«Bern ist ein Nachzügler bei Kino-Schliessungen»

Kinos mit nur einem Saal würden nicht mehr rentieren, sagt René Gerber vom Dachverband der Schweizer Kino- und Filmverleihunternehmen.

Der Schliessung geweiht: Das Kino Alhambra in der Maulbeerstrasse.

Der Schliessung geweiht: Das Kino Alhambra in der Maulbeerstrasse. Bild: Adrian Moser

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Herr Gerber, die Kitag zieht sich Stück für Stück aus der Innenstadt zurück. Überrascht Sie das?
Die Kitag baut ein neues Multiplex-Kino im Osten der Stadt. Dass da die Innenstadt-Kinos geschlossen werden, war absehbar.

Warum macht sie das?
Innenstadt-Kinos mit einem Saal rentieren nicht mehr. Mit einem Saal sind die Personalkosten ebenso hoch wie zum Beispiel mit fünf Sälen. Wenn Sie aber fünf Filme gleichzeitig zeigen können, ziehen Sie mehr Publikum an, machen mehr Umsatz, die Rendite wird höher.

Wie steht Bern mit dieser Situation im Vergleich da?
Bern ist ein Nachzügler. In Städten wie Luzern, Basel, Genf oder Lausanne ist diese Entwicklung bereits seit längerem abgeschlossen: Die grossen Ketten wie Pathé oder die Kitag bauen ein Multiplex-Kino vor der Stadt und schliessen dafür die Kinos in der Innenstadt.

Und warum schliesst die Kitag ihre Innenstadt-Kinos erst jetzt?
Da müssen Sie die Kitag fragen. Ich vermute, das hängt mit den langfristigen Mietverträgen für die Räume zusammen, die jetzt auslaufen und nicht verlängert werden.

Wie gross ist denn der Einfluss der Multiplex-Kinos?
In der Stadt Bern haben sich die Besucherzahlen seit der Eröffnung des Pathé-Kinos im Westside vor knapp zehn Jahren praktisch halbiert. Es bleiben also weniger Besucher für die gleiche Anzahl Kinos. Die Einnahmen sinken, die Kosten bleiben. Das kann nicht rentieren.

Warum funktionieren diese Multiplex-Kinos so gut?
Sie sind gut mit dem Auto erreichbar, die Parkplätze sind günstig. Es ist den Leuten offenbar einerlei, wenn sie in einem nach Ladenschluss «töteligen» Einkaufszentrum ins Kino gehen müssen. Ich bin ein Fan von Innenstadtkinos, wo man nach dem Film noch etwas trinken gehen oder in der Stadt flanieren kann.

Welchen Einfluss hat der Trend zu Filmen mit auf Deutsch synchronisiertem Ton?
Pathé hat dieses Konzept einst in die Schweiz gebracht, sie zeigen in ihren Multiplex-Kinos praktisch nur synchronisierte Filme. Offenbar funktioniert das, die Jungen wollen keine Fremdsprache hören im Kino. Ich persönlich finde das sehr schade, denn sie wissen nicht, was sie verpassen.

Spielt auch die Digitalisierung von Inhalten eine Rolle, Stichwort Netflix oder illegale Streams?
Der Einfluss von Netflix lässt sich nicht so einfach in ein paar Sätzen abhandeln. Netflix-Kunden sind häufig «Filmfreaks», die auch gerne mal einen Film im Kino schauen – aber es gibt natürlich auch die absoluten «Couch-Potatoes», die ihren «Hintern» für einen Film nie aus dem Haus bewegen.

Und die illegalen Streams?
Die generelle Digitalisierung von audiovisuellen Inhalten ist – genau wie bei der Musikbranche – ein Problem, da der Content auf einfachste Art kopiert und in Umlauf gebracht werden kann. Leider haben wir in der Schweiz ein derart schwaches Urhebergesetz, welches der Branche fast keine Möglichkeit bietet, gegen illegale Praktiken vorzugehen.

Kann man denn überhaupt noch erfolgreiches Mainstream-Kino in den Innenstädten machen?
In Basel gibt es das Pathé Küchlin, ein Kino mit mehreren Sälen mitten in der Stadt. Das funktioniert. Drei bis fünf Säle in einem Kino können für einen rentablen Betrieb ausreichen. Aber das kann man fast nirgendwo bauen, weil die Mieten zu hoch sind oder schlicht geeignete Räume fehlen.

Dann gibt es bald nur noch Arthouse-Kinos in der Stadt Bern?
Das hängt davon ab, was die lokale Kinokette Quinnie macht. Sie fuhren bisher immer mit einem Mix aus Arthouse und gehobenem Mainstream.

Was halten Sie persönlich von der Schliessung des Alhambras?
Ich finde es sehr bedauerlich, dass das Alhambra schliesst. Während meiner Zeit bei der Kitag war ich für den Umbau des Kinos mitverantwortlich, es ist eines meiner Lieblingskinos in der Stadt Bern. Das Alhambra ist ein klassisches Kino, mit klassischen Proportionen und in klassischem Rot-Schwarz gehalten.

René Gerber ist Generalsekretär von Procinema, dem Dachverband der Schweizer Schweizer Kino- und Filmverleihunternehmen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2017, 15:00 Uhr

Kitag in der Innenstadt

Am Montag wurde bekannt, dass die Kitag AG das Kino Alhambra beim Hotel National in der Maulbeerstrasse schliessen will. Bereits im letzten Jahr gab die Kitag die Schliessung des Kinos Capitol auf Ende 2017 bekannt, das Kino Royal ist bereits geschlossen.

Zudem plant Kitag 2018 neben der Autobahn in Muri einen grossen Kinokomplex amerikanischen Stils. Geplant ist dort ein Mehrsaalkino mit zehn Sälen, Restaurants und Bowlingbahn. Derzeit kursieren bereits Gerüchte, wonach sich die Kitag bei weiteren Kinos in der Innenstadt noch in diesem Jahr zurückziehen könnte, so etwa beim Jura und beim Splendid.

Dies bestätigte am Montag auch der Kitag-Geschäftsführer Philippe Täschler gegenüber dem Bund: «Es werden noch weitere Schliessungen folgen.» (mdü/zec)

Stapi bedauert Kinosterben

Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried bedauert, dass immer mehr Kinos in der Innenstadt dichtmachen. Die Entwicklung sei aber nicht mehr aufzuhalten, sagte er am Dienstag im Berner Regionaljournal von Radio SRF.

«Die Kinobetreiber hätten viel früher neue Angebote in den Städten schaffen müssen, mit Event-Möglichkeiten und Gastroangeboten», sagte von Graffenried. Dass sogenannte Multiplexkinos in der Innenstadt funktionierten, zeige das Beispiel des Kino Rex in Thun.
Um die Berner Innenstadt macht sich der Stadtpräsident aber keine Sorgen. «Bern wird das verkraften. Es gibt genügend andere Angebote.» (sda)

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