Aufgetischt: Es bleibt gleich, und das ist gut so

Der Testesser des «Bund» hat zwar schon ab und zu über das Café Commerce in Bern geschrieben, die Küche hat er aber noch nie kritisiert. Das sei hier nachgeholt.

Noch heute ist das Café du Commerce für viele so etwas wie die gute Stube. Das wollen wir doch schön so beibehalten.

Noch heute ist das Café du Commerce für viele so etwas wie die gute Stube. Das wollen wir doch schön so beibehalten. Bild: mdü

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«Habt ihr das Commerce schon abgehandelt?», fragt die beste Begleiterin von allen. «Bestimmt mehrmals», erwidert der Testesser, schaut ins Archiv und zuckt zusammen: Gar nicht wahr! Schon oft wurde über die Altstadtbeiz geschrieben, etwa als die heutigen Wirte 2001 das traditionsreiche Lokal übernahmen – aber nie in einem «Aufgetischt». Höchste Eisenbahn, dies nachzuholen. Als wir anrufen, heisst es, man könne uns nur ein Zweiertischli geben, es sei ausgebucht. So trinken wir unseren «Grünwein», wie Weisswein auf Portugiesisch heisst (Vinho verde), am Tisch mitten in der Gaststube, von der die Begleiterin sagt: «Es ist alles noch wie damals, als ich mit meinen Eltern hier war.» Ohne ihr nahetreten zu wollen: Das ist eine Weile her. Tatsächlich müsste man für einen Retro-Schwarzweiss-Film einzig die digitale Registrierkasse wegräumen, dann wäre alles perfekt – samt Reklame für Rössli-Stumpen und dem dominierenden Aquarium.

Man brauchte nur noch die Kunstschaffenden von einst einzufügen, die das Lokal zu ihrer zweiten Wohnstube machten – und nach der Polizeistunde zu Hause weiterfeierten: Ursula Andress mit Jean-Paul Belmondo, Henry Moore, Le Corbusier, Louis Armstrong, Alberto Giacometti, Marc Chagall, Samuel Becket, Friedrich Dürrenmatt und so weiter. Bundesrat Gnägi Rüedu ass hier Zmittag, und oft sah man, wie sich ein hoher Polizeifunktionär mit noch höherem Pegel ans Steuer seines Auto setzte, das – wie ein Pferd – den Heimweg offenbar alleine fand. In den 1960er-Jahren war alles noch nicht so streng wie heute.

Inzwischen sind wir vom Service an einen frei gewordenen Vierertisch an der Wand umplatziert worden samt dem Alvarinho Soalheiro (Fr. 6.80/dl) aus Portugal, dem Weissen mit Säure und Kante. Ihn trinken wir nicht nur als Aperitiv, sondern fahren damit weiter, weil er uns schmeckt. Die Begleiterin ist entzückt von der iberisch dominierten Karte. Wir einigen uns auf die gemeinsame Vorspeise Tapas Porco Preto (Fr. 25.50): Speckscheiben, Schinken, Käse, Nüsse und Rosinen. Einfach, aber sehr gut. So etwas will sie aufstellen, wenn bei uns zu Hause wieder ein Apéro stattfindet.

Spanisch fahren wir beim Hauptgang weiter. Der Testesser ordert den Klassiker schlechthin: Paella (Fr. 41.50), die Begleiterin Marinera (Fr. 41.50). Da beides eine Zubereitungszeit von 25 Minuten erheischt, werden wir synchronisiert essen. Die Gerichte werden in einer Blechpfanne präsentiert und auf Teller angerichtet. Auf einem Rechaud auf dem Büffet wartet der Rest, um als Nachschlag auf einen frischen Teller geschöpft zu werden. Paella ist ein Gericht, das Seafood mit «Landfleisch» kombiniert. So findet man Pouletbeinli, Schweins-Cipollata, Scampi, Tintenfisch, Muscheln und Crevetten im Reis. Bei der Begleiterin schmeckt dieser nach Weisswein, als Besonderheit befindet sich darauf nebst anderem Meeresgetier Seeteufel. Wir sind froh, dass wir uns bei der Vorspeise zurückgehalten haben, sonst hätten wir den Hauptgang kaum geschafft. Beide sind sehr zufrieden.

Die Begleiterin kann der Crema catalana (Fr. 8.50) dennoch nicht widerstehen. Unter der hart gebrannten Zuckerschicht kommt eine Creme mit leichtem Zitronengeschmack zum Vorschein – sehr gut! Der Testesser bekommt eine Zabaione mit Vanilleglace (Fr. 10.50), eine Weinschaumcreme – eine süsse Sünde. Wir fühlen uns, auch wenn wir es nicht sind, wie Stammgäste. Das hat mit dem familiären «Regime» zu tun, zu dem die Angestellten als eingespieltes Team beitragen. Der Wirt hilft einer älteren Dame in den Mantel, und aus den Gesprächsfetzen bei der Bestellung («Wie immer?») hört man heraus, dass das Commerce für viele noch heute die zweite Stube ist. Das wollen wir doch schön so beibehalten.

(Der Bund)

Erstellt: 30.12.2017, 09:16 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Spanisches ist Trumpf, von Paella über Arroz Juan bis Tapas, Fische im Tagesangebot.

Preise: Gehoben, Paella (Fr. 41.50), Knoblauchspaghetti (Fr. 15.50), Bacalao (Stockfisch) al Commerce (Fr. 35.50).

Kundschaft: Altstadtbewohner, aktive und ehemalige Kulturschaffende, Iberophile.

Öffnungszeiten: Mo 17–23 Uhr, Di–Sa 10–14.30 Uhr, 17–23 Uhr; So geschlossen.

Adresse: Café Commerce, Anabela und Rui Pacheco, Gerechtigkeitsgasse 74, 3011 Bern, Telefon 031 311 11 61;

Internet: www.restaurantcommerce.ch;

E-Mail: info@restaurant-commerce.com

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