Aufgetischt: Mit Tafelmusik und Tafelakrobatik

Der Testesser gerät im Broadway-Variété in eine fulminante Show, vergisst aber darob das Dinner keineswegs.

Hochstimmung im abulanten Verzehrtheater: Broadway-Co-Direktor Luca Botta (hinten) und Chefkoch Max Läubli bedanken sich für den Applaus.

Hochstimmung im abulanten Verzehrtheater: Broadway-Co-Direktor Luca Botta (hinten) und Chefkoch Max Läubli bedanken sich für den Applaus. Bild: Markus Dütschler

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Dieses Jahr ist der Testesser Number one im Broadway-Variété. Er sitzt am Tisch in der ersten Reihe, was den Vorteil hat, dass er die Show aus nächster Nähe sieht. Der Nachteil: Er muss sich nach jedem Gang umdrehen, weil er mit dem Rücken zur Bühne sitzt. Doch so viel Sport muss sein, denn die Artistinnen und Artisten legen sich ungleich mehr ins Zeug, um uns in der Schaubude einen vergnügten Abend zu bieten.

Mitten im Gastraum spritzen Fontänen eines Springbrunnens in die Höhe, farbig erleuchtet, sodass die Artistin plitschnass wird. Unsere Bedienung bringt uns ein Holz mit acht Gläschen: der Gruss aus der Küche. Der Testesser, die Begleiterin und die drei unbekannten Paare am Tisch mutmassen, was der grüne dickliche Saft enthalten könnte. Jemand tippt auf Lauch, ein anderer nennt Fenchel, Sauerrahm ist wohl auch drin – eine runde Sache.

In anderen Jahren haben wir überlegt, auf welchen Wein wir setzen wollen. Die Begleiterin trinkt an diesem Abend keinen Alkohol, weshalb wir weder Rioja aus Spanien noch «Pi No» aus dem Schaffhauser Pinot-Land noch sonst einen der vielen vorrätigen Weine bestellen, denn eine ganze Flasche wäre selbst für den pflichtbewussten Testesser eine Aufgabe, die seine Kapazität übersteigt. Nun gibts ein Adelbodner Mineralwasser (5 dl/Fr. 5.50) und ein grosses Bügelspez von Felsenau (5dl/Fr. 8.–).

Im Rücken ertönt jazzige Musik mit Piano und Kontrabass. Der Broadway-Connaisseur findet, die Live-Musik sei dieses Jahr von besonders hoher Qualität. Nun erreicht uns die Vorspeise: eine Spargelterrine mit Frühlingssalat an einer Vinaigrette sowie Kräuter-Frischkäse. Sie ist schön angerichtet und ist ein erfreulicher Auftakt. Auf Französisch tönt es noch besser, wenn Co-Direktor Raphaël Diener sie annonciert. Er, verkleidet als undurchsichtiger Geschäftsmann mit einer Haartolle, die an Trump erinnert, spult die französischen Phrasen herunter («sur son lit de» oder «accompagné par»). Kurze danach tut er sich auf der Bühne in seiner Paraderolle als philosophierende Schildkröte schmatzend an einem Salatkopf gütlich.

An unserem Tisch bestellt niemand die vegetarische Variante des Hauptgangs mit Linsen-Lauch-Galetten. Alle nehmen den Rindsschmorbraten an Rotweinsauce mit Bramata (Polenta) und Sommergemüse (Rüebli, Pfälzerrüebli und Spinat). Die Wurzelgemüse sind etwas sehr als dente, doch am Premierenabend kann noch nicht alles perfekt klappen. Jemand glaubt in der Rotweinsauce Kurkuma auszumachen, eine Ingwerart. Das könnte sein, es schmeckt auf jeden Fall gut. Die Show auf der Bühne geht weiter. Es wird gesteppt, gesungen, jongliert, gehupft und gesprungen. Eine Sängerin schlägt das Publikum mit ihrem lasziven Charme in den Bann. Nun nähert sie sich dem Testesser. Er überlegt sich, ob sie wohl anbändeln will, doch befestigt sie lediglich einen elastischen Bändel an seinem Stuhl: Dieser werde in der nächsten Nummer gebraucht. Ach so.

Etwas Süsses gibts dann doch noch: das Dessert. Es ist ein Erdbeer-Rhabarber-Crumble mit Schokoladenmousse. Auch dieses ist schön angerichtet und bildet einen sehr erfreulichen Schlussakkord. Auf einen Vieille Prune (Fr. 7.–) verzichten wir, bestellen aber Kaffee (Fr. 4.–). Hinter uns haben sich die Artistinnen und Artisten auf der Bühne aufgereiht, um den frenetischen Applaus des Publikums entgegenzunehmen. Auch der Küchenchef Max Läubli. Er hat ihn verdient. (Der Bund)

Erstellt: 05.05.2018, 08:05 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Dreigänger mit Fleisch- oder Vegi-Hauptgang, grosse Auswahl an interessanten Weinen. Menü im Eintrittspreis inbegriffen.
Preise: Das Spektakel kostet pro Person 125 Franken (ohne Getränke), inklusive Show.
Kundschaft: Alte und neue Fans des ambulanten Verzehrtheaters, das seit den 1990er-Jahren in Bern gastiert – nun zum letzten Mal.
Öffnungszeiten: Di–Sa 19 Uhr, Apéro ab 18.30 Uhr. Das Broadway-Variété gastiert in Bern bis zum 26. Mai (So/Mo geschlossen).
Adresse: Gaswerkareal, Bern (Parkplätze unter der Monbijoubrücke).

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