Auf der Tiefenaustrasse ist es «ungemütlich»

Wenn gebaut wird, ist es mit der Velofreundlichkeit auf den Strassen in und um Bern vorbei. Pro Velo fordert eine bessere Veloverkehrsführung bei Baustellen.

Enge Verhältnisse entlang der Baustelle auf der Tiefenaustrasse in Bern: Die Situation sei für Velofahrende ungemütlich, heisst es beim Kanton.

Enge Verhältnisse entlang der Baustelle auf der Tiefenaustrasse in Bern: Die Situation sei für Velofahrende ungemütlich, heisst es beim Kanton.

(Bild: Adrian Moser)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Den Veloverkehr zu fördern, liegt im Trend. Nicht nur hat die Verkehrsdirektion der Stadt Bern im vergangenen Jahr ihre «Velo-Offensive» lanciert; auch die kantonale Verkehrsdirektion hat sich Velofreundlichkeit verordnet. «Der Kanton Bern strebt die Gleichstellung des Velo­verkehrs mit den übrigen Verkehrsarten an», heisst es auf der Website der Verwaltung. Velofahren solle «attraktiv und sicher» gemacht werden.

Diese Vorgaben zu erfüllen, ist besonders schwer, wenn gebaut wird. Das zeigen zwei aktuelle Beispiele aus Stadt und Agglomeration Bern: Auf der Könizstrasse in Köniz haben Gemeinde und EWB in den vergangenen Monaten neue Gas- und Wasserleitungen verlegt. Der Verkehr musste immer wieder einspurig geführt werden, in Richtung Bern war phasenweise eine Umleitung signalisiert, die den Fahrweg deutlich verlängerte.

Bereits in der Könizer Parlamentssitzung vom 22. Juni kritisierte der grüne Mathias Rickli die Verkehrsführung: «Ich bitte den Gemeinderat, bei den Zuständigen des Kantons darauf hinzuwirken, dass nicht so getan wird, als gebe es keine Radfahrenden», sagte er. Er forderte, die Strasse für Velofahrende in beide Richtungen zu öffnen. Gebracht hat das Votum nichts.

Nur noch die halbe Fahrbahn

Seit einigen Wochen wird nun auch auf der Tiefenaustrasse gebaut. Bis 2018 saniert der Kanton die Strasse und bricht den über die RBS-Gleise herausragenden Teil der Fahrbahn ab. Für den Verkehr bedeutet das: Während der gesamten Bauzeit steht auf jeweils einem Abschnitt nur die Hälfte der Strasse zur Verfügung.

Das Velofahren bleibt auf den schmalen, velostreifenlosen Fahrspuren zwar erlaubt. Das Tiefbauamt warnt auf seiner Website aber: Es werde im direkten Baustellenbereich für Velofahrer «sehr ungemütlich». Der Kanton «empfiehlt» eine Alternativroute, die vom Tiefenaukreisel via Rossfeld, äussere Enge und Bierhübeli zum Henkerbrünnli führt. Das Problem: Dieser Umweg bringt diverse Höhenmeter mit sich.

Thomas Schneeberger, Beauftragter für Velomassnahmen bei Pro Velo Bern, hält aus Velofahrersicht beide Baustellen für kritisch. Besonders unzufrieden ist er mit der Verkehrsführung in Köniz. Schneeberger schliesst sich der Forderung des grünen Parlamentariers Rickli an: «Die Ideallösung wäre gewesen, den Veloverkehr in beide Richtungen zuzulassen und dies den Autofahrern mit einem ‹Achtung Velo›-Schild anzukündigen.» Seiner Meinung nach wäre der freie Teil der Strasse dafür breit genug gewesen. Dass Kanton, Gemeinden und Bauherren den Gegenverkehr für Velofahrer dennoch nicht zulassen, erklärt sich Schneeberger damit, dass sie vermeiden wollen, bei Unfällen behaftet zu werden. Als weiteres Beispiel nennt er die Baustelle auf der Holligenstrasse: «Dort herrschte monatelang ein allgemeines Fahrverbot. Dabei hätte man die Velos problemlos fahren lassen können.»

Bei der Tiefenaustrasse ist die Situation anders: Eine grundsätzlich andere Lösung als die vom Kanton gewählte gebe es wohl nicht, sagt Schneeberger – auch wenn die Situation unbefriedigend sei. Im Detail sieht er aber sehr wohl Anlass zu Kritik: Bei Pro Velo seien diverse Rückmeldungen von Velofahrenden eingegangen. So sei es auf der schmalen Fahrbahn, eingeklemmt zwischen Mauer und Leitplanke, zu riskanten Überholmanövern gekommen – sogar von Lastwagen. «Wir haben das an den Kanton weitergeleitet.»

Die Intervention hat bereits gewirkt. So hat das Tiefbauamt eine Tafel angebracht, die besonders Lastwagenfahrer auf die engen Verhältnisse aufmerksam machen soll. Auch wird das Tempo früher als geplant im Bereich der Baustelle von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde reduziert. Thomas Schmid, stellvertretender Kreisoberingenieur, bestätigt auf Anfrage, dass die Massnahmen aufgrund der Rückmeldungen von Pro Velo ergriffen worden seien.

Aus Schmids Aussagen geht hervor, dass die Verkehrsführung bei der Baustelle unter den Verantwortlichen im Vorfeld zu Diskussionen geführt hat. Einige waren der Meinung, es sei zu gefährlich und die Velofahrer müssten zwingend umgeleitet werden. Auch ein provisorischer Veloweg am Aarehang wurde geprüft, dann aber für unverhältnismässig befunden. Schmid weist darauf hin, dass es in der Natur der Sache liege, dass man im Umfeld einer Baustelle nicht die gleichen Standards bieten könne wie sonst. «Die Tiefenau­strasse ist für den Veloverkehr sehr wichtig», sagt er. «Wir werden die Situation weiter beobachten und, falls nötig, weitere Massnahmen ergreifen.»

Zur Könizstrasse war gestern beim Tiefbauamt keine Auskunft zu erhalten, weil die Verantwortlichen nicht erreichbar waren.

Der Bund

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