Zum Hauptinhalt springen

«Bedenklich, dass angebliche Charakterzüge entscheidend waren»

SP-Parteipräsident Stefan Jordi glaubt trotz klarer Niederlage, dass Ursula Wyss die richtige Kandidatin war. Diese nur nach dem Image auszuwählen, sei falsch.

Trotz der Niederlage von Ursula Wyss ist Stefan Jordi, Co-Präsident der SP Stadt Bern mit dem Ausgang der Berner Wahlen zufrieden.
Trotz der Niederlage von Ursula Wyss ist Stefan Jordi, Co-Präsident der SP Stadt Bern mit dem Ausgang der Berner Wahlen zufrieden.
Keystone

Ihre Kandidatin Ursula Wyss hatte gegen Alec von Graffenried (GFL) keine Chance – eine Riesenschlappe. In Deutschland würde nun der Präsident zurücktreten. Und Sie?

Ich werde mich nochmals zur Wahl stellen. Man muss die Berner Wahlen als Gesamtes anschauen. Wir konnten unsere Gemeinderatssitze halten, und wir haben im Stadtrat einen Sitz zugelegt.

Ihre Partei hat einen Wahlkampf geführt, der auf Inhalte setzte. Doch anstatt über Inhalte wurde in der Öffentlichkeit über Gefühle diskutiert. Führten Sie einfach den falschen Wahlkampf?

Wir sind eine Partei, die auf Inhalte setzt. Es ist eingetreten, was wir befürchtet haben: ein auf die vielen Stapi-Kandidaturen fokussierter Wahlkampf. Es ist ein nationaler, ja internationaler Trend, dass in Wahlen die Erscheinung einer Person wichtiger wird, als wofür sie steht. Ich bin kein Freund davon. Ob wir diesem Umstand mehr Gewicht geben, werden wir diskutieren müssen.

Sie sagten am Wahlsonntag, die Berner seien anscheinend noch nicht bereit für eine Stadtpräsidentin. Glauben Sie, keine Frau hätte eine Chance gehabt, oder haben Sie auf die falsche Kandidatin gesetzt?

Mir wurde auch gesagt, dass Ursula Wyss die falsche Kandidatin sei. Ich finde das absolut nicht. Sollen wir unsere Kandidatenwahl wirklich rein von einem zugeschriebenen Image abhängig machen? Die ihr in den Medien unterstellten Charakterzüge halten Personen, die sie persönlich kennen, nämlich für falsch. Mich stimmt es nachdenklich, dass dies nun anscheinend den Ausschlag gegeben hat. Kann es immer noch sein, dass einige Berner ein Problem damit haben, wenn eine Frau erfolgreich ist?

Unabhängig davon, ob diese Zuschreibungen fair oder unfair sind: Sie waren eine Tatsache. Hätte die SP darauf nicht stärker reagieren müssen?

Natürlich hörten wir auch davon. Doch als Stadtpräsidiumskandidatin muss man auch authentisch sein. Zeitweise wurde ja sogar die Aussprache von Ursula Wyss diskutiert. Was hätte man da ändern sollen?

Sie hörten nicht auf die Stimmen, die sagten, dass Ursula Wyss beim Volk nicht gut ankommt. Ist die SP elitär und volksfern? Schliesslich haben Sie mit Ihrer Kandidatin klar verloren.

Nein. Wir sind eine Partei, die in Bern in allen Stadtteilen sehr präsent ist. Wir haben während des Wahlkampfes viele Standaktionen gemacht. Auch mit der Telefonkampagne waren wir sehr nah bei den Leuten. Wir haben in der Stadt 1200 Mitglieder und verzeichnen einen Zuwachs. Die Delegierten haben sich klar für Ursula Wyss ausgesprochen. Viele haben sich auch persönlich für sie eingesetzt.

Wurden die Fehler früher gemacht? Ursula Wyss hat sich ja sehr genervt, dass Alexander Tschäppät sie bereits 2012 als Nachfolgerin ankündete.

Dies ist auch wieder ein Beispiel dafür, wie in der Stadt Bern mit zwei paar Ellen gemessen wird. Alec von Graffenried hat einmal gesagt, dass er schon immer Stadtpräsident werden wollte. Bei ihm wurde dies nicht thematisiert. Bei Ursula Wyss hingegen schon, sie wurde als vorpreschend dargestellt.

Mit Alec von Graffenried, der auch gegen rechts ausstrahlt, hatte die SP also Mühe. Hätte man das RGM-Bündnis im Frühling zerbrechen lassen sollen? Von Graffenried wäre ohne die SP und das Grüne Bündnis vielleicht nicht einmal Gemeinderat geworden.

Das ist eine hypothetische Frage. Wir haben damals so entschieden, Punkt. Wir haben uns im Wissen um die Risiken für das Bündnis ausgesprochen. Nun sollte man nach vorne schauen. Die Risse, die im Bündnis entstanden sind, müssen wieder gekittet werden.

Bringen die Parteien ihre Scharfschützen, die auf Social Media immer wieder hart gegen die jeweiligen Kandidaten schossen, überhaupt wieder unter Kontrolle?

Ich hoffe, dass es nun ruhiger wird und dass auch die Gehässigkeiten weniger werden. Vom Stadtpräsidenten erwarte ich eine klare RGM-Politik. Abgesehen vom Verlust des Stadtpräsidiums wurde die SP bei diesen Wahlen ja nicht schwächer, im Gegenteil.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch