«Aufgetischt»: Marginalisierte Minze und Menschen

Im Sous le Pont kann man sich preiswert Mahlzeiten aus regionalem Anbau schmecken lassen. Die Gästeschaft im Restaurant in der Reitschule ist ziemlich durchmischt.

Das Sous le Pont wirbt mit frischen, fairen und regionalen Produkten.

Das Sous le Pont wirbt mit frischen, fairen und regionalen Produkten.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Wenn Reitschul-Aktivisten ihren Eltern ein gutes Bild von ihrer Wirkungsstätte vermitteln möchten, tun sie das meist mit einem Essen im Restaurant Sous le Pont. Das «Souli» ist der niederschwelligste Raum des Kulturzentrums. Und: Man esse dort richtig gut, heisst es. Zusammen mit dem 25-Jahr-Jubiläum Grund genug also, um Berns liebstem Schandfleck wieder einmal einen Besuch abzustatten.

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Ins Sous le Pont kommt aber nur, wer zuerst den Vorplatz – quasi die Antithese des Sous le Pont – überquert. Für das Restaurant ein dafür und dawider. So schreckt der Vorplatz potenzielle Gäste ab, allerdings können die dort feilgebotenen Naturprodukte (Fr. 14.–/g) bei den Konsumenten Heisshunger auslösen, was gewisse Einnahmeausfälle zu kompensieren vermag. Der Testesser ist aber bereits hungrig genug, so dass er die Angebote für das appetitsteigernde Kraut freundlich, aber bestimmt ablehnt.

Das Warten auf die Begleitung überbrückt er dafür mit einem Campari Orange (Fr. 8.–) und dem Begutachten der Umgebung. Lauschig ist es. Vor allem, da man einen Tisch im wild-romantischen Innenhof ergattern konnte: Ein Rosenstrauch steht in voller Blüte, die Graffiti-besprühten Wände sind von Efeu und anderen Kletterpflanzen überwuchert, und eine Feuerschale steht zur Nutzung bereit. Dagegen wirkt der überdachte Durchgang, wo auch einige Tische stehen, etwas heruntergekommen – trotz den zahlreichen japanischen Pendelleuchten, die man aus zahlreichen Kinderzimmern kennt.

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Mittlerweile sind Begleitung und Karte gekommen. Letztere ist überschaubar. Neben drei Hauptspeisen, einer vegetarischen, einer veganen und einer fleischhaltigen, finden sich darauf Pastagerichte sowie ein «Gassenmenü» (Fr. 8.–) für Gäste mit kleinem Budget. Kleine Karten sind aber oft ein Garant dafür, dass die Gerichte selber aus frischen Zutaten zubereitet werden. Auch auf der Website des Sous le Pont wird mit frischen, fairen und regionalen Produkten geworben. Bei der gewählten Vorspeise, hausgemachte Spargel-Rohschinken-Ravioli an Thymianbutter (Fr. 12.–) kommen allerdings Zweifel auf. Auch die freundliche, aufmerksame, aber vornehm zurückhaltende Servicekraft wird stutzig. Flugs erkundigt sie sich in der Küche und verkündigt anschliessend das Ergebnis der Recherche: Die Spargeln stammen aus Kehrsatz und wurden Anfang Juni eingefroren, um Überschuss zu verwerten. Doch das komme nur sehr selten vor.

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Dem Geschmack tut es jedenfalls keinen Abbruch. Einzig eine zusätzliche Prise Salz hätte der Testesser nicht abgelehnt. Auch die Begleitung zeigt sich von ihrer kalten Gurkensuppe mit Minze (Fr. 3.80) angetan, obwohl der Knoblauch die Minze geschmacklich etwas marginalisiere, wie sie sagt.

Apropos marginalisiert: Die Gäste des Sous le Pont sind erstaunlich durchmischt. Am Nachbartisch hat sich eine Gruppe Touristen breitgemacht, die auch im Kirchgemeindehaus nicht auffallen würde. Die kleinen Tische werden meist von Pärchen besetzt, die sich wohl in einem Soziologieseminar kennen lernten. Etwas abseits sitzt eine Gruppe Teenager, die dem Duft der Rauchschwaden nach auf das freundliche Angebot des grimmigen Mannes auf dem Vorplatz eingegangen sind.

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Auch ein paar ältere Gäste sind auszumachen. Doch anders als die meisten der Jüngeren wünscht man sich diese nicht als Tischnachbarn. Ein rund 40-jähriger Mann schreit immer wieder englische Kraftausdrücke. Die Servicekraft straft ihn mit gestrengen Blicken. Eine drogenabhängige Frau ist auf der Suche nach Kleingeld, «für die Notschlafstelle», wie sie beteuert. Die Servicekraft gibt ihr einen Batzen.

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Viel Zeit, um die Gäste zu begutachten, bleibt allerdings nicht. Kaum ist die Vorspeise aufgegessen, bringt die Köchin schon die Hauptspeise. Der Testesser hat sich für den Kebab aus Lammgigot mit Gemüse, dazu Fladenbrot und Couscoussalat (Fr. 25.–), entschieden. Die Begleiterin wählte die Bohnentätschli an Dörrtomatensauce mit einer bunten Salatvariation und Pitabrot (Fr. 22.–). Die Teller sind voll beladen und reich mit Salatblättern und Kräutern verziert.

Das freut den zunehmend adipöseren Testesser, schreckt aber die Begleitung ein wenig ab. Das Dargebotene schmeckt vorzüglich. Das Fleisch ist kräftig, böckelt aber überhaupt nicht, das Gemüse geschmacksintensiv und knackig. Und auch der Couscoussalat erweist sich als reichhaltig garniert. Die Bohnentätschli der Begleitung überraschen durch orientalische Gewürze – ganz zum Gefallen der Begleitung. Trotzdem ist sie schon nach der Hälfte satt. Auch der Wein (T Rosso, Fr. 4.50/dl) aus einer italienischen Genossenschaftskellerei mundet. Sämtliche 3 Deziliter werden ausgetrunken.

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Der Gast mit den englischen Kraftausdrücken hat wohl mehr intus. Mittlerweile reichen auch gestrenge Blicke nicht mehr aus, um ihn zu beruhigen. Und offenbar hat er sich auch am Eigentum anderer bedient. Ein Mitarbeiter des hauseigenen Sicherheitsdiensts heisst ihn zu gehen. Der Gast plustert sich auf. Der Mitarbeiter hält sich aber an den im Reitschul-Manifest festgehaltenen Grundsatz und versucht, den Konflikt gewaltfrei zu lösen. Mit Erfolg. Nach einem kurzen Geplänkel zieht der Störenfried von dannen.

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Uns gluschtets weniger nach Streit, dafür nach dem Aprikosenparfait (Fr. 6.50). Die Begleitung verzichtet. Schliesslich hat sie schon die Hauptspeise nicht aufgegessen. Und der Testesser entscheidet sich stattdessen für einen Espresso (Fr. 3.80) und einen Whisky (Oban, Fr. 14.–). Für Verdauungsförderung ist also gesorgt – und der Händler auf der Schützenmatte bleibt endgültig auf seinem Stoff sitzen.

Der Bund

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