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Bald wartet in Bern an jeder Ecke ein Velo

Die Stadt Bern will ab Mai 2018 zum grössten Veloverleiher der Schweiz werden. Das Angebot wird laut einem Verkehrsexperten funktionieren – sofern das System einfach zu bedienen ist.

2400 Velos sollen dereinst an 200 Ausleihstationen stehen.
2400 Velos sollen dereinst an 200 Ausleihstationen stehen.
zvg

Alle 300 Meter ein Velo zum Mieten und Abstellen: Das soll ab Mai 2018 in Bern möglich sein. Berns Stadtregierung plant das grösste Veloverleihsystem der Schweiz. Ab Frühling des nächsten Jahres sollen 100 Ausleihstationen mit 1200 Fahrrädern in der Stadt zur Verfügung stehen – in der Endphase sogar bis zu 2400.

Die Dichte des Angebots ist sehr gross: Geplant sind Velostationen, die lediglich 300 bis 400 Meter auseinanderliegen. Wer den Verleih nutzt, zahlt zwischen 50 und 200 Franken für ein Jahresabonnement. Für die Velos müssen allerdings 97 Autoparkplätze weichen. Die Stadt investiert in das Projekt insgesamt zwei Millionen Franken.

Bern will damit Pendler, Touristen und jene, die rasch ein Velo brauchen, dazu bringen, umzusatteln. Die vollen S-Bahn-Züge und Busse sollen so entlastet werden. «Das Velo ist das Fortbewegungsmittel der Zukunft», sagte Ursula Wyss (SP), Direktorin für Verkehr, Tiefbau und Stadtgrün (TVS), am Montag an einer Medienkonferenz.

Nutzen für alle Zielgruppen

Mehr Velofahrer dank Ausleihsystem – kann das gelingen? «Ich bin davon überzeugt, dass das Veloverleihsystem in Bern funktioniert», sagt Roger Sonderegger, Dozent für Tourismuswirtschaft und Mobilität an der Hochschule Luzern. Die Dichte sei ein wichtiges Qualitätsmerkmal eines Veloverleihsystems, findet er. «Ausserdem sollte das Velo einfach zu bedienen sein und eine gute Qualität aufweisen.»

«Bern braucht keinen Rolls-Royce: überdimensioniert und überrissen.»

Kritik der CVP am Verleihsystem

Sonderegger ist überzeugt, dass das System in Bern funktionieren wird. Im Ausland und in anderen Schweizer Städten wie Zürich, Genf oder Biel sei das System bereits etabliert, sagt er. Die Betreiberfirma Publi-Bike und die Stadt Bern sprechen als Zielgruppen Einheimische, Pendler, Touristen sowie Studierende an.

Sonderegger sieht den Nutzen für alle diese Gruppen. «Pendler, die mit dem Zug ankommen und den Bus verpassen, profitieren sicher von dem Angebot und werden es bestimmt nutzen», sagt er. Und die Einheimischen? Wer in der Stadt wohne und den letzten Bus nach Hause verpasse, sei sicher froh, wenn alle paar Hundert Meter ein Velo zur Verfügung stehe.

Ein Jahresabo für 50 Franken

In Bern sind Plätze wie das Bahnhofareal oder der Hirschengraben mit Velos zugeparkt. Warum sollten sich deren Besitzer ein anderes Velo ausleihen? «Wenn das eigene Velo am anderen Ende der Stadt steht, ist ein so dichter Veloverleih ziemlich praktisch», findet Michael Sutter, Präsident von Pro Velo Bern.

Die Dichte der Standorte müsse hoch sein, damit ein Angebot funktioniere. Sutter sieht den grössten Nutzen eines Veloverleihs für die Touristen und die Pendler, die nach Bern kommen. Er schliesst nicht aus, dass Personen Mietvelos benützen, die sonst nie Velo fahren. «Für sie ist die Hürde natürlich grösser, das Angebot zu nutzen.» Auch den Preis sehen Sonderegger und Sutter nicht als Problem. Zum Vergleich: In der Stadt Biel kostet ein Jahresabo 60 Franken.

Wer in der Stadt Bern wohne und häufig den letzten Bus nach Hause verpasse, für den wäre ein Jahresabo sicher sehr praktisch, findet Sutter. «50 Franken für ein Jahresabo ist im Vergleich zu einer Taxifahrt nicht sehr viel.» Zudem müsse es für kommerzielle Anbieter auch rentieren, so Sutter. Er ist vom Erfolg des Projekts überzeugt: «Ich denke, dass das Veloverleihsystem in der Stadt Bern auf grossen Anklang stossen wird.»

«Überdimensioniert, überflüssig»

Bei den Bürgerlichen hält sich der Beifall in Grenzen, nicht nur wegen der abgeschafften Parkplätze und der Kosten, sondern aus grundsätzlichen Überlegungen: Stadträtin Barbara Freiburghaus (FDP) hegt Zweifel, ob das Angebot rentiert. «Wer in der Stadt bereits ein Velo hat, wird kaum eines mieten wollen», sagt sie.

Als «völlig überdimensioniert» und «überrissen» qualifiziert die CVP das Projekt ab, wie sie in einer Mitteilung festhält. Bern brauche vernünftige Lösungen, keinen Rolls-Royce.

Die SVP der Stadt Bern lehnt das Vorhaben ebenfalls ab. «Einmal mehr will der der Gemeinderat von Bern unser Steuergeld für rotgrüne Prestige-Veloprojekte verschwenden» wie die Partei in einer Mitteilung schreibt. Die SVP kritisiert zudem die Aufhebung von 97 Parkplätzen durch das Projekt.

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