«Sterben ist vorbei, ich habe fertig»

Die Stadt Bern nahm im Münster Abschied von Alt-Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Der Bern-Fan liess vor der versammelten Trauergemeinde eine Botschaft verlesen.

Letzter Abschied von Alexander Tschäppät im Münster.

Letzter Abschied von Alexander Tschäppät im Münster. Bild: Beat Mathys

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Wenn ein Mensch in herausragender Stellung stirbt, drängt es viele, sich an seiner Trauerfeier zu äussern. Sei es, weil sie ihn ehren – oder sich ins rechte Licht rücken wollen. Alt-Stadtpräsident Alexander Tschäppät muss es geahnt haben. Als er vor einiger Zeit – von der Krankheit gezeichnet und das nahe Ende vor Augen – nachsann, wie seine Abdankung verlaufen sollte, fasste er einen Entschluss. «Als einer, der viel und oft reden durfte, wurde mir klar, dass dies ein Anlass sein würde, an dem ich nichts mehr zu sagen hatte.» So notierte es der Alt-Stadtpräsident. «Gleichzeitig merkte ich, dass es mir wichtig ist, mich von euch, die ihr euch heute versammelt habt, mit ein paar wenigen Worten zu verabschieden.» Und so geschieht es. Vorgelesen werden sie von Christine Szakacs. Obwohl von Münsterpfarrer Beat Allemand nicht speziell vorgestellt, wissen im Münster alle, dass sie Tschäppäts Lebensgefährtin war. Sie liest die Worte, deutlich und mit fester Stimme.

Selbst das Münster war zu klein, um alle Trauergäste zu fassen: Bern nahm gestern Abschied vom ehemaligen Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät. Foto: Beat Mathys

Der Tod sei ihm immer fern gewesen, lässt Tschäppät übermitteln, «in seiner Konsequenz diffus, im Grunde undenkbar». Angst habe er nie gehabt, höchstens vor dem Sterben an sich – und davor, «Unerledigtes zurückzulassen, Unbesprochenes, Unausgesprochenes». Der Alt-Stapi wendet sich an Freunde und Gegner, erinnert sich an Anerkennung und Wertschätzung, aber auch an Enttäuschungen und Verletzungen.

«Das Sterben ist nun vorbei. Ich habe fertig. Diesmal für immer.» Der ungelenk formulierte Spruch von Fussballtrainer Trappatoni passt zu den orangen Tulpen im Altarraum der Kirche. Sie erinnern an den Fussballsommer 2008, als Bern – und damit auch Tschäppät – im Oranje-Fieber war.

Eine Politikerin darf sprechen: SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Der schwer kranke Tschäppät habe im Büro mit ihr über das Leben gesprochen, über schlaflose Nächte und die Unlust zu essen, sogar das Lieblingsgericht Ghackets und Hörnli. Jeden Tag denke sie an Alex, wenn sie die Kinder auf dem Bundesplatz um die Wasserfontänen herumtoben sehe, sagt die Bundesrätin, denn er habe den Platz autofrei gemacht. Er habe sie gebeten, eine Ansprache zu halten. In seiner typisch launigen Art habe er gesagt: «Ich kann dir noch kein genaues Datum sagen, aber es könnte schon bald sein.»

Nun braust die Orgel, wie man sich das im Münster gewöhnt ist. Daniel Glaus spielt Bach. Doch Tschäppät wäre nicht Tschäppät, wenn die Feier ganz konventionell daherkäme. Glaus und der Trompeter Daniel Woodtli spielen nun vorne. Glaus entlockt der von ihm mitentwickelten winddynamischen Orgel ungewohnte Klänge, die tönen wie ein Windhauch, der über eine Bergkuppe bläst.

Der Pfarrer spricht über das Bibelwort «Suchet der Stadt Bestes», mit dem der Prophet Jeremia seine Landsleute in der babylonischen Verbannung auffordert, sich für das Wohl der Stadt einzusetzen und bei Gott für deren Wohlfahrt zu beten. Ein passender Vers für Politiker, von denen wohl viele dieses Wohl vor Augen haben, auch wenn nicht alle das Gleiche darunter verstehen. Darum gibt Tschäppät seinen Nachfolgern eine Botschaft auf den Weg.

«Ich wünsche uns allen, dass Aufrichtigkeit die gemeinsamen Anstrengungen bestimmt, Leidenschaft und das Wissen, dass im öffentlichen Leben das kostbare Gut, das wir verlieren können, die politische Kultur ist.» Die letzten Momente im Leben seien «nicht von ungefähr Momente von Verstehen, von Dankbarkeit und von Versöhnung». Und mit einer Geste des Verzeihens endet seine Botschaft: «Ich bitte euch, die Hand, die ich euch nicht mehr geben kann, anzunehmen, um ein letztes Mal Adieu zu sagen. Oder um Frieden zu schliessen.» Der Alt-Stapi, der diese Worte hinterlässt, ist nur mit einem grossen Bild im Altarraum präsent, auf dem er lächelt, nicht ausgelassen wie so oft, sondern staatsmännisch. Seine engsten Angehörigen haben seine Asche – wie er es sich wünschte – am Fuss des Mont Vully den Fluten des Murtensees übergeben.

Keine traditionellen Kirchenlieder werden gesungen, sondern «W. Nuss vo Bümpliz», deren Schöpfer Büne Huber in der Kirche sitzt. Beim Refrain setzen die Trauergäste ein und unterstützen Orgel, Trompete und Perkussion. Dann verlassen sie die Kirche mit einer weissen Tulpe in der Hand: Parteigenossen und Gegner, Vertreter von Stadt, Kanton und Bund, von Kultur, Sport und Gesellschaft. Ja, sogar SP- Doyen Helmut Hubacher bemüht sich nach Bern; er leitete die SP Schweiz, als noch Tschäppäts Vater Reynold Berner Stadtpräsident war.

Einmal kommt in der Kirche etwas Heiterkeit auf, und das ist sicher ganz im Sinne des Verstorbenen. Dann, als der Pfarrer ausrichten lässt, dass anschliessend ein Apéro im Erlacherhof gereicht werde, zu dem alle herzlich eingeladen seien. Allerdings sei die räumliche Kapazität dort beschränkt. Und so sieht man nach der Feier beim Durchschreiten der Münstergasse in den Beizen dunkel gewandete Leute, die ganz privat das Glas im Gedenken auf Alex heben. Ihm wäre das keine unangenehme Vorstellung gewesen. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2018, 14:33 Uhr

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