Aufgetischt: Toblerone zum türkischen Kaffee

Wo die Zeit stehen geblieben ist: Testessen im Restaurant Lory am Loryplatz.

«Waschsalon unter den Berner Beizen»: Das Restaurant Lory.

«Waschsalon unter den Berner Beizen»: Das Restaurant Lory.

(Bild: Screenshot: Google Maps)

Eine Tafel mit Royal-Döner-Fleisch kündigt das kleine Restaurant beim Loryplatz an. Vor 14 Jahren beschrieb ein «Bund»-Kollege das Lokal als «Waschsalon unter Berns Quartierbeizen». Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, die Beschreibung trifft noch immer zu. Wer von der lärmigen Strasse in das Lokal tritt, trifft auf Besucher, die origineller daherkommen als das Dekor, und taucht in eine unverstellte und ungekünstelte Atmosphäre ein. Das Radio ist an, die Wände sind in hellem Orange gestrichen, der WM-Spielplan hängt bereits an der Wand, im Plastikblumen-Topf steckt ein Schild mit der Aufschrift «Herzlich Willkommen».

Schneller ohne Chef?

In blumiger Bluse und mit einem breiten Lachen auf dem Gesicht begrüsst uns die Chefin des Hauses und verweist die Testesserin und den Begleiter an einen Platz am Fenster. Am Nebentisch bestellt ein Arbeiter die Rechnung. Heute sei das Mittagessen schneller gegangen, da sein Chef nicht mit dabei sei, scherzt er. Obwohl auch Pizza Gorgonzola (Fr. 18.90), Wurst-Käse-Salat (Fr. 17.90) und Tortellini (Fr. 16.90) locken, entscheiden wir uns für etwas typisch Türkisches. Zur Auswahl stehen etwa der Adana Kebab (Fr. 23.90) mit Lamm-Kalb-Hackfleisch am Spiess mit Pommes frites und Grillgemüse oder Falafel (Fr. 18.90) mit Pommes frites und Saisonsalaten. Die Testesserin wählt den Wochen-Hit, mit Fr. 27.90 das teuerste Gericht auf der Karte.

Es besteht aus einem Kebab-Eintopf mit Champignons, Tomaten, Zwiebeln und Peperoni. Der Begleiter nimmt das Tagesmenü (Fr. 17.90). Der dazugehörige Salat wird innert weniger Minuten serviert. Leider schwimmt er in «mayonnaisiger» Sauce, wie der Begleiter kritisch anmerkt. Dafür überzeugen die zwei Pouletfleisch-Spiessli, die an Café de Paris und mit grillierten Zwiebeln und Peperoni sowie zwei zu runden Haufen geformten Bulgur-Portionen auf den Tisch kommen. Frau Sinaci erkundigt sich mehrmals, ob das Essen schmeckt, und nimmt sich gerne Zeit für einen Schwatz am Tisch. Wir erfahren, dass sie und ihr Mann, kurdische Türken, das Lokal seit 17 Jahren führen. Einer älteren Dame, die bei einem Glas Weisswein sitzt, schneidet sie die Pizza in «extrakleine» Stücke.

Zum Dessert eine Art Nussgipfel

Der Eintopf schmeckt vorzüglich. Gemüse und Fleisch sind mit Käse überbacken und brutzeln in der Tonschale vor sich hin. Die schmackhafte und leicht scharfe Sauce, die im Töpfchen übrig bleibt, wird bis auf den letzten Tropfen mit warmem Brot aufgeputzt. Schon stellt Frau Sinaci dem Begleiter das Dessert hin: Baklava mit Pistazienstreuseln und Schlagrahm. «Fast wie ein Nussgipfel», sagt der Begleiter zufrieden. Zum Glück ist das Blätterteig-Süssgebäck nicht zu süss, denn zum türkischen Kaffee reicht uns die Kellnerin noch ein Stückchen Toblerone.

Auch die ältere Dame am Nebentisch hat fertig gespeist. Sie beobachtet durchs Fenster, was auf der Strasse vor sich geht, während sie gemächlich an ihrem Weissen nippt. Auch wir würden am liebsten noch eine Weile sitzen bleiben. Doch die Zeit ist um. Wir bezahlen mit Karte. «Wir sind nur halb modern», entschuldigt sich die Bedienung, weil sie das Lesegerät nicht an den Tisch bringen kann. Sie verabschiedet uns ebenso herzlich, wie sie uns begrüsst hatte.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt