Illegales Chalet bringt Rot-Grün in Bedrängnis

Besetzer auf dem Berner Warmbächliareal bauen plötzlich ohne Bewilligung ein Haus. Die Stadt zeigt sich unbeeindruckt und will mit der geplanten Grossüberbauung ab Februar beginnen.

Das illegale Haus auf der Warmbächlibrache sieht nicht aus, als würde es bloss für wenige Monate gebaut.

Das illegale Haus auf der Warmbächlibrache sieht nicht aus, als würde es bloss für wenige Monate gebaut. Bild: Adrian Moser

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Die Szene auf der Warmbächlibrache im Berner Holligenquartier am frühen Morgen ist skurril. Während auf der einen Seite des Geländes die Feuerwehr aus Brienz eine Übung durchführt, entsteht auf der anderen Seite ein illegales Haus. Seit einem halben Jahr wohnt auf der Brache ein Besetzer-Kollektiv in Wohn- und Bauwagen. Bisher wurden sie toleriert, weil sie nur in sogenannten Fahrnisbauten, also in provisorischen, mobilen Gebäuden wohnten. Doch nun bauen die Besetzer ein richtiges Haus. Von weitem sieht es aus wie ein Berner Chalet.

«Wir haben weder ihre Siedlung
noch ihre Bauten bewilligt.»
Christian Walti, Verein Warmbächlibrache

Auf den zweiten Blick wird klar, dass das Haus aus Second-Hand-Bauteilen besteht. Die Fassade ist aus Holzbrettern, das Giebeldach aus Wellblech. Im Innern führt eine geschwungene Holztreppe ins Obergeschoss. Sie sieht aus, als stamme sie aus einem alten Bauernhaus. Zudem sieht das Haus stabil und professionell gebaut aus. Sechs junge Männer sind da und hantieren am Gebäude. Aus einem Radio tönt Musik. Was sie genau planen, wollen sie dem «Bund» nicht sagen. Ob noch weitere Häuser geplant sind und damit bald ein nicht bewilligtes Hüttendorf entsteht, wie es Bern aus den bewegten Zeiten der 1980er-Jahre kennt, bleibt also unklar.

Wer ist zuständig?

Klar ist aber: So war die Zwischennutzung, welche die Stadt 2016 mit dem Verein Warmbächli vertraglich ausgehandelt hat, nicht geplant. Campieren wurde im Vertrag verboten – von einem Hausbau nicht zu reden. Der Verein, der die Zwischennutzung auf dem grossen Gelände der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage organisiert, distanziert sich denn auch vom Vorgehen der Hausbauer. «Wir haben weder ihre Siedlung noch ihre Bauten bewilligt», sagt Christian Walti vom Vorstand. Im Juni beschloss der Brachenverein, die Besetzer bis Ende Juli zu tolerieren. Er verlangte von ihnen aber, dass sie direkt mit der Stadt einen Zwischennutzungsvertrag abschliessen.

Dies ist bisher aber nicht geschehen. Immerhin nimmt laut Walti jeweils ein Mitglied der Besetzer an den Versammlungen des Brachenvereins teil. Die alltägliche Kommunikation sei offen. Aber es sei nicht möglich gewesen, vertragliche Vereinbarungen mit den Besetzern abzuschliessen. Daher ist dem Verein die Situation mit den Besetzern auf der Brache mittlerweile offenbar zu riskant geworden. Der Vorstand hat Anfang November beschlossen, die Verantwortung für den besetzten Teil der Brache wieder an die Stadt Bern abzugeben. Immerhin haftet der Verein für die Gesamtfläche.

Bei der Stadt geben sich die Verantwortlichen zurückhaltend. Ja, das Vorgehen sei illegal. Und ja, das Risiko weiterer Bauten bestehe, heisst es bei Immobilien Stadt Bern. Aber: «Es ist gängige Praxis des Gemeinderats, in solchen Situationen mit Augenmass vorzugehen», sagt der zuständige Gemeinderat Michael Aebersold (SP). Er nehme an, dass die Wagengruppe im Februar 2018 abziehen werde. Denn dann sollen erste Vorbereitungen für die Überbauung des Geländes getroffen werden. Das Gelände muss um vier bis sechs Meter auf das Niveau des Stadtbachs aufgeschüttet werden.

Aebersold: «Der illegale Zustand wird somit in absehbarer Zeit beendet sein.» Wird das wirklich so sein? Für Aebersold ist klar: «Zwangsmassnahmen kommen nur als Ultima Ratio infrage.» Immerhin hätten die Stimmberechtigten Berns entschieden, dass auf dem Areal Wohnungen entstehen sollten. «Der Gemeinderat wird diesen Beschluss umsetzen.» Die Stadt werde Ende November mit der Wagengruppe Kontakt aufnehmen.

40'000 Kubikmeter Füllmaterial

Ein Baugesuch der Infrastrukturgenossenschaft Warmbächli liegt im Übrigen bereits vor. Sobald es bewilligt ist, will die Genossenschaft beginnen, wie Präsident Martin Zulauf sagt. Die Zeit eilt. Denn die rund 40'000 Kubikmeter Füllmaterial für das Warmbächliareal sind Aushub der nur wenige 100 Meter entfernten Insel-Baustelle und müssen möglichst bald abgeführt werden. Deshalb werde das Warmbächli gut zwei Jahre vor dem eigentlichen Baubeginn aufgefüllt. Die Aufschüttungen des Geländes geschehen dort, wo heute die Besetzer sind. Bis zu Beginn der Aufschüttungen müssen sie weg sein. (Der Bund)

Erstellt: 17.11.2017, 06:31 Uhr

Warmbächli: Die Brache

Bis 2013 stand die Kehrichtverbrennungsanlage auf dem Warmbächliareal. Nach dem Umzug des Betriebs wurde das alte Gebäude abgebrochen. Seit knapp zwei Jahren nutzt der Verein Warmbächlibrache das Bauland als Zwischennutzung und organisiert darauf Events. Quartierbewohner haben einen Spielplatz gebaut und pflegen urbane Gärten. Der Verein kann die Brache bis Ende 2018 nutzen. Allerdings ist das Grundstück immer wieder Ziel von Vandalenakten geworden. So brannte im Frühling dieses Jahres der Pflanz-Bus. Ein Jahr zuvor fand auf dem Areal eine unbewilligte Party statt. Im Anschluss zogen die Partygänger in einer Art Saubannerzug durch die Strassen des Quartiers.

Bereits im Februar soll ein Teil des Geländes mit Bauschutt von der Inselbaustelle aufgefüllt werden. Das Baugesuch ist eingereicht worden. Auf dem Areal sollen in den nächsten Jahren 250 Wohnungen gebaut werden. Die Stadt hat das Land im Baurecht an sechs Genossenschaften abgegeben. Unter anderem bauen hier die Eisenbahnergenossenschaft, Fambau und die Genossenschaft Warmbächli. (nj)

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