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Auswirkungen von sozialer Durchmischung sind unklar

Die Stadt Bern fördert die soziale Durchmischung der Quartiere. Ob diese Massnahme aber auch etwas bringt, ist laut der Wissenschaft höchst fraglich.

Was für einen Nutzen soziale Durchmischung hat, bleibt laut Wissenschaft fraglich.
Was für einen Nutzen soziale Durchmischung hat, bleibt laut Wissenschaft fraglich.
Adrian Moser

Das Schreckgespenst der Gentrifizierung geht auch in Bern um. Der Begriff stammt aus England, wo der Landadel – die sogenannte Gentry – im 18. Jahrhundert vom Land in die Städte zog und dort die ansässige Bevölkerung verdrängte. Gegen Gentrifizierung – oder besser: für soziale Durchmischung – setzt sich auch Bern ein. Die Stadt ist damit in guter Gesellschaft.

Soziale Durchmischung – ursprünglich von den Bürgerlichen aus Angst vor Seuchen in den Arbeiterquartieren und sozialen Konflikten sowie zur Einbindung des Proletariats erdacht – ist in den letzten Jahren zu einem Leitideal in der Stadtentwicklung geworden. Das zeigt eine Analyse der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit aus dem Jahr 2015. Die Studie hält fest, dass dem Konzept in der wissenschaftlichen Debatte viel kritischer begegnet werde als in der Stadtplanung. Soziale Durchmischung wird nicht selten als Heilmittel gegen Armut, Ausgrenzung und Rassismus propagiert. Die Argumentation klingt soweit auch durchaus plausibel: Wenn in einem Quartier verschiedene Schichten zusammenleben, werden Vorurteile abgebaut. Zudem können Personen aus der Unterschicht informelle Kontakte knüpfen mit Leuten aus der Oberschicht. Dieses Vitamin B kann dann später die Karriere vorantreiben. Junge Bewohner kaufen für ihre älteren Nachbarn ein; diese hüten dafür einmal die Kinder der Nachbarsfamilie.

Räumliche ist nicht soziale Nähe

Intuitiv spricht nichts gegen dieses Szenario. Nur: Empirisch lassen sich die Vorteile der sozialen Durchmischung nicht festmachen. Die Forschung habe bisher beispielsweise keine Belege dafür gefunden, «dass soziale Mischung den Kontakt fördere und Vorurteile abbaue», heisst es in der Studie. Auch sei nicht nachweisbar, dass Menschen, die in benachteiligten Vierteln lebten, dadurch ärmer würden. In Sachen Integration gelte sogar das Gegenteil: Die Chancen der sozialen Integration seien in homogenen Quartieren grösser als in durchmischten. Räumliche Nähe habe eben letztlich nichts mit sozialer Nähe zu tun.

Soziale Durchmischung sei vor allem ein politisches Schlagwort. Wenn es konkret darum gehe, wie diese zu erreichen sei, fehlten Vorschläge oft, sagen die Forscher, die mehrere Berner Experten zum Thema interviewt haben. Denn einerseits seien die Prozesse, die zu einer sozialen Mischung führten, nur schwer zu steuern. Dass es Rezepte gebe, die dauerhaft zu einer sozialen Durchmischung führten, sei bisher nicht belegt worden. Andererseits sei der Begriff oft sowieso nur vage definiert. «Diese Unverbindlichkeit und in gewisser Hinsicht auch Ratlosigkeit hinsichtlich dessen, was denn nun wirklich zu tun wäre, durchzieht den gesamten Diskurs zur sozialen Durchmischung.»

Leben ausserhalb des Quartiers

Ob ein Quartier zum Ort der sozialen Ausgrenzung wird, hängt vor allem mit der physischen Mobilität und den Zugängen zu Bildung, Arbeit und Wohnen sowie der Qualität des Wohnens ab. Im Alltag orientieren sich die Bewohner eines Quartiers nicht an den administrativen Quartiergrenzen. Wenn jemand in Bümpliz wohnt, im Kirchenfeld arbeitet und in der Freizeit im Turnverein Länggasse Volleyball spielt, lebt er im Alltag in einer sehr durchmischten Welt.

Soziale Isolation, so die Studie der Fachhochschule, werde oft durch räumliche Isolation verstärkt. Dem könne eine Stadt entgegenwirken, wenn sie zwischen den Quartieren für Fuss-, Fahrradund ÖV-Verbindungen sorge, grosse Durchgangsstrassen vermeide und allen den Zugang zu öffentlichen Räumen und Kulturangeboten ermögliche.

Kritisch ist der Aspekt der Schule – besonders in Quartieren mit hohem Ausländeranteil. Mangelnde Qualität der Schule könne bildungsnahe Familien aus dem Quartier vertreiben, sagt die Studie. Ob eine gute Schule diese Familien auch wieder zurückholen kann, ist laut den Forschern ungeklärt.

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