenschaft für die Politik übernommen, war und bin aber nie verbissen.

Sie verkaufen sich als «klar links und grün». Was heisst das?
Im Energiebereich heisst grün beispielsweise, den Verbrauch zu senken. Wir müssen Gebäude sanieren, deren Energieverbrauch zu hoch ist. Im Stadtrat gab es vor Jahren Opposition, als ich verlangte, im Oberfeld in Ostermundigen müssen Minergiebauten erstellt werden. Das Auto will ich nicht verbieten. Aber es ist doch klar: Die Stadt ist für das Velo und den öffentlichen Verkehr gemacht. Einen Ausbau der A 6 braucht es nicht. Als linker Mensch setze ich mich beispielsweise dafür ein, dass Kinder von schlecht verdienenden Eltern die nötige Unterstützung erhalten, damit sie faire Startchancen haben.

Sind Sie für das bedingungslose Grundeinkommen?
Ich habe die Initiative unterschrieben. Es ist aber, zugegeben, eine schwierige Frage. Die Umsetzung ist wohl eher problematisch. Ich habe meine Meinung für den 5. Juni noch nicht definitiv gemacht.

Hat die Stadt Bern ein Problem mit fehlenden Unternehmen, die Steuern zahlen?
Der ganze Kanton Bern hat wohl ein Problem damit. Allerdings finde ich die Situation für die Stadt Bern nicht problematisch. Wichtiger ist, dass die Stadt einen guten Ausgleich bietet von Wohnen und Arbeiten. Für mich ist wichtiger, Familien und nicht Firmen in die Stadt zu holen. Es ist doch letztlich nicht entscheidend, ob die Swisscom in Ittigen, in Köniz oder Bern ihren Sitz hat. Die Gemeinden müssten ohnehin enger zusammenarbeiten.

In der Innenstadt droht derweil das Gewerbe wegen grosser Ladenketten auszusterben.
Ich sehe dort tatsächlich eine gewisse Gefahr, dass die Innenstadt verödet. Das Problem sind die hohen Mietzinse. Eine Lösung habe ich nicht parat. Sicher braucht es eine bessere Durchmischung von unterschiedlichen Geschäften, Gastrobetrieben und Kulturangeboten.

Das Viererfeld soll überbaut werden. Finden Sie das richtig?
Ja. Ich habe schon bei der letzten Abstimmung dafür gekämpft. Wenn wir mehr Leute in die Stadt holen wollen, ist diese Überbauung genau richtig.

Müsste nicht zuerst andernorts verdichtet werden?
Das eine tun, das andere nicht lassen. Es gibt viele Projekte, bei denen es aber nicht so rasch weitergeht.

Im Kantonsparlament haben Sie eben geholfen, den Gegenvorschlag zur Kulturlandinitiative durchzubringen, die es der Stadt Bern schwerer machen wird, zu wachsen.
Wir haben damit die Initiative, die viel rigoroser war, obsolet gemacht. Es ist unsere Politik, verdichtet zu bauen, anstatt grüne Flächen in der Agglomeration zu überbauen. Insofern ist der Gegenvorschlag zur Kulturlandinitiative ein guter Kompromiss.

Welche Direktion wollen Sie übernehmen?
Das ist eine Standardfrage, also bekommen Sie eine Standardantwort: Ich bin offen für alles – ausser für die Präsidialdirektion.

Die SP könnte ja mal auch die Sicherheitsdirektion übernehmen?
Die SP muss Schlüsselpositionen übernehmen. Es geht darum, gestalten zu können, was in der Sicherheitsdirektion weniger möglich ist. Zudem gehört die Sicherheit nicht zu meinen Lieblingsthemen.

Wie soll die Stadt Bern gegen die gewaltbereiten Chaoten in der Reitschule vorgehen?
Gewalt ist ein absolutes No-go. Gewaltbereite Chaoten gibt es aber nicht nur in der Reitschule. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Am besten wäre, wenn die Polizei und die Betreiber an einen runden Tisch sitzen, um sich klarzuwerden, welche Regeln gelten. Die Betreiber müssen sich klar von Gewalt distanzieren. Es ist bedauerlich, wenn ein paar Chaoten den Kulturbetrieb aufs Spiel setzen.

Bekommt das Stadttheater zu viel Geld?
Kultur gehört bisher nicht zu meinen Kernthemen. Ich denke aber, der bisherige Verteiler hat in den letzten Jahren gut funktioniert.

