Beim Schulaustausch hapert es

Ein Jahr Französischaufenthalt kostet für Berner Zehntklässlerinnen und Zehntklässler innerhalb des Kantons bis zu 13'500 Franken – ausserhalb ist es massiv günstiger.

Schulaustausch zwischen Bern und Wallis. Die Kinder treffen ihre Gasteltern in einem Schulhaus in Sierre.

Schulaustausch zwischen Bern und Wallis. Die Kinder treffen ihre Gasteltern in einem Schulhaus in Sierre. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Im Kanton Bern sollen Sprachaufenthalte gefördert und ein Schulaustausch auf allen Stufen gar obligatorisch werden. Das forderte jüngst eine vom Berner Regierungsrat eingesetzte Expertenkommission in einem hundertseitigen Bericht über die Chancen der Zweisprachigkeit für den Kanton Bern.

Aktuell jedoch finden Sprachaustausche oft nur über die Kantonsgrenzen hinweg statt. So etwa beim Programm «ZPS» für Schülerinnen und Schüler, die nach der obligatorischen Schulzeit ein 10. Schuljahr anhängen. Dank einem interkantonalen Konkordat können sie dieses in einer französisch- bzw. deutschsprachigen Gemeinde in einem der zehn Partnerkantone absolvieren. Die Eltern müssen lediglich für die Reisekosten und die Verpflegung aufkommen.

Über zehntausend Franken

Diesen Vorteil haben Berner Schülerinnen und Schüler aber nur, wenn sie für einen Austausch in einen anderen Kanton gehen. Auch kürzere Austauschprogramme finden meist in Kooperation mit anderen Kantonen statt (siehe Text rechts).

Wer sein Kind für das 10. Schuljahr von der Stadt Bern in den Berner Jura schicken möchte, kann laut Thomas Raaflaub, Sprachaustausch-Koordinator für den deutschsprachigen Kantonsteil, mit bis zu 13500 Franken belastet werden. Die Berner Gemeinden könnten sich die vollen Kosten eines Schuljahres in Rechnung stellen. «Keine Gemeinde ist bereit, dies zu zahlen», sagt Raaflaub. Die Gemeinden könnten die Kosten zwar auf die Eltern abwälzen, doch auch für diese sei das ein sehr hoher Betrag. «Mit dem Programm wollen wir gerade auch weniger gut betuchte Familien ansprechen», so Raaflaub.

In den zehn Partnerkantonen nehmen pro Jahr circa 200 Schülerinnen und Schüler am Austauschprogramm teil. Etwa alle zwei Jahre kommt laut Raaflaub die Anfrage, ob ein Kind den Austausch auch im anderssprachigen Teil des Kantons Bern absolvieren könnte, was dann wegen der Kosten aber nicht zustande kommt.

Dass ein einjähriger Sprachaustausch innerhalb des Kantons Bern nicht realisierbar ist, stösst auf Unverständnis. Alexandre Schmidt, ehemaliger Berner Gemeinderat und Präsident des Vereins Bern Bilingue, bezeichnet die fehlende Möglichkeit für einen intrakantonalen Austausch als «problematisch». Das Konkordat sei wunderbar, aber es sei bedauerlich, dass es zwischen den Berner Gemeinden nicht auch klappe, so Schmidt.

Das sieht auch Ständerat Hans Stöckli so. Er präsidierte die Expertenkommission zur Zweisprachigkeit und sagt, es sei nicht nachvollziehbar, dass ein Austausch ins Wallis so viel günstiger sei als in den Berner Jura. «Es ist dringend notwendig, dass der Austausch auch innerhalb des Kantons gefördert und finanziell tragbar gemacht wird.»

Interesse ist gross

Die Nachfrage nach einem grösseren Angebot an intrakantonalen Austauschprogrammen dürfte jedenfalls gegeben sein. Denn das allgemeine Interesse an Sprachaufenthalten ist laut Sprachaustausch-Koordinator Raaflaub sehr gross. «Die Eltern wissen, was das bringt, und engagieren sich sehr, etwa als Gastfamilie», sagt er.

Ob man die Berner Gemeinden zu besserer Kooperation zwingen kann, ist wegen der ausgeprägten Gemeindeautonomie unwahrscheinlich, sagt Raaflaub. Auch die Erziehungsdirektion schreibt auf Anfrage, innerhalb des Kantons Bern sei keine Rechtsgrundlage für einen einjährigen Sprachaustausch gegeben.

Alexandre Schmidt hingegen zeigt sich zuversichtlich, dass der Kanton bei den Schulaustauschprogrammen nachbessern könnte. «Die unsägliche Debatte über das Frühfranzösisch hat einige zum Aufwachen gebracht.» Natürlich gelte es, den Föderalismus zu akzeptieren, doch könnten einige Gemeinden freiwillig mit gutem Beispiel vorausgehen. Mit seinem Verein Bern Bilingue will sich Schmidt auch für die Schaffung einer kantonalen Stelle einsetzen, welche die verschiedenen Austauschprogramme in Zukunft koordinieren soll. Dies war ebenfalls eine der Empfehlungen der Expertenkommission zur Zweisprachigkeit. «Ein Treffen mit der Erziehungsdirektorin Christine Häsler steht demnächst an», sagt Schmidt.

(Der Bund)

Erstellt: 08.02.2019, 06:59 Uhr

Kooperation mit dem Wallis

Das Zwölfte Partnerschaftliche Schuljahr (ZPS) ist eines von fünf Schul-Austauschprogrammen, die der Kanton Bern unterstützt. Schülerinnen und Schüler können das gesamte zehnte (nach Westschweizer Zählweise das zwölfte) Schuljahr in einem anderen Kanton absolvieren. Mit dem Wallis pflegt Bern eine vertiefte Zusammenarbeit.

Beim Programm «Deux langues – 1 Ziel» können Schülerinnen und Schüler im 7. Schuljahr eine halbe Woche ins Wallis, worauf ihre Austauschpartner eine Woche nach Bern kommen. Pro Jahr sind rund 2700 Kinder an diesem Programm beteiligt. Im Rahmen von «Vas-y! Komm!» kann diese Erfahrung in einem Einzelaustausch für bis zu drei Wochen vertieft werden.

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