Aufgetischt: Drin, was draufsteht - meistens

Wer auf der Suche nach unverdächtigem Fleischgenuss ist, dürfte in Landgasthöfen gut bedient sein. Zum Beispiel im Restaurant Sternen in Murzelen.

Wo die Fleischspeisen mit Gewichtsangaben versehen sind, ist der Karnivor gut aufgehoben.

Wo die Fleischspeisen mit Gewichtsangaben versehen sind, ist der Karnivor gut aufgehoben.

(Bild: zvg)

Nach den Ereignissen der letzten Woche stand uns der Sinn danach, Fleisch in völlig skandalfreiem Rahmen zu geniessen. Der Sternen in Murzelen oberhalb des Wohlensees verspricht laut Gaumenzeugen, den Appetit nach Fleisch auf kulinarisch überzeugende Weise stillen zu können.

In der heimeligen Chaletatmosphäre sticht als Erstes eine lange, an der Wand aufgehängte Flinte (mit Jagdhorn) ins Auge. Ob es sich dabei um einen Bärentöter handelt, kann nicht eruiert werden. Angesichts der breiten Auswahl verschiedenster Fleischsorten auf der Speisekarte wäre die Jagd auf Meister Petz ja auch nicht unbedingt notwendig. Wohlan, auf zum fröhlichen Halali durch die umfangreiche Menükarte - doch muss die Begleitung aus gesundheitlichen Gründen leider ihre «fleischlichen» Gelüste unterdrücken. Sie beschränkt sich auf die Tagessuppe (Fr. 5.-) und fragt, ob die Küche Kartoffelstock mit Morchelsauce zubereiten könnte, was von der flinken und freundlichen Bedienung alsbald bestätigt wird.

Ein Pfund Rind oder 180 Gramm Lammrücken?

Das Gegenüber muss sich noch entscheiden: Es lockt unter anderem ein 200 Gramm schweres Schweinssteak, serviert mit sieben Sorten Salat (Fr. 23.50), konkurrierend mit einem ebenso mächtigen Cordon bleu mit Gemüsegarnitur und Pommes frites (Fr. 39.50). Es dürfte auch ein 180-grämmiges Lammrückenfilet mit Sauce provençale, Gemüsegarnitur und Croquettes (Fr. 39.50) oder gar ein pfundschweres Jumbo-US-Beef mit Pommes frites (Preis auf Anfrage) sein.

Die Wahl fällt auf ein Rindsfilet mit Bordelaise-Sauce, Gemüsearrangement und Croquettes. Dieses kommt als Teil eines Fünfgängers (Fr. 62.50), der mit einer Terrine maison aux noisettes, garniert mit Salade Waldorf startet. Ein verheissungsvoller Auftakt, der nussige Geschmack der Terrine wird schön ergänzt mit der Preiselbeersauce. Nur der Waldorf-Salat hätte nach unserer Meinung etwas weniger «mayonnaisig» ausfallen dürfen.

Die Gerstensuppe wird von der Begleitung als nicht typisch, aber sehr fein schmeckend gelobt. Auch dem Testesser mundet das Consommé au vieux cognac mit der genau richtigen Menge des edlen Branntweins. Im «Salade nouvelle» offenbart sich erstmals die ganze Kunst des Grillmeisters: Neben dem frischen, leichten Grünsalat liegt überraschend ein Lammfilet, das, erstens, nicht im geringsten böckelt und, zweitens, eine sehr gute Kruste mit enormer innerer Zartheit aufweist. So muss Fleisch schmecken.

Der Etikettenschwindel sei verziehen

Kein Fleisch, aber immerhin eine Extrawurst: Die Begleitung erfreut sich an einem cremigen Kartoffelstock mit einer sämigen Morchelsauce und vergibt dafür gute Noten. Wie erwartet perfekt à point präsentiert sich das Rindsfilet. Kräftig, sicher nicht zu wenig salzig, die Bordelaise-Sauce, das Gemüse vielfältig und nicht mehr ganz kross. Mit den abschliessenden Desserts, einer Zitronenjoghurt-Mousse und einem üppigen Vacherin glacé, wird ein kulinarisch vergnüglicher Abend genussvoll abgerundet.

Seit der Ausgabe 2007 figuriert der Sternen nicht mehr im Gastroführer «Gault Millau», wo er seit 2002 mit 12 Punkten bewertet worden war. Noch immer hängt das Zwölfpunkt-Schildchen im Restaurant, was erstaunt. Das Renommieren passt nicht zu einem Landgasthof, der sich der Authentizität verschrieben hat. Auch hätte das der Sternen nicht nötig: Wir kommen auch ohne Punkte gerne wieder.

Der Bund

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