Wie heisst die neue Superdirektorin der Berner Museen?
Sie arbeitet in Basel. Sie ist ursprünglich eine Deutsche. Der Name fällt mir jetzt aber gerade nicht ein.

Das RGM-Bündnis, zu dem Sie gehören, streitet sich derzeit um die Stadtpräsidiumskandidatur. Bereits wollen drei Stapi werden. Warum nicht auch noch Sie?
Das wäre ein Jekami. Der Job ist zu seriös, um bei diesem Spiel mitzumachen. Für mich muss eine Person das Stadtpräsidium übernehmen, die bereits Exekutiverfahrung in der Stadt Bern hat.

Ist es nicht im Interesse des Wahlvolks, eine Auswahl zu haben?
Wenn zwei Personen aus dem RGM-Lager und allenfalls zwei von bürgerlicher Seite zur Wahl antreten, dann hat das Volk eine Auswahl. Drei Kandidaturen aus dem links-grünen Lager sind nicht nötig. Ursula Wyss hat bisher hervorragende Ergebnisse bei den Wahlen erzielt. Sie ist absolut legitimiert für dieses Amt.

Die SP wirkt sehr arrogant, wenn sie sagt, eigentlich dürfe nur Ursula Wyss Stapi werden.
Den Vorwurf muss sich die SP gefallen lassen. Doch Politik hat auch mit Macht zu tun. Die SP ist die grösste Partei in der Stadt Bern mit 34 Prozent Wähleranteil bei den letzten Wahlen. Das ist ein Plebiszit der Bevölkerung. Als stärkste Kraft haben wir die Legitimation, auch Forderungen zu stellen und stark aufzutreten.

Braucht es eine Frau als Stadtpräsidentin?
Wenn die Person fähig ist und der Anspruch gerechtfertigt ist, ja.

Was halten Sie von Alec von Graffenried?
Politisch kann ich ihn nicht fassen. Er ist sicher ein fähiger Gemeinderat.

Ein Bernburger wie Sie.
Ja. Aber Bernburger sein ist noch kein politisches Programm.

Muss man die Burgergemeinde abschaffen?
Das ist nicht das vordringlichste Thema. Es besteht quasi eine Kohabitation zwischen linker Stadt und bürgerlichen Burgern. Das funktioniert gut.

Was wäre schlimm, wenn die GFL das RGM-Bündnis verlassen würde?
Im Gegensatz zu 1992, wo es RGM gelungen ist, einen Bürgerblock zu knacken, ist die Situation heute anders. Arithmetisch hat RGM nicht mehr dieselbe Bedeutung, insbesondere wegen der neuen Parteien GLP und BDP. Aber RGM ist eine Marke, ein Label, das viel erreicht hat. Es wäre äusserst bedauerlich, wenn das Bündnis nicht halten würde.

Welche Leichen haben Sie im Keller?
(lacht) Ich war nie im Rotlichtmilieu tätig. Im Ernst: Ich bin transparent und lege alles auf den Tisch: Ich bin Sozialdemokrat, Bernburger und kümmere mich beruflich um die Entsorgung radioaktiver Abfälle. Im Militär war ich Oberleutnant.

Das tönt gut bürgerlich.
Ich komme aus gut bürgerlichem Haus und bin auf dem Land aufgewachsen. Meine Eltern wählen konsequent SVP. Wir haben auch heute noch spannende Diskussionen am Tisch.

Züri West oder Patent Ochsner?
Züri West. Allerdings bin ich ein grosser Polo-Hofer-Fan. Ich liebe seine Musik seit der Gymerzeit.

YB oder SCB?
Die wenige Freizeit, die ich habe, verbringe ich nicht in den Stadien. Ich habe zwar Freude, wenn die Berner Clubs gewinnen. Ich mache aber lieber selber Sport. Ich gehe auf Ski- und Bergtouren. Und ich fahre mit dem Velo zur Arbeit.

Bea oder Oper?
An die Bea gehe ich, wenn wir mit der SP einen Stand haben. In die Oper bin ich selten, z. B. in Avenches, gegangen.

Michael Aebersold, 54, ist Grossrat für die SP, die er als Fraktionschef auch präsidiert. Zuvor war er im Stadtparlament. Beruflich arbeitet Aebersold als stellvertretender Abteilungsleiter im Bundesamt für Energie. Er wurde am Montagabend von der Delegiertenversammlung als zweiter SP-Kandidat neben Ursula Wyss für die Wahl in die Stadtexekutive nominiert. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.03.2016, 14:25 Uhr

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