«Auf einem Strohsack schläft es sich wunderbar»

Die Berner Kommunikationsfachfrau Edith Nüssli hat eine Ahnung davon, wie sich der Alltag im Mittelalter angefühlt haben muss.

Jedes Detail an Edith Nüsslis Gewand ist mit Quellen belegt.

Jedes Detail an Edith Nüsslis Gewand ist mit Quellen belegt.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Naomi Jones

Am liebsten wäre Edith Nüssli als Tochter eines Burgherren zur Welt gekommen. Doch ihr Vater war Briefträger in einer Zeit, als es hierzulande schon lange keine Burgherren mehr gab. Nüssli hat trotzdem einen Weg gefunden, den Kindheitstraum zu verwirklichen. Ein bis zweimal im Jahr lebt die 53-Jährige ein paar Tage lang als Küchenmagd der Company of Saynt George im mittelalterlichen Artillerie­lager. Und regelmässig übt sie mit der Tanzgruppe Les Pieds Gauches spätmittelalterliche Tänze. Mit dieser Tanzgruppe tritt sie an Mittelalterfesten oder in Schweizer Schlössern auf.

«Ich bin zufällig zum Mittelalter gekommen», erzählt Edith Nüssli, die im realen Leben studierte Agrarwirtschafterin und Kommunikationsfachfrau ist. Vor 15 Jahren besuchte sie einen Kurs für mittelalterliche Tänze auf dem Schloss Grandson. «Ich wollte unbedingt einmal auf einem Schloss tanzen», erzählt sie. Im Tanzkurs auf dem Schloss war ein Paar in mittelalterlichen Gewändern. «Solche Kleider wollte ich auch tragen», sagt Nüssli. Deshalb knüpfte sie engeren Kontakt zu dem Paar.

Allerdings nähte sie sich erst ein paar Jahre später das erste eigene Kleid nach mittelalterlichen Quellen: ein Unterkleid aus weissem Leinenstoff und dazu ein Oberkleid aus blauem Wollstoff. Damit das Kleid so authentisch wie möglich war, nähte es Nüssli von Hand. «Ich war erstaunt, wie schnell ich vorwärtskam», sagt sie. Bis dahin schneiderte sie ihre Kleider mit der Nähmaschine.

Der blaue Wollstoff des ersten Kleides sei allerdings industriell hergestellt, sagt Nüssli. Deshalb machte sie sich später ein zweites Kleid aus handgewobenem Stoff, den sie mit Naturfarben rot färben liess. Zu den Kleidern kaufte sie sich im Online-Handel handgemachte Lederschuhe. Dazu erhielt sie von einem Kollegen sogenannte Trippen für das schlechte Wetter; Trippen sind eine Art Zoccoli mit hohem Holzboden, in die sie mitsamt den Lederschuhen schlüpft.

Die Kleider seien gewissermassen das Eintrittsticket in die Living-History-Gruppe Saynt George gewesen, erzählt Nüssli. 2008 lebte sie im Rahmen der Ausstellung zu Karl dem Kühnen zum ersten Mal zwei Wochen lang mit der Company im Park des Historischen Museums in Bern. «Das Lagerleben ist anstrengend», sagt sie. Doch gefalle ihr die «Sinnlichkeit» der Gegenstände und die Gemeinschaft mit den Menschen. «Im modernen Alltag muss man abmachen, wenn man jemanden treffen will.» Im Lager ergeben sich die Kontakte von selbst. Ausserdem sei sie immer wieder erstaunt, mit wie wenig man gut leben könne: «Auf einem Strohsack schläft es sich wunderbar», sagt Nüssli und lacht ein helles Lachen.

Der Tag beginnt um sechs Uhr: «Wie im Militär werden wir früh geweckt.» Nach dem Frühstück ist Appell. Danach beginnt Nüsslis Küchendienst. Sie hütet das Feuer und kocht nach mittelalterlichen Rezepten für die rund 90 Darsteller. Ausser den Soldaten leben Handwerker mit ihren Familien im Lager. Denn die Company will den Alltag einer burgundischen Artillerie-Einheit aus dem 15. Jahrhundert möglichst korrekt nachstellen. Für jeden Gegenstand verlangt sie archäologische oder andere zeitgenössische Quellen aus Texten oder Bildern. Das gilt ebenso für die Kleider wie für den Trinkbecher aus Ton, Teller und Löffel aus Holz oder das Messer und den sogenannten Pfriem, ein Ess-Dorn, der wie eine Gabel verwendet wird.

Auch Nüsslis Werkzeug zum Nähen ist nach mittelalterlichem Vorbild handgemacht: Messingnadeln und eine Schere, die erstaunlich gut schneidet. Das Nähzeug bewahrt sie in einer Spanschachtel und einem Weidenkorb auf. Natürlich ist beides handgemacht. Nur das Garn, das sie zum Knüpfen von Nestelbändern für Kleider braucht, ist neuzeitlich. Denn wenn Edith Nüssli nicht in der Küche arbeitet, knüpft sie die Nestelbänder, mit denen Kleider zugeschnürt werden können.

Nach einem längeren Abtauchen ins mittelalterliche Leben braucht Edith Nüssli eine Weile, bis sie wieder in der Neuzeit ankommt. Meistens nehme sie den Montag frei, erklärt sie. Doch freue sie sich jeweils auch wieder auf den Luxus der modernen Zivilisation. Nach dem Lager rieche alles nach Rauch. «Ich geniesse dann ein warmes Bad und freue mich auf den Milchkaffee und ein Stück Schokolade.»

Wieder Montag – Begegnungen mit Menschen www.montag.derbund.ch

Der Bund

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