«Bern hat Chancen verpasst»

Der Fokus der Stadt Bern auf Bären und Unesco-Weltkulturerbe sei «etwas eindimensional», findet Marcel Brülhart, der neue oberste Vermarkter der Bundesstadt.

Marcel Brülhart fragt sich: «Was passt zu Bern?»

Marcel Brülhart fragt sich: «Was passt zu Bern?» Bild: Adrian Moser

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Herr Brülhart, wann gibt es im Bärenpark wieder junge Bärli?
Keine Ahnung. (lacht)

Berns Bären, das ist doch ein Thema, das Sie als Präsident von Bern Welcome und oberster Vermarkter der Bundesstadt beschäftigen muss.
Bei Bern Welcome geht es ja nicht nur um Tourismus. Wir führen mit der neuen Organisation die wichtigsten Player zusammen, die in Bern Veranstaltungen aller Art durchführen und den Standort gegen aussen vermarkten. Das führt im Bereich Tourismus dazu, dass das touristische Angebot künftig breiter abgestimmt und getragen wird.

«Bern ist
viel mehr als nur der Bärenpark.»

Was heisst das?
Wir werden uns fragen müssen, was eigentlich das Profil von Bern ist, das gegen aussen vermarktet werden soll. Selbstverständlich wird der Bärenpark immer eine wichtige Rolle spielen. Aber Bern ist viel mehr als nur der Bärenpark.

Tourismus in Bern heisst: Asiatische Gruppen schauen rasch bei den Bären vorbei, shoppen Souvenirs in der Altstadt und ziehen dann nach Interlaken weiter.
Beschäftigen wird uns sicherlich auch die Frage, ob und wie viel Wachstum im Tourismus sinnvoll und nachhaltig ist. Wollen wir so enden wie Barcelona oder Luzern, wo es mittlerweile schon fast zu viele Touristen gibt und sich Widerstand in der Bevölkerung regt? Oder will man denjenigen Tagestourismus noch, der sich vornehmlich zwischen Bärengraben und Zytglogge abspielt und kaum Wertschöpfung bringt?

Ist Bern auf Folklore fokussiert?
Nach meiner Wahrnehmung hat man sich schlicht und einfach nicht zusammenraufen können. Jeder hat auf den anderen gewartet. Mit Bern Welcome haben wir eine bessere Ausgangslage.

Wen wollen Sie nach Bern holen?
Das ist eine Frage der Positionierung, die diskutiert werden muss. Ich denke an Leute, die sich für die Stadt Bern interessieren und nicht nur rasch auftauchen, ein Föteli machen und wieder weg sind. Bern hat zugängliche Menschen, eine interessante Geschichte und ist perfekt gelegen für Ausflüge beispielsweise ins Oberland. Ausserhalb von Bern ist zudem kaum bekannt, wie reichhaltig und interessant das Berner Kulturleben ist. Bis anhin hat sich Bern nicht als Kulturstadt positioniert. Das ist auch touristisch gesehen eine verpasste Chance.

Was könnte eine Kulturstadt bieten?
Die Stärke Berns liegt in der grossen Vielfalt des kulturellen Lebens. Gegen aussen wirken unter anderem das Strassenmusikfestival Buskers und das Lichtspektakel Rendez-vous. Es gibt aber keine Veranstaltung mit breiter Aussenwirkung, die klar macht, dass Bern eine Kulturstadt ist. Vielleicht könnte man ein grosses Theater- oder Kulturfestival aufbauen. Zurzeit existiert in Bern nicht einmal ein umfassender Veranstaltungskalender. Besuchern wird das Kulturangebot kaum näher gebracht – auch am Touristen-Info-Stand nicht. In den Hotels fehlt es ebenso an Informationen.

Das Bild von Bern ist auch geprägt von Demonstrationen und Krawallen. Ein Problem für Touristen?
Das Thema Politik gehört zum Profil einer Hauptstadt. Daraus resultieren Vorteile. Hier werden weitreichende Entscheide gefällt, Bern steht im politischen Mittelpunkt. Andrerseits finden in Bern auch gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen statt. Dazu muss man stehen. Wir leben nicht in einer Hochglanzwelt, also müssen wir auch nicht versuchen, uns so zu präsentieren. Es kann gut sein, dass das Thema Politik bei Bern Welcome eine tragende Rolle spielen wird und Aktivitäten in diesem Bereich ausgebaut werden. Diskutieren werden wir aber auch, ob nicht mehr Eigenveranstaltungen, die zu Bern passen, realisiert werden sollen.

