«Aufgetischt»: Der Metzger liefert sofort nach

Beim Restaurant Altes Tramdepot gibt es nicht nur gutes Essen, man kann auch eine schöne Aussicht auf die Berner Altstadt geniessen.

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Klar, dass wir nicht die Einzigen sind, die mit Blick auf die Berner Altstadt speisen wollen. Auf der Terrasse hört man alle Gespräche rundherum. Für ein Treffen mit deutschen Agenten oder anderen Geschäftsleuten gibt es diskretere Orte, aber kaum schönere. Vor lauter Fernblick vergisst man fast, die Karte zu studieren, für die man Zeit benötigt. Sogar für Gäste mit Wünschen nach glutenfreien, laktosefreien oder veganen Produkten gibt es eine – inklusive glutenfreies Bier, das allerdings zugekauft ist. Wir nehmen lieber eins aus der hauseigenen Brauerei, ein Märzen (Fr. 3.80/2dl), dunkler und würziger als eine landläufige Stange.

Die Begleiterin nimmt von der Tageskarte, was «der Chef empfiehlt»: Roastbeef mit Tatarsauce, Pommes frites und Salat (Fr. 25.50). Der Testesser lässt die Menüs mit Egli-Knusperli, Tomaten-Penne und die Wok-Spezialität links liegen und wählt aus den saisonalen Gerichten das Charolais-Steak mit Bärlauchpesto, gebratenen Kartoffeln und Frühlingsgemüse (Fr. 30.50), als Vorspeise eine Spargelcreme-Suppe (Fr. 9.50). Diese kommt in einem Schüsselchen, ist sehr cremig und enthält viele Spargelstückchen. Sie ist aber etwas fad, weshalb der Testesser zu Salz- und Pfefferstreuer greift. Erfreut ist die Begleiterin ob des zarten Rindfleischs. Die Pommes frites sind kross und gut. Die Tartarsauce erinnert sie stark an die Thomy-Mayonnaise, nicht die in der Tube, sondern die cremigere im Glas. Gemeinsam sind die Esser der Meinung, dass man nichts behaupten will. Nur so viel: Eine Tatare ist es sicher nicht.

Auf dem Teller des Testessers finden sich grob geschnittene Karottenstücke, die noch Biss haben. Die einen mögen das, andere haben es lieber weicher. Das grosse, dünn geschnittene Steak ist fein, denn Charolais-Rinder leben fast immer draussen. Das Bärlauch-Pesto schmeckt gut, aber nicht penetrant. Wir trinken etwas Wein, die Begleiterin einen leichten Pinot Noir vom Bielersee (Fr. 7.80/dl). Der Testesser bevorzugt einen kräftigeren Tropfen, einen Ripasso aus Italien (Fr. 8.–/dl), der aber nicht so voll schmeckt wie erhofft. Der Vollständigkeit halber sei die Gazosa im Bügelfläschchen erwähnt, welche die Begleiterin ordert: Die Limonade der Geschmacksrichtung Pompelmo (Grapefruit) ist so giftig rosa wie die Drachenfiguren, die die Rosarot-Botschafterin Cordelia Hagi unweit von hier ans Aareufer stellen wollte.

Wir haben lange auf den Hauptgang gewartet, obwohl die jungen, freundlichen Kellnerinnen und Kellner eilig unterwegs sind. Das Büro ruft. Dennoch lassen wir die Dessertkarte nicht unbeachtet. Sie bestellt zwei Kugeln Glace des Herstellers Eiswerkstatt, der sich im Entrée eingenistet hat, wo einst die Bern-Show Touristen verzauberte. 22 Sorten gibts dort, sechs übernimmt das Tramdepot (Fr. 3.90/Stück) ins Sortiment. Die Begleiterin findet, mit den Kugeln der Gelateria di Berna könnten es diese nicht aufnehmen. Der Testesser, in K.-u.-k.-Laune, verdrückt Marillen-Knödel (Fr. 9.50) aus Topfenteig, die – was Austrophile wegen des Namens erraten – mit Aprikosenkompott gefüllt sind: ein guter Abschluss. Dass in diesem Moment Berns Tourismusdirektor vorbeikommt und uns die Hand schüttelt, sieht nach Drehbuch aus, ist aber Zufall. Als wir das Lokal verlassen – früher sammelten hier drin die Trämli nachts Kraft für die steile Fahrt durch die Altstadt – fährt das Lieferauto des Metzgers mit der Aufschrift Bœuf de Charolles vor. Ist ja klar, jetzt, wo ein Steak fehlt.

Weitere Aufgetischt-Folgen auf www.aufgetischt.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 15.05.2017, 06:43 Uhr

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Die Rechnung, bitte

Karte: Gepflegte Bistrotküche, Asiatisches, Charolais-Rindfleisch, grosse Bier-Auswahl aus der eigenen Schaubrauerei.
Preise: Gute Mittelklasse.
Kundschaft: Touristen, kreative und urbane jüngere Leute, nachmittags auch älteres Kaffee-und-Kuchen-Publikum.
Öffnungszeiten: Im Sommer Montag bis Sonntag, 10 bis 0.30 Uhr.
Adresse: Altes Tramdepot, Grosser Muristalden 6, 3006 Bern, Telefon 031 368 14 15, E-Mail: info@altestramdepot.ch

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