Auch wer sich prostituiert, hat eine Wahl

Sexarbeitenden die freie Berufswahl abzusprechen, ist problematisch.

Wenn niemand Einsprache erhebt, kann das Bordell an der Aarbergergasse schon sehr bald seine Türen öffnen.

Wenn niemand Einsprache erhebt, kann das Bordell an der Aarbergergasse schon sehr bald seine Türen öffnen.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Simon Preisig@simsimst

Niemand prostituiere sich freiwillig, darum müsse Sexarbeit verboten werden. Dies schrieben mehrere Leserinnen und Leser in Kommentaren und Mails, nachdem der «Bund» letzte Woche über ein neues Bordell in der Aarbergergasse berichtet hatte. Man forderte die Nachbarn auf, Einsprachen zu machen und so das Lokal zu verhindern. Gleichzeitig lobte man Schweden, wo es Männern verboten ist, Frauen für Sex zu «versklaven».

Doch wer denen helfen will, die Sex für Geld anbieten, der leistet ihnen mit einem Verbot einen Bärendienst. Dies zeigt ein Blick nach Frankreich, wo sich die Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende massiv verschlechtert haben, seit 2016 ein Verbot erlassen wurde. Dies obwohl nur die Freier bestraft werden: Mit den Kunden hat sich nämlich das ganze Business in den Untergrund verlagert. Auch in Schweden, Pionierland des Prostitutionsverbotes, wollen zwar heute weniger Menschen Sex kaufen; für die, die ihn anbieten, ist es aber gefährlicher geworden. Nur ein trivialer Grund dafür: In der Illegalität bleibt weniger Zeit, die Kunden sorgfältig auszuwählen.

Wer sagt, man könne unmöglich aus eigenen Stücken als Sexarbeiterin oder Sexarbeiter tätig sein, der spricht den in der Regel ausländischen Frauen jede Entscheidungsfähigkeit ab und muss sich sogar Rassismus vorwerfen lassen. Wer sich für die Sexarbeit entscheidet, hatte als Alternative vermutlich nicht einen Job in einer Marketingabteilung vor Augen. Aber vielleicht einen als ungelernte Putzkraft. Und bei diesen zwei Jobs macht nicht die Tätigkeit den grössten Unterschied. Die Sexarbeit unterscheidet sich vom Putzen vor allem darin, dass man ein Doppelleben führen muss, weil die Gesellschaft über einen die Nase rümpft. Und darin, dass man sich nicht getraut, seine Arbeitnehmerrechte einzufordern, weil keine Gewerkschaft für einen existiert. Das sind Rahmenbedingungen, die wir ändern könnten. Sexarbeit, die in der Öffentlichkeit stattfindet, wäre ein Schritt in diese Richtung. Beispielsweise in der Berner Aarbergergasse.

Der Bund

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