Ausbildung statt Invalidenrente

Die Recyclingwerkstätten «Gump- und Drahtesel» im Liebefeld werden heuer 20 Jahre alt. 
Neuerdings arbeitet das Unternehmen mit der Invalidenversicherung zusammen – und schafft so für Menschen neue Perspektiven.

Bei ihm muss «immer etwas gehen»: Der Lernende Marc Joss in der Werkstätte von Gump- und Drahtesel.

Bei ihm muss «immer etwas gehen»: Der Lernende Marc Joss in der Werkstätte von Gump- und Drahtesel.

(Bild: Adrian Moser)

Fahrradrahmen baumeln schön nach Farben sortiert unter der Decke, Inbusschlüssel zieren in Reih und Glied die Wände. Man sieht der Werkstatt vom Gump- und Drahtesel im Liebefeld an, dass hier alles seine Ordnung hat, dass alles in seinen Bahnen läuft. Die Leben der Leute jedoch, die hier täglich hantieren, verlaufen selten so gradlinig. Egal, ob die erwerbslosen Menschen vor kurzer oder längerer Zeit ihre 
Arbeit verloren haben, ob sie in einer Lebenskrise stecken oder Suchtprobleme haben: Sie finden in der Recyclingwerkstatt einen ersten Halt. Durch befristete Arbeits­ein­sätze sowie Coaching- und Bildungsangebote sollen sich ihnen neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt eröffnen, unterstützt werden sie von einem 65-köpfigen Team von Handwerkern, Sozialarbeitenden und Arbeitspsychologen.

Die Zahlen zeigen: Das Unternehmen, welches der Stiftung für Soziale Innovation angehört, hat sich in den letzten Jahren im Bereich der beruflichen Integration etabliert. Vor 20 Jahren als Hinterhofbetrieb gestartet, bietet der Gump- und Drahtesel heute 130 Programmplätze für Menschen ohne Erwerbsarbeit an. Seit der Gründung sammelten die Programmteilnehmenden 130'000 Velos ein, reparierten sie und exportierten sie schliesslich nach Afrika. Allein vergangenes Jahr wurden 33 Container mit Drahteseln gen Süden geschickt.

Bestnote für zwei Lehrlinge

Seit knapp zwei Jahren hat der Gump- und Drahtesel seine Zusammenarbeit mit der Invalidenversicherung (IV) intensiviert. Seither können Personen, die bei der IV angemeldet sind, aber noch keine Rente beziehen, eine Berufsausbildung oder ein Arbeitstraining absolvieren. Rund 30 Leute haben bisher von der Ausbildungsmöglichkeit in den Bereichen Velo- oder Metallwerkstatt, Administration und Verkauf Gebrauch gemacht, ein gutes Dutzend hat die Ausbildung bereits abgeschlossen.

Das Projekt sei noch zu jung, um sagen zu können, wo die Absolventen nun im Erwerbsleben stünden, so Paolo Richter, Gründungsmitglied vom Gump- und Drahtesel. Jedoch: «Zwei unserer Lehrlinge haben kantonal mit der Bestnote abgeschnitten.»

Tiefere Kosten für die IV

Einer, der aktuell seine Chancen im ersten Arbeitsmarkt erhöhen will, ist Marc Joss aus Lyss. Der 31-Jährige hat mehrere Schnupperlehren, einen Lehrabbruch und viele Gänge zum Arzt hinter sich. ­Irgendwann wurde bei ihm die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS diagnostiziert. «Wegen des vermehrten Fernbleibens vom Arbeitsplatz hiess es vor einigen Jahren, ich sei nicht geeignet für den ersten Arbeitsmarkt», erzählt der Mann mit den wachen Augen. Eine Anmeldung bei der IV erfolgte. Diese wies Joss dem Gump- und Drahtesel zu, nach der Anlehre konnte er in das zweite Lehrjahr der regulären Ausbildung zum Fahrradmechaniker einsteigen. Die IV bezahlt dem Vater zweier Kinder während der Ausbildung ein Taggeld und übernimmt die Ausbildungskosten, eine Invalidenrente jedoch bezieht Joss nicht. «Ziel ist es, dass die Programmteilnehmenden nach der Ausbildung ihren Lebensunterhalt ganz oder zumindest teilweise selber bestreiten können, anstatt eine Invalidenrente beziehen zu müssen», sagt Christine Holenweger, Leiterin Beratung und Bildung vom Gump- und Drahtesel.

Neben Joss schraubt ein 40-jähriger Mann an einem Fahrrad. «Ich bin froh, durfte ich hier landen», sagt der Lernende. Zehn Jahre pendelte er von einem Arbeitsbeschäftigungsprojekt zum andern, nachdem er seinen Job «wegen all des Leistungsdrucks» verloren hatte. Eine «geschützte» Arbeitssituation sei für ihn gegenwärtig genau das Richtige, um wieder in den Arbeitsmarkt zu finden, erzählt der Mann, der mit 13 Jahren seine Mutter verloren hatte – und dessen Vater daraufhin ohne seinen Sohn auswanderte.

Betriebskultur soll helfen

Lernende, die eine Ausbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis absolvieren, wechseln nach einem Ausbildungsjahr im Gump- und Drahtesel schrittweise ihren Ausbildungsplatz und absolvieren die letzten zwei Jahre wenn möglich in einem Betrieb im ersten Arbeitsmarkt. «Damit der Übergang erfolgreich und nachhaltig erfolgt, begleiten wir bei Bedarf sowohl den neuen Lehrmeister wie auch die Lernenden in der ersten Zeit nach dem Wechsel», sagt Holenweger. Als Herausforderung sieht die Betriebsleiterin die Suche nach einer Anschlusslösung für die Absolventen einer Ausbildung. Glücklicherweise liessen sich immer wieder Betriebe finden, die bereit seien, Lernenden eine Chance zu bieten und sie einzubinden. Trotzdem müsse in der Arbeitswelt noch viel geschehen. Für Holenweger sollte es letztlich Ziel sein, Win-win-Lösungen zu schaffen, damit möglichst noch mehr Menschen einen Platz im ersten Arbeitsmarkt finden und auch behalten können.

Schätzungsweise 6000 Personen haben mittlerweile ein Programm beim Gump- und Drahtesel durchlaufen, noch vor zehn Jahren waren es lediglich 789. Die Kombination von Arbeit, intensiver Begleitung und Bildung ist also gefragt. Wie weit soll der Gump- und Drahtesel denn noch wachsen? «Wir haben nun eine gute Grösse erreicht», sagt Richter. Dem Betrieb sei es wichtig, eine bestimmte Kultur zu pflegen, die sich nicht beliebig vervielfältigen lasse. «Damit die Leute, die zu uns kommen, ihre Fähigkeiten entfalten können, braucht es einen Boden des Zu- und Vertrauens.»

Der Bund

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