«Aufgetischt»: Rote Bohnen aus dem Wald

Schief gesessen und touristisch gegessen: Das Café Restaurant Treff in der Berner Altstadt versucht mit einem internationalen Konzept zu überzeugen - was aber nicht vollständig gelingt.

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Das Restaurant Treff liegt goldrichtig. Wenn die Touristen aus aller Welt vom Bärenpark in Richtung Altstadt schlendern, kommen sie unweigerlich an dieser Gaststätte vorbei. Angesichts der Steigung, die nun einsetzt, müssen sie sich stärken, am besten im Treff. Auf den Stühlen sitzt man wegen der Topografie schon etwas schief, und im Eistee- oder Weinglas erscheint deshalb auch der Wasserspiegel schräg. Weil das Wetter so schön ist, sitzen wir nicht drin, obwohl das Lokal nett gestaltet und mit Schwarzweiss-Fotos aus Bern dekoriert ist. Neben uns rumpelt der 12er-Bus zum Zytglogge hinauf, und darum sind wir froh, dass es diesen offenen Stadtbach gibt: Er gewährt einen gewissen Schutz vor dem Verkehr.

Die Begleiterin ist noch nicht eingetroffen, weshalb der Testesser Zeit hat, die grosse Speisekarte des gastronomischen Treff-Imperiums zu studieren, in dessen Reich die Sonne vermutlich nie untergeht. Dazu trinkt er ein Ballönli Weisswein, einen erfreulichen Roero Arneis aus dem Piemont (Fr. 5.50/dl). Pizze findet man auf der Karte, die meisten um die 20 Franken, frittierte Ente, Szechuan-Poulet, Lachs-Steak oder Lammrückenfilet, US-Beef-Ribeye-Steak, Sushi, Sommerspecials wie Thonsalat-Teller (Fr. 25.–), Roastbeef-Teller (Fr. 35.–) oder Fitness-Teller. Dieses Rindsfilet mit Salat kostet 48 Franken. Das muss ja ein unglaubliches Stück sein, wohl zu viel für einen kommunen Zmittag. Noch monumentaler liest sich die nicht enden wollende Beschreibung des Gerichts Yakushima (Fr. 265.–), eine Platte mit japanischen Sushi aller Art, die sechs bis acht Personen ernährt.

Inzwischen ist die Begleiterin eingetrudelt, studiert ebenfalls das umfassende Angebot und wird – wie wohl die meisten Touristen – bald fündig. Sie nimmt das Tagesmenü 2, das aus unerfindlichen Gründen Brüssels heisst: Pangasius-Curry mit Gemüse und Reis (Fr. 19.–), zu dem es Salat oder Suppe gibt. Sie wählt den Salat. Der Testesser nimmt das Wochenmenü 8 namens Koh Samui. Die sogenannte Bentobox enthält Gyoza-Crevetten, Chicken Satay-Spiessli, Sushi und Wakame-Salat, dazu eine Misosuppe. Als gewissenhafter Testesser lässt er sich als Vorspeise auch noch Gyoza kommen, ebenfalls mit Crevetten gefüllt (Fr. 8.50). Das war etwas unüberlegt, denn zweimal die knusprig fritierten Teiggehäuse mit den Shrimps ist etwas viel. Da hätte die nette Bedienung vielleicht einschreiten und etwas anderes empfehlen können.

Die Miso-Suppe ist ziemlich lau. Wakame ist in diesem Etablissement das Leitmotiv. Das Grünzeug aus Algen schwimmt in der Suppe, liegt auf dem grünen Menüsalat, der ansonsten aus ganz mitteleuropäischen Salatblättchen besteht, und befindet sich auch auf dieser Bentobox (Fr. 24.–), die der Testesser bestellt hat. Dieses Gericht wird auf einem unglaublich schmalen, aber sehr langen eckigen Geschirr serviert. Der Testesser hätte sich die Satay-Spiessli etwas wärmer gewünscht, zudem findet er den Preis ziemlich stolz. Die Begleiterin ist mit ihrem Curry-Gericht zufrieden. Das gelbe Curry sei scharf, aber nicht waffenscheinpflichtig, es erinnere sie mit den darin enthaltenen Früchten an Riz Casimir. Wo ist nur die Soja-Sauce für die Sushi? Natürlich, im Ménage, das auf dem Tisch steht. Wegen des internationalen Konzepts hatte der Testesser vermutet, dass das Glas Balsamico-Essig enthalte.

Die Beiz füllt sich zunehmend, und die internationale Kundschaft («l’addition s’il vous plaît») wird von den netten jungen Kellnerinnen verstanden. Diese bekommen vom Geschäftsführer Raswant – auf der Webseite erscheint er unter der Rubrik Team als einziger mit Bild und Namen – immer wieder diskrete Winke, wo sie als nächstes gebraucht werden. Irgendwann geht in der Gasse ein Alarm los, vielleicht ein Auto, das nicht sachgemäss geöffnet wurde. Polizeiautos fahren daran vorbei. Mag sein, dass sie wieder irgendwo einen eingeschlossenen Dienstkollegen befreien müssen.

Wie auch immer: Wir wollen auch noch ein Dessert probieren. Die Begleiterin, die bald wieder ihren Büropflichten entgegenstreben muss, beschränkt sich auf eine Kugel Kokos-Glace mit Rahm (Fr. 4.50). Der Testesser glaubt, eine fritierte Banane mit zwei Kugeln Glace – Kokos und Zitrone – bestellt zu haben, kanns aber nicht beschwören. Er staunt, als ihm die Serviererin eine Coupe Treff bringt, in der orthografisch nicht immer ganz treffsicheren Speisekarte als Dessert «mit warme süsse Rote Bohnen» angekündigt (Fr. 10.50). Der Testesser hält es zwar für möglich, dass es in irgendeinem südostasiatischen Monsungebiet Urwälder gibt, in denen süssliche Bohnen gedeihen. Es sind aber warme Waldbeeren und eine Kugel Zitronenglace. Nicht sehr exotisch, aber doch auch ganz gut.

(Der Bund)

Erstellt: 27.05.2017, 08:31 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Von allem etwas: Sushi, Pizza,
mediterran, asiatisch.

Preise: Mittelklasse.

Kundschaft: Touristen aus der halben Welt, Büroleute (viele machten gestern die Brücke).

Öffnungszeiten: täglich 9–22 Uhr.

Adresse: Restaurant Treff, Gerechtigkeitsgasse 12, 3011 Bern, Telefon 031 311 02 85, www.treffbern.ch

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