Auch glückliche Hühner haben Rechte

Ein Mann rettet zwei Legehennen das Leben. Dann kritisiert der Veterinärdienst seinen Stall. Das ist auch eine Geschichte über das Verstehen und Verstandenwerden.

Peter Kernen mit Heideli (links) und dem Huhn ohne Namen – hinter ihm sieht man den Hühnerstall.

Peter Kernen mit Heideli (links) und dem Huhn ohne Namen – hinter ihm sieht man den Hühnerstall. Bild: Adrian Moser

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Peter Kernen aus dem Liebefeld hat zwei Hühner. Das eine heisst Heideli, das andere hat keinen Namen. Heideli und das Huhn ohne Namen leben in einem Stall, den Kernen aus alten Fenstern zusammengebaut hat. Er sagt: «Meine Hühner sind glücklich. Denen fehlt es an nichts.»

Kernen öffnet die Tür und ruft: «Chuuuum-bibibibi, chuuuum-bibibibi.» Aus einer Ecke des fünf Quadratmeter grossen Stalls ist ein leises Gackern zu hören, dann taucht in der Tür eine dunkle, grosse Henne auf und spaziert in den Garten hinaus. Es ist das Huhn ohne Namen. Heideli will gerade lieber drinbleiben.

Die Kontrolle

Dass Kernen so betont, es gehe seinen Hühnern gut, hat einen Grund. Es ist ein Blatt Papier, darauf steht oben rechts: «Tierschutz: Kontrollprotokoll» Am 14. Dezember um 14.35 Uhr bekam Kernen Besuch vom Veterinärdienst des Kantons Bern. Der Tierarzt untersuchte den Hühnerstall und trug danach vier Punkte in die Mängelliste ein: Die Hühner sind nicht angemeldet, sie haben keine Sitzstangen, es sind nicht mindestens 20 Prozent des Bodens mit geeigneter Einstreu versehen, und es gibt im Gehege nicht näher bezeichnete Gefahrenquellen.

Kernen kann das nicht verstehen: «Das ist doch total daneben, wenn man bedenkt, wie es den Hühnern auf Geflügelfarmen geht.» Auch Heideli und das Huhn ohne Namen haben früher auf einer Geflügelfarm gelebt. Kernen hat sie dort geholt. Sie hatten anderthalb Jahre lang Eier gelegt, nun wären sie getötet worden. Das war vor sechs Jahren. «Ich wollte lieber zwei Hühnern von dort das Leben retten, als mir solche aus einer Aufzucht kaufen», sagt Kernen. «Und jetzt kommt dieser Veterinär und lässt einen solchen Seich ab.»

Reto Wyss seufzt, als man ihn anruft. Der bernische Kantonstierarzt kennt die Argumente von Tierhaltern, die überzeugt sind, dass es ihren Liebsten auch in einem nicht gesetzeskonformen Stall gutgeht. Er sagt: «Die Vorschriften gelten für alle. Es ist müssig, darüber zu diskutieren, ob die einen oder die anderen Hühner glücklicher seien.»

Der Spielraum

Wer Tiere zu kommerziellen Zwecken hält, wird vom Veterinärdienst regelmässig kontrolliert. Alle anderen jedoch, so erklärt Wyss, werden nur kontrolliert, wenn eine Meldung eingeht. Im Liebefeld war also jemand der Meinung, Kernen halte seine Hühner nicht tiergerecht. «Wenn wir eine Meldung bekommen, müssen wir dieser nachgehen», sagt Wyss.

Er versucht, Verständnis zu schaffen für die Arbeit seiner Mitarbeiter: «Wir haben keinen Spielraum beim Feststellen von Mängeln. Aber wir können unterschiedlich harte Massnahmen treffen.» Wie in diesem Fall eine Mängelliste abzugeben, verbunden mit der Aufforderung, die Mängel zu beheben, sei die mildeste Massnahme. Eine Nachkontrolle könne stattfinden, müsse aber nicht. «Wir gehen erst mal davon aus, dass die Leute unsere Vorgaben umsetzen, ohne dass wir sie noch einmal kontrollieren müssen.»

Die Lösung

Das Huhn ohne Namen steht jetzt auf dem Rasen und pickt in der Erde herum. Kernen ist wütend: «Wenn dem Veterinär mein Stall nicht passt, kann er die Hühner mitnehmen und töten. Ich mache gar nichts.» Wenn man den Kopf hineinsteckt, sieht man Heideli, die sich in eine Ecke verkrochen hat und noch immer nicht herauskommen will. An einer Wand ist eine Holzstange angebracht. («Stimmt, die habe ich montiert», räumt Kernen ein.) Messer, Drähte oder andere gefährliche Gegenstände sind auch keine mehr zu sehen. Fehlt also noch die Einstreu.

Auf dem Kontrollprotokoll gibt es unter der Mängelliste ein Feld, in dem vorgedruckt angedroht wird: «Nachkontrolle ab:» Auf dem Protokoll, das Kernen erhalten hat, ist das Wort «ab» durchgestrichen, sodass da jetzt steht: «Nachkontrolle: möglich». (Der Bund)

Erstellt: 10.01.2018, 07:04 Uhr

Die Hühnerhaltung in Zahlen

Gemäss der Statistik des Schweizer Bauernverbands gibt es in der Schweiz 10 893 422 landwirtschaftliche Nutzhühner. Dazu gehören Zuchttiere, Legehennen und Mastpoulets, welche auf 12 399 Halter verteilt sind. Im Kanton Bern sind es 1 741 307 Hühner und 2696 Halter. Damit leben auf einem Hühner haltenden bernischen Bauernhof durchschnittlich 646 Hühner.
Die Zahlen hobbymässig gehaltener Hühner sind um einiges geringer. Trotzdem werden auch diese gefiederten Freunde erfasst: Zur Seuchenbekämpfung, zur Kontrolle der Tiergesundheit und um Lebensmittel rückverfolgen zu können, müssen alle Geflügelhaltungen registriert werden. (mck)

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