Aussenansichten

Die abschliessende Episode aus dem Leben auf dem Festivalhügel.

Das Smartphone ist auch während des Konzerts stets in Aktion.

Das Smartphone ist auch während des Konzerts stets in Aktion. Bild: Sam Konrad

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Er ist nicht einer jener Typen, die auf den ersten Blick unermessliches Vertrauen wecken. Wie ein schmuddeliger Jesus steht er auf der Strasse, die zur Talstation der Gurtenbahn führt. Während um ihn herum Unterschriften für verschiedene politische Begehren gesammelt werden, wendet sich dieser Mann mit einem ganz anderen Anliegen an die heraufströmenden Festivalbesucher. Wer sich auf Armlängen-Distanz an ihn herantraut, dem drückt er einen Flyer in die Hand, dessen Forderung nicht von dieser Welt ist. «Lasst uns ein Botschaftsgebäude bauen, um eine ausserirdische Zivilisation auf der Erde willkommen zu heissen», ist auf dem Flugblatt zu lesen.

Der Empfang von ausserirdischem Leben scheint bei den Gurtengängern nicht oberste Festival-Priorität zu haben. Die meisten von ihnen stapfen an Schmuddel-Jesus vorbei, ohne jemals zu erfahren, dass es Menschen gibt, die ihre Freizeit der intergalaktischen Diplomatie opfern. Doch was, wenn über dem diesjährigen Gurtenfestival nicht nur Jimy Hofers Helikopter seine Runden drehte, sondern auch die eine oder andere fliegende Untertasse über dem Festivalgelände vorbeihuschte? Was, wenn anstatt eines Botschaftsgebäudes der Gurten für den Erstkontakt mit ausserirdischem Besuch herhalten müsste? Was für ein Bild der menschlichen Spezies würde den Gästen aus dem Weltall das Gewusel auf dem Hügel vermitteln?

***

Wenn es den Ausserirdischen bei ihrem Flug über die Könizer Partywiese gelänge, einen Blick in das VIP-Zelt zu erhaschen, würden sie vor Verwunderung wohl bloss ihre fremdförmigen Köpfe schütteln. Unwichtige Typen probieren ihre gesellschaftliche Irrelevanz dadurch zu kaschieren, dass sie den Kragen ihres Polohemdes hochklappen. Oberländische Mitfünfzigerinnen mit frechen Kurzhaarfrisuren stampfen zu Blues, als stünden sie auf dem vertrauten Parkettboden ihres Bären oder Löwen. Vertreter der älteren Semester klammern sich am Terrassengeländer fest und probieren unter höchster Anstrengung, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie nicht im Geringsten verstehen, was drüben auf der Hauptbühne gerade geschieht.

Unter dem Deckmantel der Musik werden dort Feuerwerkarsenale abgeschossen, die einem eine Ahnung vermittelten, wie es ist, bei einem Atomwaffentest dabei zu sein. Vor der Bühne stehen Menschen, die den Hügel in vollkommener Nacktheit bestiegen haben müssen. Denn alles, was nun ihre Blösse bedeckt, sind Werbegeschenke verschiedener Festivalsponsoren.

***

Die menschgewordenen Litfass-säulen lassen sich ihr neues Gewand mit solch lethargischer Willenlosigkeit aufdrücken, dass die Vermutung naheliegt, sie verbrächten ihr Leben abseits der Hauptbühne in straff organisierten Sekten. Währenddessen wird im Festzelt eines Billig-Rum-Herstellers ironisch zu Halligalli-Hits aus dunklen Epochen der modernen Musikgeschichte herumgehampelt. Im Medienzelt werden zu gleicher Zeit Liveticker-Einträge in frivoler Sprache in die Tasten gehauen, um den Daheimgebliebenen zu erklären, wie lustig es hier oben ist – und um die Ortsanwesenden darüber zu informieren, was genau sie jetzt eigentlich gerade machen.

Spätestens wenn die Ausserirdischen zu später Stunde der prall gefüllten Gurtenbahn gewahr werden, die wie eine grölende Schuhschachtel zurück in die Zivilisation rollt, werden sie schleunigst wieder heimische Gefilde ansteuern. Egal, in welcher Galaxie sich diese befinden. Nehmt mich bitte mit! (Der Bund)

Erstellt: 16.07.2017, 21:10 Uhr

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