Was passt denn zu Bern?
Das hängt davon ab, wie Bern positioniert werden soll. Will man Bern beispielsweise als Velostadt oder gar Velohauptstadt positionieren, braucht es eine Reihe von Aktivitäten um das Thema herum, die auch gegen aussen wirken: zum Beispiel einmal im Jahr einen grossen, mehrtägigen Veloanlass, eine Messe und Konferenzen. Ein schönes Beispiel ist Avignon: Dort gibt es ein weltbekanntes Theaterfestival, das sehr gut zur Stadt passt. Auch Avignon ist Unesco-Weltkulturerbe. Wer aber heute an Avignon denkt, denkt an das Festival und nicht oder zumindest nicht nur an das Weltkulturerbe.

Und in Bern ist das anders?
Bern hat sich sehr stark auf das Unesco-Weltkulturerbe-Bild fokussiert. Das ist wunderschön. Aber ob das reicht? Das Bild, das von Bern verkauft wird, ist meines Erachtens etwas eindimensional.

«Wir leben 
nicht in einer 
Hochglanzwelt.»

Haben deshalb die Übernachtungen im Vergleich mit anderen Städten nicht zugenommen?
Die Gründe muss man analysieren. Wichtiger ist: Es geht ja nicht nur um Quantität. 700'000 Übernachtungen sagen etwas aus, aber sie sagen nicht alles aus. Haben diese Personen, die hier übernachtet haben, eingekauft? Gingen sie auswärts essen? Kommen sie wieder? Mit Bern Welcome wollen wir versuchen, die Wertschöpfung zu verbessern. Tourismus ist in Bern zu zwei Dritteln Event- und Kongresstourismus. Was die Mehrtägigkeit von Veranstaltungen anbelangt, gibt es noch Potenzial.

Welche Events wollen Sie in Bern?
Konkrete Pläne gibt es noch nicht. Wir sollten uns mehr auf unsere Stärken besinnen, als mit grossem Aufwand zu versuchen, Kongresse zu akquirieren, die dann weiterziehen. So sind wir zum Beispiel im wissenschaftlichen Bereich, in der Klimatologie und in der Physik stark, hier könnte ich mir vorstellen, dass wir bewusst mehr Formate aufbauen und Veranstaltungen durchführen. Das international renommierte Institut für Zahnmedizin der Universität hat vorgemacht, wie so etwas möglich ist.

Mit Alec von Graffenried – er war zuvor Tourismuspräsident – haben Sie einen Tourismus-Lobbyisten in der Stadtexekutive. Hilft das?
Interesse an diesem Thema ist generell hilfreich. Nehmen wir als Beispiel die Vergabepraxis im öffentlichen Raum. Es gibt keine Strategie, wie der öffentliche Raum genutzt werden soll. Viele Gesuche, die aufwendig geprüft werden müssen, landen am Schluss beim Gemeinderat. Vielleicht wäre es sinnvoller, aufgrund einer Strategie im Vorfeld zu entscheiden, welche Anlässe eine Chance auf eine Bewilligung haben und welche nicht. Davon würden alle profitieren.

Was für eine Strategie soll das sein?
Könnte man sich auf Profile der Stadt einigen, wäre es konsequent, bei der Nutzung insbesondere der öffentlichen Plätze diesen Bereichen zumindest Priorität einzuräumen. Damit würde vermieden, dass es gerade bei grösseren Anlässen immer wieder zu Grundsatzdiskussionen kommt. Gäbe es eine solche Strategie, wäre wahrscheinlich im Vorfeld zur Miss-Schweiz-Veranstaltung auf dem Bundesplatz, die ja für politische Kontroversen sorgte, klar gewesen: Ein solcher Anlass passt nicht nach Bern.

Tourismusfreundlich sind die Töne aus der Stadtpolitik ja nicht: Ein Weihnachtsmarkt mit neuer Eisbahn wurde als unnötig betrachtet, die finanzielle Unterstützung für Olympia 2026 im Kanton Bern abgelehnt.
Es zeigt, dass wir uns den Diskussionen über Veranstaltungen und Tourismus stellen und überzeugen müssen, gerade wenn grössere Projekte anstehen. Und auch akzeptieren, wenn solche Projekte politisch keine Mehrheit finden.

So wie wohl die neusten Olympia-Pläne im Kanton Bern?
Auch wenn das olympische Eishockeyturnier für die Stadt hochattraktiv wäre, kann ich die Befürchtungen gut nachvollziehen. Viele haben vergessen, dass wir die Euro-08-Abstimmung in Bern nur knapp gewonnen haben und viel Überzeugungsarbeit leisten mussten. Und das ist richtig so. Wenn man die Menschen nicht überzeugen kann, lassen sich Aufwand und Einschränkungen bei Grossanlässen nicht rechtfertigen. Olympische Spiele haben aus meiner Sicht in der Schweiz nur dann eine Chance, wenn sie konsequent nachhaltig ausgestaltet werden. Bislang gibt es leider kaum Anzeichen dafür, dass sich das IOC weg vom herrschenden Gigantismus in eine solche Richtung bewegt.

Die Stadtpolitiker überlegen auch, ob Bern Welcome mehr Geld bekommen soll. Wofür denn?
Es handelt sich um eine Initiative der alten Führung von Bern Tourismus. Die Gesamtstruktur Bern Welcome startet operativ erst am 1. September, der neue Verwaltungsrat muss über die angedachte Strategie der Gründer noch befinden. Wahrscheinlich wird sich die touristische Strategie ändern: Weniger Fernmärkte, mehr nachhaltiger Nahtourismus und höhere Wertschöpfung im Business-Tourismus. Dazu ein stärkerer Auftritt im Kulturbereich und Mithalten bei der Digitalisierung. Aus diesen Gründen haben wir Martin Bachofner geholt, der für eine solche Ausrichtung steht. Diese Neupositionierung kostet Geld, weshalb auch Bern Welcome zusätzliche Mittel sehr gut gebrauchen könnte. Dies müssen wir ab 1. September mit den Entscheidungsträgern intensiv diskutieren.

Sie haben 2008 die Fussball-Europameisterschaft in Bern organisiert. Wollen Sie mehr solche Grossanlässe in Bern durchführen? Ich glaube, es braucht ab und zu Leuchtturmanlässe für die Imageförderung im Ausland. Man muss sich aber bewusst sein, dass Grossanlässe wie die Euro 2008 keine oder nur geringe zusätzliche Wertschöpfung bringen, weil der Verdrängungseffekt zu gross ist. Diesbezüglich war die Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 viel attraktiver und kostete auch deutlich weniger. Dafür war dann die Imagewirkung geringer. Es gibt aber noch andere Anlässe.

Welche?
Potenzial gibt es bei mittleren oder kleineren Sportarten, die nach einem Austragungsort suchen und oft nicht aus eigener Kraft ein professionelles Organisationskomitee stellen können. Diese Anlässe ziehen Hunderte von Athleten teils mit Familie an, die länger bleiben und teils wiederkommen. Solche Anlässe können wertschöpfungsmässig interessant und nachhaltig sein. Mir ist wichtig, dass man nicht immer nur von Grossveranstaltungen spricht, sondern breiter denkt. Etwa an den Orientierungslauf, aber auch an Schwimm-Juniorenmeisterschaften, Tennis-Seniorenturniere oder auch einmal eine Tischtennis-Europameisterschaft. Das sind Sportevents, die aus meiner Sicht zu Bern passen.

Senioren und Junioren – das ist nicht gerade der grossen Wurf.
Wir brauchen keinen grossen Würfe, sondern langfristige, seriöse und konsequente Arbeit. Bern ist nun mal nicht London. Und es passt nicht zu dieser Stadt, jedes Jahr eine EM oder WM in einer grossen Sportart durchzuführen. (Der Bund)

Erstellt: 02.08.2017, 06:58 Uhr

Marcel Brülhart – Neuer Chef von Bern Welcome

Marcel Brülhart (49) gilt als einer der einflussreichsten Männer in Stadt und Kanton Bern, insbesondere in der Kulturszene. Der Anwalt mit breitem Netzwerk hatte in seiner bisherigen Laufbahn zahlreiche Aufgaben und Mandate inne, so etwa als Gesamtverantwortlicher der Host-City Bern bei der Fussball-Europameisterschaft 2008 und bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 in Bern. Er war Projektleiter bei der Fusion von Stadttheater und Symphonieorchester Bern.

Funktionen hat er auch beim Kunstmuseum Bern oder dem Zentrum Paul Klee. In den letzten Jahren ist er im Zusammenhang mit dem Gurlitt-Erbstreit, den er für das Kunstmuseum erfolgreich juristisch begleitet hat, in Erscheinung getreten. Im letzten Jahr wurde er für seine Leistungen für den Wirtschaftsstandort Bern vom Handels- und Industrieverband (HIV) ausgezeichnet.

Seit Juni steht Brülhart als Präsident der neu gegründeten Vermarktungs- und Tourismusorganisation Bern Welcome vor. Er ist damit quasi der oberste Vermarkter der Bundesstadt. Mit Bern Welcome will sich Bern auf dem internationalen Markt besser positionieren. Die Dachorganisation fokussiert auf die Bereiche Tourismus, Veranstaltungen und Kongresse. Dazu gehören Bern City, die Berner Hotellerie, Gastronomie und Bern Tourismus.

Bern Welcome will Veranstaltern helfen, Anlässe durchzuführen, sowie selber Events organisieren. Die Zusammenarbeit der genannten Organisationen ist schweizweit einzigartig und soll in einem Haus des Tourismus gebündelt werden. (mob)

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