Auf dem Grat zwischen Fiktion und Realität

Clara Delarue hat auf Instagram fast 6000 Followers aus aller Welt. Die meisten Bilder entstehen in einem Berner Hochhausquartier.

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Wenn es am Sonntagmorgen in Strömen regnet, freut sich Clara Delarue. Und wenn frühmorgens Nebelschwaden über Bern ziehen, zieht sie sich besonders rasch an. Dann steigt sie auf ihr Fixie und flitzt zur Grossen Allmend. «Dann sieht es dort aus wie auf dem Mond», sagt sie. Clara Delarue ist Instagrammerin. Im analogen Leben heisst sie Rahel Guggisberg, und das Instagramprofil ist ihr Tagebuch. Wer durch ihre Bilder scrollt, erfährt viel und doch nichts über ihren Alltag.

Denn sie wählt die Bilder, die sie hochlädt, sorgfältig aus ihrem Fundus aus. So kann das Bild von heute schon vor zwei Jahren entstanden sein. «Aber es muss zu meiner Stimmung passen.» Und weil das Leben nicht immer nur eitel Sonnenschein ist, lädt sie auch Regen-, Nebel- und Wolkenbilder hoch, oder ein leeres, um der visuellen Ruhe willen. Manchmal ist es auch ein Bild von ihr selbst. Doch es ist immer inszeniert, und sie achtet darauf, die Gesichtserkennungsalgorithmen auszutricksen. Denn sie ist zwar an die Öffentlichkeit gegangen, trotzdem ist Clara Delarue eine Kunstfigur. «Was ich auf Instagram zeige, ist eine Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität.»

Zwischen den Hochhäusern

Die meisten ihrer Bilder macht Guggisberg auf Spaziergängen mit Hund Léo – in Wittigkofen zwischen den Hochhäusern. Besonders angetan hat es ihr eine Reihe roter Tribünenstühle am Rand des Sportplatzes. Ein Sitz fehlt in der Reihe. Jeden Morgen stünden die Stühle an einer anderen Stelle. «Ich wundere mich, was in so kurzer Zeit alles mit ihnen geschieht.» Auch die Hochhäuser sind für sie ein beliebtes Sujet, etwa wenn sich graue Wolken hinter einem grauen Haus türmen und nur eine orange Sonnenstore ganz oben einen bunten Kontrast setzt. «Ich möchte nicht in diesen Blöcken wohnen, aber sie faszinieren mich.»

Vor zwei Jahren begann Rahel Guggisberg ihre Fotos auf Instagram zu laden. Damals wurde ihre Kamera gestohlen. Weil das Geld der Versicherung nicht für eine neue in gleicher Qualität reichte, fotografierte sie fortan mit dem Handy. Instagram nutzte sie, um mit den technischen Möglichkeiten zu spielen. «Es ist ein Ort, wo ich experimentiere und meine Kreativität auslebe», sagt sie. Und zwar ohne jegliche Regeln und Einschränkungen. Ihr Profil sei daher lange nicht öffentlich gewesen. Doch dann sei sie von einem anderen Instagrammer kontaktiert worden. «Er hatte meine Bilder gefunden und überzeugte mich, sie für alle öffentlich zu machen.» Da begann sie sich für die Instagram-Community zu interessieren. Sie durchstöberte die Profile anderer Instagrammer, likte Bilder, begann anderen zu folgen und sich im Chat auszutauschen. Plötzlich hatte Clara Delarue fast 6000 Followers.

Bilder gehen um die Welt

Manchmal sei der Gedanke daran erschreckend, sagt sie. Die Tragweite sei schwierig abzuschätzen, und man sei sich nicht immer bewusst, wo die Bilder überall gesehen würden. «Man denkt, man hat die Bilder auf dem Handy, doch sie gehen um die ganze Welt.» Anfangs sei sie belächelt worden, sagt die 42-Jährige. «Meine Freunde sind nicht einmal auf Facebook.» Wenn sie unterwegs in allen möglichen und unmöglichen Momenten haltmache, um etwas zu fotografieren, seien die anderen manchmal genervt. «Ich entdecke überall Dinge, die die anderen nicht wahrnehmen» – einen besonderen Schattenwurf oder die Ästhetik eines vollen Aschenbechers. Doch heute werde ihre Arbeit geachtet. «Nicht zuletzt von meinem Mann», sagt sie, und der Stolz in ihrer Stimme ist unüberhörbar, denn ihr Mann ist Multimediadesigner.

Ursprünglich war Rahel Guggisberg Schneiderin. Weil sie mit der Inszenierung ihrer Modelle auf Modefotos nie zufrieden gewesen war, griff sie eines Tage selbst zur Kamera. «Und wenn ich etwas mache, bin ich gerne unabhängig.» Also habe sie fotografieren gelernt. «Dabei habe ich eine Passion entdeckt», sagt sie. Der Blick durch den Sucher helfe ihr, sich zu fokussieren und die Melancholie zu überwinden, die sich ab und zu in ihr Leben schleiche. «Fotografieren ist meine Art, mich auszudrücken», sagt Rahel Guggisberg. Und dabei akzeptiere sie keinerlei Vorgaben. (Der Bund)

Erstellt: 18.06.2018, 07:52 Uhr

Clara Delarue im Möbelladen

Wer sich für Clara Delarues Fotos interessiert, aber nicht immer online ist, kann einen Teil der digitalen Bilder ganz analog besichtigen: Rahel Guggisberg stellt einen Teil in einem Geschäft für Design-Möbel in Bern aus. Es ist die erste Ausstellung ihrer Instagram-Bilder. Doch ist bereits eine zweite in Planung. Eine Kunsthistorikerin aus Hamburg folgt dem Profil von Clara Delarue seit längerer Zeit. Sie sucht nach einem Weg, die Bilder in Hamburg zu zeigen.

Instagram wurde 2010 in San Francisco entwickelt und inzwischen von Facebook übernommen. Auf der Plattform lassen sich kostenlos Fotos und Videos veröffentlichen. Zunehmend entwickelt sich Instagram zu einer Werbeplattform, auf die sich Produkteanbieter drängen. Neuerdings werden Produkte direkt über Instagram verkauft. Zudem platzieren etliche Instagrammer Produkte zu Werbezwecken in ihren Bildern. Rahel Guggisberg hat solche Werbeanfragen erhalten. Diese habe sie aber stets abgelehnt. «Dann wären meine Bilder nicht mehr authentisch», sagt sie. (nj)

Ausstellung: Viking Moderna, Brunngasse 42, Bern (bis Ende Juli)

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