«Aufgetischt»: Kalte Küche am heissen Abend

Ein etwas forscher Wirt, ein guter Wein und eine Diskussion um Grundwerte: Unsere Testesserin war im Café Bar Palettet in Bern.

So etwas hätte unsere Testesserin gerne gegessen: Einen typisch portugiesischen Stockfisch. Dieser Wunsch blieb ihr aber verwehrt.

So etwas hätte unsere Testesserin gerne gegessen: Einen typisch portugiesischen Stockfisch. Dieser Wunsch blieb ihr aber verwehrt. Bild: Baden de (Symbolbild)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem Portal «Ron Orp» wird die Café Bar Palette im Breitenrainquartier als «die wohl beste portugiesische Beiz» von Bern beschrieben. Kommentarschreiber loben die «freundliche Bedienung», das «lebendige» Ambiente oder «das ausgezeichnete Essen». Das tönt nach einem echten Geheimtipp, der ideale Ort also, sich kulinarisch auf das heutige Achtelfinalspiel zwischen Portugal und Uruguay einzustimmen. Da sich das Lokal offenbar grosser Beliebtheit erfreut, gehen wir auf Nummer sicher und reservieren vorgängig einen Tisch – und zwar vor Ort. Der Wirt nimmt die Reservation etwas gar zögerlich entgegen, was bei der Testesserin leichte Skepsis auslöst. Auf Nachfrage, ob wir denn auch wirklich essen können, heisst es: «Ja, wenn Sie wollen.»

Als wir am Abend das Lokal betreten, weist man uns einen Tisch neben dem Fenster zu. Drinnen sind wir noch die Einzigen, vor dem Restaurant sitzen ein paar Männer, trinken Bier und schauen auf den Bildschirm, wo die Schlüsselszenen des Spiels zwischen Deutschland und Südkorea wiederholt werden. Auf den beiden Bildschirmen im Innern des Lokals ist das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bereits kein Thema mehr, hier stehen die Abendspiele im Fokus. Uns interessiert aber vor allem das Essen, denn wir haben Hunger. Kaum haben wir uns gesetzt, fragt der Wirt, was wir denn essen möchten. Was er uns denn auftischen könne, möchten wir wissen.

Seine kurze und etwas forsche Antwort: «Viel.» Was das genau heisst, erfahren wir nicht. Eine Karte suchen wir vergeblich. Er könne uns Fleisch anbieten, das dauere nicht allzu lange, sagt der Wirt. Doch uns gelüstet es eher nach Fisch, ein Wunsch, den er uns nicht erfüllen will. Der Fisch sei gefroren, diesen aufzutauen, nehme zu viel Zeit ein. Er könne uns aber einen Salat mit gebratenen Crevetten zusammenstellen (Fr. 14.50). Wir nehmen das Angebot an. Dazu bestellen wir je ein Glas Adego Mayor Reserva und Flor do Tâmega (je Fr. 5/dl); der Wein wird sogleich serviert – und weiss zu punkten.

Inzwischen sind die Spiele Brasilien - Serbien und Schweiz - Costa Rica angepfiffen worden. Uns wird etwas Brot gereicht, aber kein typisches Maisbrot aus dem Holzofen, sondern hiesiges Ruchbrot. Kurze Zeit später folgt der Salatteller. Die Crevetten liegen auf einem Bett aus grünem Salat, um den unter anderem Mais-, Rüebli-, Rotkohl- und Tomatensalat drapiert wurde. Dann ist da noch dieses Häufchen aus Zwiebeln und «etwas, das mal im Meer gelebt hat», wie die Begleiterin, die von Berufes wegen täglich am Herd steht, sagt. Wir tippen auf Tintenfisch, ganz sicher sind wir nicht. Die Crevetten sind knackig und gut gewürzt, die Salate frisch. Die Begleitung rühmt die Salatsauce, die trotz des starken Zitronengeschmacks nicht sauer schmeckt. Wir sind inzwischen nicht mehr alleine im Lokal, ein portugiesisch sprechendes Paar sitzt am Nebentisch und trinkt Wein und isst portugiesische Vanilleküchlein, hinter uns sitzt ein in eine Schweizer Flagge gewickelter Mann und feuert die Nationalmannschaft an.

Wir haben die Teller geleert, sind aber immer noch etwas hungrig. Also fragen wir den Wirt, ob wir noch etwas bestellen können. Doch dieser winkt ab, die Küche sei jetzt zu. Schade, wir hätten gerne noch weitere portugiesische Speisen probiert. Immerhin bringt uns der Wirt noch eine Schale mit Oliven, die er uns nicht verrechnen wird. Dazu genehmigen wir uns ein weiteres Glas Wein und schauen die Fussballspiele zu Ende. Während sich auf den Bildschirmen die Schweizer Fussballspieler nach der Qualifikation fürs Achtelfinale umarmen, ist vor dem Lokal eine angeregte Diskussion im Gang. Ein rot-weiss gekleideter älterer Herr redet auf einen Gast ein und erzählt ihm etwas von Anstand und Grundwerten. Dieser sitzt lächelnd am Tisch und trinkt sein Bier. Es ist ein Abend, den wir so schnell nicht vergessen werden.

(Der Bund)

Erstellt: 30.06.2018, 08:42 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Vorwiegend portugiesisch, eine physische Karte bekamen wir indes nicht zu Gesicht.

Preise: Moderat, insbesondere der Wein ist sehr günstig..

Kundschaft: Menschen aus der portugiesischen Diaspora, Quartierbewohner, Handwerker und Rekruten der Kaserne gleich gegenüber.

Öffnungszeiten: Täglich geöffnet.

Adresse: Café Bar Palette, Herzogstrasse 2, 3014 Bern; Telefon: 031 331 30 38; keine Webseite.

Weitere Aufgetischt-Folgen auf aufgetischt.derbund.ch

Artikel zum Thema

«Aufgetischt»: Quartiertreff mit Herz und Gusto

Der Testesser besucht ein Lokal, in dem ihn niemand zum Konsumieren zwingt. Mehr...

«Aufgetischt»: Nein, es gibt absolut kein Problem

Der Testesser speist auf einer prächtigen Terrasse und wird etwas ruppig bedient. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...