«Bern wird zu einem Mini-Berlin»

Beizen, Bars und Cafés spriessen in Berner Quartieren wie Pilze aus dem Boden. Einige Anwohner freuen sich darüber, andere drohen mit Lärmklagen.

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Kaum eine Woche scheint zu vergehen, ohne dass in Bern eine neue Bar, ein Café oder eine Beiz aufgeht – und dies draussen in den Quartieren. Ein Beispiel dafür ist das soeben eröffnete Provisorium 46 im ehemaligen Länggass-Stübli. Im Bedienungsteam arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung, das erste Gastroprojekt der Organisation Blindspot. Die Zwischennutzung wird voraussichtlich zweieinhalb Jahre dauern.

Dieser Trend bleibt auch in der Gastrobranche nicht unbemerkt, etwa bei Adrian Iten, dem Präsidenten der Bar- und Clubkommission Bern und Inhaber des Cafés Adrianos: «Dadurch werden die Quartiere lebendiger, was sehr erfreulich ist.»

Dass sich Bars und Cafés in den Quartieren und nicht nur im Zentrum niederliessen, zeige sich in Städten wie Paris und Berlin schon lange, so Iten. «Bern tendiert also durchaus dazu, zu einem Mini-Berlin zu werden.»

Weshalb ziehen Wirte die Quartiere einem Standort in der Innenstadt vor? Für Iten liegt dies einerseits an den restriktiven Bestimmungen für Gastrobetriebe in der Innenstadt. So werde es immer schwieriger, in der unteren Altstadt eine Überzeitbewilligung zu erhalten.

Mögliche weitere Gründe dafür sieht Iten in den hohen Mieten und den wenigen verfügbaren Standorten in der Altstadt. Dies treibe junge, innovative Unternehmer in die Quartiere. Wandert deshalb die Kundschaft aus der Altstadt ab? «Davon habe ich in meinem Café auf jeden Fall noch nichts bemerkt.»

Auf das Konzept kommt es an

This Dauwalder vom Löscher in der alten Feuerwehrkaserne Viktoria erklärt sich die vielen Neueröffnungen in den Quartieren ebenfalls damit, dass dort die Mieten tiefer seien und mehr Platz vorhanden sei. Der Erfolg dieser Lokale liegt seiner Meinung nach aber nicht an der geografischen Lage: «Ausschlaggebend sind die Qualität, die Ehrlichkeit und das Konzept einer Beiz.»

Eine Quartierbeiz, die sich nicht über fehlende Kundschaft beschweren kann, ist das Barbière am Breitenrainplatz. Für Marcel Graf, den Medienverantwortlichen des Restaurants, sind auch die gesellschaftlichen Veränderungen ein Grund dafür: «Die Leute wollen im eigenen Quartier bleiben.»

Der Erfolg stelle sich aber nur ein, wenn das Angebot auch den Bedürfnissen entspreche. Graf glaubt nicht, dass sich die Gastrokonzepte in der Innenstadt und in den Quartieren «beissen». In einem lebendigen Quartier nähmen die Bewohner vermehrt am Quartierleben teil, tauschten sich aus und kauften vor Ort ein.

Leben im eigenen Quartier

Dieser Trend zeigt sich auch in der im April eröffneten Kaffeebar Effinger im City-West. «Ich finde es erstrebenswert, wenn die Leute im Quartier bleiben und in den hiesigen Geschäften einkaufen», sagt Mitbegründerin Domenica Winkler.

Für sie sind es die Nähe zum eigenen Zuhause und die intime Atmosphäre, die die Leute in die Quartierbeizen ziehen. Man kenne sich auch schneller, was die Beziehung zu den Kunden persönlicher mache. «Mir sagen auch viele Leute, dass sie froh seien, wenn sie für ihr Feierabendbier nicht mehr in die Altstadt gehen müssten.»

Silvia Peter von der Caffè Bar Sattler im Länggassquartier fügt hinzu: «Viele Leute suchen einen lauschigen, ruhigen Ort, um etwas trinken zu gehen.» Die Aufwertung der Quartiere durch Beizen und Bars ist ganz im Sinn des Vereins Pro Nachtleben Bern.

Präsident Remo Sägesser bemerkt aber gleichzeitig ein gesellschaftliches Phänomen, das mit dieser Entwicklung zusammenhängt – gewissermassen die Kehrseite der Medaille. «Es sind alle erfreut, wenn es ein neues Angebot in der Nähe gibt, solange es nicht direkt vor der eigenen Haustüre liegt.» Somit gebe es immer Leute, die sich rasch am Lärm der Lokale störten. «Doch ein lebendiges Quartier ist halt einfach nicht leise, das gehört dazu.»

Matte zu Tode beruhigt

Manuel C. Widmer, GFL-Stadtrat und bekannt als Plattenleger MCW, kennt das Problem. «Leute, die sich heute über die Entwicklung freuen, stören sich vielleicht selber bald am Lärm. Dabei fördern solche Beizen den Gemeinschaftssinn und führen zu mehr Lebensqualität.» Ein negatives Beispiel ist für ihn das einst lebendige Mattequartier, das heute mehr oder weniger tot sei. (Der Bund)

Erstellt: 02.06.2016, 10:05 Uhr

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