Bahn vergrault, Stadt lädt ein

Die Bundesbahnen wollen die herumhängenden Jugendlichen vor dem Berner Bahnhof loswerden. Die Stadt hat völlig andere Pläne: Sie will beim Bahnhof neue Sitzbänke aufstellen.

Ein paar Leute, die vor dem Berner Hauptbahnhof herumstehen, sind noch kein Problem, doch Menschengruppen stören laut SBB den Pendlerfluss.

Ein paar Leute, die vor dem Berner Hauptbahnhof herumstehen, sind noch kein Problem, doch Menschengruppen stören laut SBB den Pendlerfluss. Bild: Adrian Moser

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Sie trinken Bier, rauchen Zigaretten und drücken auf ihren Smartphones herum: Nach Feierabend treffen sich Jugendliche beim Haupteingang des Berner Hauptbahnhofs. Wenn dann auch noch die Pendler zu den Zügen gelangen wollen, wird es zuweilen eng zwischen Tibits und Confiserie Sprüngli. Zu eng, finden die SBB. Sie haben Sprüngli ein anderes Ladenlokal angeboten und wollen den Eingang so umbauen, dass dort nicht mehr herumgehängt werden kann. Auch oben sind Umbauten geplant. Dort muss mit dem Côté Sud ein klassisches Restaurant weichen – dafür wird der Vegi-Imbiss Tibits doppelstöckig (der «Bund» berichtete).

Weniger herumlungernde Jugendliche, hippere Restaurants: Das hat System. Mit dem Masterplan «Bahnhof der Zukunft» will das Transportunternehmen seine Bahnhöfe und deren Umgebung «aufwerten», um höhere Mietzinseinnahmen zu generieren. Welche Geschäfte den Bahnhof sonst noch verlassen müssen, dazu will sich die SBB nicht äussern. Die SBB begründen das Vorgehen gegen die Jugendlichen auch mit den ständig steigenden Pendlerzahlen. «Es müssen neue Zugänge erschlossen werden, weil die Kapazitäten der heutigen Eingänge in den Hauptverkehrszeiten nicht mehr ausreichen», heisst es.

Pendler sind heute heikler

Neben den Jugendlichen treffen sich auch Randständige vor dem Hauptbahnhof. Silvio Flückiger, Leiter der städtischen Interventionsgruppe Pinto, beobachtet die Szene genau. Er äussert sich aber kritisch zu Plänen, Personengruppen aus dem Bahnhof zu verdrängen, und spricht von einem «guten, aber fragilen Gleichgewicht» rund um den Bahnhof. Tatsächlich stünden die Leute dort manchmal den Pendlern im Weg, aber schliesslich müsse es ja beim Bahnhof für alle Platz haben. Flückiger ist zudem der Meinung, dass sich die Toleranzgrenze in den letzten Jahren stark verschoben hat.

«Als ich 2005 auf meinem ersten Rundgang in der Bahnhofunterführung war, zählten wir 19 Personen, die Drogen konsumierten», sagt er. Die Randständigenszene habe damals aus circa 60 Personen bestanden. Eine Ansammlung, wie sie die Jugendlichen heute bilden, hätte er damals gar nicht erst bemerkt, sagt Flückiger. Auch Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) äusserte sich im letzten Sommer sehr kritisch zu den damals erst vage bekannten Umbauplänen der SBB.

Stadt will Bänke aufstellen

Was ist plötzlich los bei den städtischen Behörden? Beim Bahnhofumbau 2007 wurden die Steinbrocken, auf denen Drogensüchtige gerne verweilten, in Glas eingefasst. Unter dem neuen Baldachin wurden bewusst nur wenige Sitzbänke installiert. Dies sollte dazu führen, dass man sich nicht zu lange dort aufhalte. 2013 entfernte die Stadt zudem die Sitzgelegenheiten beim Bahnhofaufgang Neuengasse.

Nun, zehn Jahre später, hat bei den städtischen Behörden ein Umdenken stattgefunden. «Das Bedürfnis nach zusätzlichen Sitzmöglichkeiten im Bahnhofumfeld ist gross», sagt Reto Zurbuchen, Stadtingenieur ad interim. Der neue Richtplan Fussverkehr, aber auch andere Studien der Stadt zeigten dies. Das Tiefbauamt der Stadt Bern prüfe darum, ob beim Bahnhof neue Sitzgelegenheiten geschaffen werden können. Allerdings sei dies nicht einfach. Die neuen Bänklein dürften auf keinen Fall die Pendlerströme behindern.

Wir wollen von Ihnen wissen: Vermissen Sie den «alten» Bahnhof als Begegnungsort? Fehlen Ihnen die Restaurants, oder sind Sie froh, dass Sie nun auch am Sonntag einkaufen können? Für wen soll der Bahnhof Bern künftig noch Raum bieten? Ist es legitim, dass Jugendliche vergrault werden, nur weil sie in der Öffentlichkeit Bier trinken? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch» (Der Bund)

Erstellt: 07.03.2018, 06:44 Uhr

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