Beim Gartenschach darf er sich nicht mehr blicken lassen

Der «aufgeweckte Laferi» Noël Studer spielt Schach, wie ein Gepard jagt – und zockt dabei auch mal unwissende Gegner ab.

Noël Studer kämpft mit den kleinen Figuren um den Grossmeister-Titel.

Noël Studer kämpft mit den kleinen Figuren um den Grossmeister-Titel.

(Bild: Valérie Chételat)

Noël Studer ist ein Spitzensportler. Vor zwei Monaten hat der 18-Jährige aus Muri die Maturitätsprüfung erfolgreich gemeistert. Seither macht er nichts anderes als trainieren, sechs Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Seine Sportart: Schach. Er wisse, sagt er schulterzuckend, dass viele Schach nicht für eine richtige Sportart halten. «Aber sie täuschen sich!» Wer fünf Stunden am Stück Schach spiele, schwitze, habe Kopfschmerzen und könne sich kaum mehr bewegen. «Es ist physisch wie auch psychisch extrem intensiv.»

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Aber Schachspieler, dass sind doch so introvertierte und zerstreute Käuze? Studer widerlegt auch dieses Vorurteil. Er ist selbstbewusst, kommunikativ und wirkt aufgeräumt. Selber beschreibt er sich treffend als «aufgeweckten Laferi». Allerdings entspreche das Bild vom Schachspieler als schrägem Vogel «leider» auch einer Realität, sagt er. Gerade auf internationaler Ebene gebe es schon Spieler, die in einer eigenen Welt lebten. «Sie vernachlässigen zum Teil die Körper­hygiene, haben fettige Haare und funktionieren ausserhalb des Schachbretts eher schlecht als recht.» In der Schweiz habe man aber Glück. «Das Niveau der Fussballspiele in den hiesigen Schachlagern ist ziemlich hoch.»

«Das Niveau der Fussballspiele in den hiesigen Schachlagern ist ziemlich hoch.»Noël Studer

Zurzeit kann man Studer am Schachfestival in Biel (siehe Kasten) beim Spielen zusehen. Tut man das, wird man an die Jagd eines Gepards erinnert. Er legt nicht los mit wildem Geheul, er klärt die Lage ab, schleicht sich an, bündelt seine Kräfte und bringt sich in eine gute Position. Sobald sich aber eine Gelegenheit bietet, rennt er mit vollem Karacho auf den Gegner zu. Dabei hat er nur eine Chance. Überrennt er den Gegner, gewinnt er das Spiel; misslingt dieser eine Angriff, verliert er. So geschehen am Donnerstag, als er gegen eine schwächere Spielerin «all in» ging, wie er es nennt – und alles verlor.

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Trotz der Niederlage wirkt er tags darauf gefasst. «Beim Schachspielen lernt man zu verlieren», sagt er. Für ihn persönlich sei das anfangs nicht einfach gewesen. Als Kind habe er öfter nach verlorenen Spielen geweint. Mittlerweile kann er damit umgehen. Sein aggressiver Spielstil führt dazu, dass er selten Unentschieden spielt, was beim Schach eigentlich das häufigste Resultat ist. Damit seine Opponenten wissen, was auf sie zukommt, stellt er den Springer stets so hin, dass dieser den Gegner anschaut. «Es soll symbolisieren, dass ich auf Angriff aus bin.»

Häufig lohnt sich das Risiko, Studer ist äusserst erfolgreich. Er ist der jüngste Schweizer, der je eine Grossmeisternorm erspielt hat. Nur knapp verpasste er vor zwei Wochen den Sieg an der Schweizer Meisterschaft in der Kategorie der unter 20-Jährigen (U20). Und das auch nur, weil er im letzten Spiel wieder einmal auf volles Risiko gegangen war. «Alle, die dort waren, wissen, dass ich eigentlich der beste U20-Spieler der Schweiz bin», sagt er.

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Mit dem Schach angefangen hat er eher spät. Zwar lehrte ihn sein Vater, ein Staatsanwalt, die Schachregeln schon im Kindergartenalter. Richtig mit dem Training angefangen hat er aber erst mit 11 Jahren im Schachclub Bern. Zwei Jahre später war er schon besser als der Trainer. Aus dieser Zeit stammt auch seine Lieblingsanekdote: Studer spazierte mit einem Schulkollegen am Bärenplatz vorbei. Die beiden Knaben warfen einen Blick auf die Gartenschach spielenden Männer.

Diese sahen das schnelle Geld und forderten den vermeintlichen Anfänger zu einem Spiel gegen Geld auf. Der Einsatz, 50 Franken, war ihm eigentlich zu hoch. «Sie beharrten aber darauf, und ich wusste, dass ich problemlos gewinnen würde», sagt er. Es kam, wie es kommen musste: Die Alten spielten unfair, halfen sich gegenseitig – und verloren trotzdem. «Sie gaben mir das Geld, sagten aber, ich solle mich hier ja nie mehr blicken lassen.»

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Heute verdient er sein Geld immer noch mit Schach. Er trainiert Jugendliche und leitet Trainingslager. Mindestens ein, zwei Jahre lang will er voll auf Schach setzen und wenn möglich den Grossmeistertitel erringen. Danach möchte er studieren. Wirtschaft. Dann muss er auch nicht mehr kauzige Schachspieler auf dem Bärenplatz bezwingen, um an etwas Geld zu kommen.

Wieder Montag Begegnungen mit Menschen: www.montag.derbund.ch

Der Bund

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