Bern ist kein Insekten-Paradies

In Städten wie Bern wird der Lebensraum von Insekten und Wildbienen immer mehr zubetoniert – oder wie bei der Rehhag-Grube aufgeschüttet. Expertinnen fordern weniger Beton und mehr Wildblumen.

Hier, in der Fröschmatt in Bümliz, sollen laut Stadtökologin Sabine Tschäppeler Mensch und Insekt gemeinsam leben.

Hier, in der Fröschmatt in Bümliz, sollen laut Stadtökologin Sabine Tschäppeler Mensch und Insekt gemeinsam leben. Bild: rot

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Die Lebensqualität in der Stadt Bern ist Weltklasse. Erst kürzlich kürte das internationale Beratungsunternehmen Mercer die Stadt Bern mit dem vierzehnten Platz auf der Rangliste der lebenswertesten Städte der Welt. Was für die menschlichen Bewohnerinnen und Bewohner Berns stimmen mag, ist für Insekten und Wildbienen immer weniger der Fall. Laut Yasemin Kurtogullari, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern, fehlt es in der Stadt zunehmend an Nistplätzen und Nahrungsquellen für Insekten. Glatte Fassaden, viel Glas, grosse Betonflächen und penibel aufgeräumte Grünflächen: «Die moderne Stadtarchitektur ist kein attraktiver Tummelplatz für Wildbienen und andere Bestäuber», so Kurtogullari.

Dass es in der Stadt Bern viele Siedlungen gibt, deren Aussenräume nichts für Insekten hergeben, bestätigt auch Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie der Stadt Bern. Eine konkrete Überbauung, welche für Insekten unglücklich gestaltet ist, möchte sie aber nicht nennen. Mit der geplanten Aufschüttung der Rehhag-Grube würde der Lebensraum verschiedenster Insekten zumindest vorübergehend auch am Stadtrand beeinträchtigt. Das Stadtparlament hiess die Pläne kürzlich gut (siehe Text rechts).

«Alarmierende» Studie

Das Problem des Insektenschwunds ist ein internationales – und ein äusserst drängendes. Über ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion beruht auf der Bestäubungsleistung von Bienen und anderen Insekten. Wegen des enormen Artenreichtums der Insekten (in der Schweiz gibt es über 20'000 Arten) fehlen sowohl für die Stadt Bern als auch für andere Schweizer Städte Zahlen, wie sich die veränderten Lebensräume auf deren Bestand auswirken. Bekannt ist aber, dass mehr als die Hälfte der rund 620 Bienenarten in der Schweiz bedroht ist.

«Die moderne Stadtarchitektur ist kein attraktiver Platz für Bienen.»

Yasemin Kurtogullari, Biologin, Institut für Ökologie der Uni Bern

Und erst vor kurzem hat eine wissenschaftliche Langzeitstudie in Deutschland das gewaltige Ausmass des Insektenschwunds belegt. In den letzten 27 Jahren hat sich die Biomasse fliegender Insekten um 76 Prozent verringert. Und das nicht etwa nur in Städten, sondern in Naturschutzgebieten, wo der Lebensraum für Insekten noch am attraktivsten ist. Die Studie kennt man auch in Bern. Sabine Tschäppeler ist mehr als besorgt: «Das ist ein unglaublich alarmierendes Zeichen», sagt sie. Und es sei davon auszugehen, dass es in der Schweiz ähnlich aussehe.

Naturnahe Flächen verschwinden

Luftaufnahmen und Kartierungen aus den Jahren 2000 und 2008 machen das Problem für die Stadt Bern fassbar. Sie zeigen, dass in dieser Zeit 7,2 Prozent der naturnahen Lebensräume zulasten der Biodiversität umgestaltet worden sind. Abgesehen von Asphaltierungen sind auch Rabatten und Rasenflächen entstanden, die für die Insekten keine nahrhafte Unterlage mehr darstellen.

Ein Trend, der laut Tschäppeler ganz klar in die falsche Richtung geht. Die Fachstelle präsentierte im Jahr 2012 ein umfassendes Biodiversitätskonzept und fordert darin, dass 17 Prozent der städtischen Siedlungsfläche aus «hochwertigen naturnahen» Flächen bestehen sollen. Heute sind es 14 Prozent und die Tendenz ist abnehmend. Zudem soll der aktuelle Anteil versiegelter Flächen von 50 Prozent nicht weiter erhöht werden.

Die Fachstelle kämpft auch an anderen Fronten gegen den fortschreitenden Insektenschwund. Zur Umsetzung ihres Biodiversitätskonzepts lancierte sie 2012 das Pilotprojekt Fröschmatt. Die Sanierung des 1950er-Jahre-Wohnblocks in Bümpliz ist ein Vorzeige-Beispiel. Biodiversität und urbaner Wohnraum – das schliesst sich nicht aus. Wo früher ein nackter Rasen lag, wuchern heute Beerensträucher, Wildhecken und Zimtrosen. Auf ausländische oder gezüchtete Pflanzen wie beispielsweise die beliebte Agetes wurde verzichtet. Davon können die Insekten nämlich kaum zehren.

Wildbienen logieren in Hotels

Wichtig für eine insektenfreundliche Aussengestaltung sei auch eine abwechslungsreiche Gestaltung des Bodens, sagt Fachstellenleiterin Tschäppeler. Kies, Holz- und Steinhaufen, Mauern, Holzbeigen, eine Wiese: Daraus besteht nun der gemeinsame Lebensraum für Insekten und Menschen in der Fröschmatt. Mit einer solchen Vielfalt an Lebensräumen auf engem Raum kann die Stadt landwirtschaftlich genutzten Flächen sogar einiges voraushaben: Die intensive Kultivierung des Bodens geht zulasten einer natürlichen Unordnung, welche für die Insekten gut wäre.

Auch Private könnten sich diese natürliche Unordnung mit Asthäufen und nicht abgeschnittenen Pflanzenstängeln zurück in ihre vier Gartenhäge holen. «Und das gibt erst noch weniger zu tun», so Yasemin Kurtogullari vom Institut für Ökologie der Uni Bern. Die Biologin engagiert sich im Verein für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bern und organisierte im Rahmen einer Nachhaltigkeitswoche kürzlich einen Workshop zur Problematik des Insektenschwunds. Sie zeigte den Interessierten, wie sie ihr eigenes Bienenhotel für den Balkon oder Garten bauen können. Kombiniert mit ein paar Wildblumen dürfte dies die Lebensqualität für Insekt und Mensch steigern. (Der Bund)

Erstellt: 03.04.2018, 06:54 Uhr

Umstrittene Aufschüttung

Am Berner Stadtrand ist in den letzten Jahren ein kleines Naturparadies entstanden. 2002 wurde die ehemalige Lehmgrube Rehhag in Bümpliz stillgelegt. In der Zwischenzeit haben sich dort 44 Vogel-, 6 Amphibien-, 30 Tagfalter-, 22 Libellen- und 19 Heuschreckenarten eingefunden. Das ergab eine im Sommer 2017 durchgeführte Studie.

Es handle sich um einen der artenreichsten Lebensräume der Schweiz, kommt die Studie zum Schluss. «Die Stadt hat es versäumt, zu untersuchen, welche und wie viele verschiedene Tiere in der Rehhag-Grube leben», sagt Agnes Nienhaus der SP Bümpliz/Bethlehem. Zusammen mit den Naturschutzvereinen Bern bleibt Grün und NaturBernWest hatte sich die SP-Sektion gegen die Pläne zur Aufschüttung der Grube gewehrt.

Volksabstimmung nötig

Dies jedoch vergeblich. Der Berner Stadtrat hat die Überbauungsordnung und Zonenplanänderung in seiner Sitzung vom 22. März gutgeheissen. Damit ebnete er den Weg für die Lastwagen, die dort bald sauberen Aushub städtischer Baustellen abladen dürfen. Das 25 Hektaren grosse Areal soll zudem zur Deponiezone werden und damit zur Entsorgung von schadstoffarmem Inert dienen. Als Inertstoffe werden Bauschuttabfälle wie Glas, Beton und Ziegel bezeichnet. Als Kompensation ist im Überbauungsplan aber die Errichtung eines Naturreservats vorgesehen.

Den Gegnern ist das zu wenig. Nienhaus kritisiert ausserdem, dass der Vertrag zwischen der Stadt Bern, der Eigentümerin des Areals und den Betreibern der Rehhag-Grube nicht transparent gemacht wurde. Sie bezweifelt auch, dass eine weitere Deponie wirklich nötig ist. Der SP wurde im Stadtrat deshalb vorgeworfen, keine Verantwortung für die Entsorgung städtischer Bauabfälle übernehmen zu wollen.

Im Kanton Bern herrsche definitiv ein Deponienotstand, so der Grundtenor im Berner Stadtrat. Die Zonenplanänderung wird voraussichtlich im Juni dem Volk vorgelegt. Dann geht es aber nur noch um die Frage, ob neben dem Aushub auch Inertstoffe gelagert werden dürfen.

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