Der Lärm vom Jugendclub bleibt ein Risiko

Der Gaskessel soll bleiben, wo er ist, findet der Berner Gemeinderat. Damit der Lärm die künftigen Bewohner nicht stört, braucht es mehr Abstand – und eine dichtere Bebauung.

Der Jugendclub Gaskessel bildet den ersten Fixpunkt der künftigen Überbauung auf dem Gaswerkareal im Marzili.

Der Jugendclub Gaskessel bildet den ersten Fixpunkt der künftigen Überbauung auf dem Gaswerkareal im Marzili.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

«Der Gaskessel bleibt!» Der Titel der Mitteilung der Betreiber des Jugendclubs Gaskessel auf dem Berner Gaswerkareal klingt nach einer Durchhalteparole – ist aber für einmal mehr als das. Der Gaskessel soll tatsächlich an Ort und Stelle bleiben, wie der Gemeinderat am Dienstag mitteilte. Damit folgt er den Empfehlungen eines Berichtes, den die Stadt und die Gaswerk-Verantwortlichen in mehreren Treffen seit 2015 erarbeiteten. Erste Testplanungen für das Areal hatten vorgesehen, den Jugendclub zu verschieben – dies hatte den Widerstand der Clubbetreiber geweckt. Auch der Stadtrat sprach sich in seinen Planungsempfehlungen von Anfang 2018 für einen Verbleib des Clubs am bisherigen Standort im Marziliquartier aus.

Was hat nun auch den Gemeinderat dazu bewogen, den Gaskessel mitten in der künftigen Wohnüberbauung am Aareufer belassen zu wollen? Gemäss Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) wäre das Lärmproblem an anderen Standorten noch grösser gewesen. Zudem habe der Gaskessel eine «sehr spezielle Identität». Wenn diese verloren gehe, verliere die Stadt Bern «etwas ganz Besonderes».

Im Bericht haben die Beteiligten auch dafür Empfehlungen erarbeitet, wie Gaskessel und Wohnquartier gemeinsam auf dem Areal Platz haben. Neben Lärmsanierungen am Gebäude selbst soll etwa eine Pufferzone eingerichtet werden. Rund um den Club brauche es Mieter, die gerade nachts «wenig lärmsensibel» seien, eine Schule etwa, Gewerbe, Büros oder weitere Kulturlokale. Auch soll die Bauzone rund um die Gebäude mehr Lärm zulassen als eine reine Wohnzone – so wäre von Anfang an klar, dass rund um den Club mit Betriebsgeräuschen gerechnet werden muss. Zusätzlich soll auch dafür gesorgt werden, dass die Zugänge zum Club nicht an Wohnhäusern vorbeiführen.

Weniger Wohnungen?

Wie aber wird sich der Entscheid der Stadtregierung auf die Planung einer künftigen Überbauung auswirken? «Will man den Gaskessel belassen und das Umfeld anreichern mit weiteren kulturellen und öffentlichen Nutzungen, wird es innerhalb des beschriebenen Konzepts schwierig, die bisher genannte Anzahl von bis zu 350 Wohneinheiten zu erreichen», sagt Stefan Graf vom Berner Planungsbüro Bauart. «Der Gaskessel benötigt Raum in allen Dimensionen.» Bauart gehört zu den Planungsbüros, welche 2014 für die Baufirma Losinger-Marazzi eine Testplanung auf dem Areal durchgeführt hatten.

Ein harmonisches Nebeneinander von Kultur und Wohnen sei zwar in einer Stadt «absolut wünschenswert», so Graf. Man müsse sich aber der Risiken wie der Lärmbelastung bewusst sein und Lösungen dafür finden. Das Projekt von Bauart habe einen Neubau für den Jugendclub unter der Monbijoubrücke vorgesehen. So hätte der Club näher bei der Ryff-Fabrik gelegen, wo die Lärmempfindlichkeit kleiner sei.

Für Aebersold ist es kein Thema, weniger Wohnungen zu bauen. «Es ist immer noch die Idee, dass wir in der Grössenordnung von 350 Wohnungen bauen. Mit den zusätzlichen Nutzungen und dem Freiraum um den Gaskessel kann man das mit einer hohen Dichte immer noch schaffen. Man muss das aber genau anschauen und gut staffeln.»

Ähnlich sieht das Harry Gugger vom Basler Büro Harry Gugger Studio, der 2014 ebenfalls eine Bebauungsvariante ausgearbeitet hatte. Die mäandernde Blockrandbebauung Guggers wich dem Gaskessel dabei mit einem «Knick» aus, um die Lärmbelastung zu reduzieren, wie Gugger erklärt. «Grundsätzlich stellt der Gaskessel keine unüberwindbare Hürde für das neue Quartier dar», findet er. Dass man den Gaskessel am Ort belasse, sei deshalb «sicher nicht falsch», schliesslich bringe der Jugendclub Leben in das neue Quartier. Klar sei allerdings auch, dass dieses Konzept eine Akustik-Sanierung des Gaskessels, eine klare Definition der Aussenbereiche des Jugendclubs sowie eine «lagengerechte Differenzierung der Wohnungstypologien» bedinge.

Lange Leidensgeschichte

Mit dem Verbleib des Gaskessels ist bei der Überbauung des Gaswerkareals zumindest ein Fixpunkt gesetzt. Aktuell lässt die Bodenbesitzerin Energie Wasser Bern (EWB) die Altlasten sanieren, die in den Jahrzehnten der Gasproduktion im Boden versickert sind. Die Brache ist bis zu einer Tiefe von elf Metern mit Giftstoffen verseucht. Allerdings sind diese Arbeiten zurzeit durch Einsprachen von Anwohnern blockiert.

Ursprünglich sollte die Sanierung bis 2020 abgeschlossen sein und 2021 ein Projektwettbewerb stattfinden. Die Altlasten auf dem Gaswerkareal hätten schon 2012 saniert werden sollen. Weil EWB aber mit Losinger Marazzi einen Deal vereinbart hatte – im Gegenzug zur durchgeführten Testplanung hätte das Bauunternehmen bei der geplanten Überbauung zum Zug kommen sollen –, gab es Proteste im Stadtrat. Ende 2016 beschloss der Gemeinderat den Kauf des Grundstücks.

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