Auch auf kleiner Bühne ein grosser Actionheld

Wild, experimentell, politisch: Das war das Action Theatre. Nun ist Arne Nannestad, einer der beiden Gründer, 72-jährig gestorben.

Arne Nannestad, der mit seiner Partnerin Doraine Green das Action Theatre gegründet hat, ist 72-jährig verstorben.

Arne Nannestad, der mit seiner Partnerin Doraine Green das Action Theatre gegründet hat, ist 72-jährig verstorben. Bild: zvg

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Die schwere Krankheit? Sie hat ihn nicht daran gehindert, auch an seinem letzten Tag noch am neuen Theaterstück «Paradise – and is there Wifi?» zu arbeiten. Zusammen mit Doraine Green, seiner Liebsten und kongenialen Bühnenpartnerin, mit der er seit mehr als 40 Jahren unterwegs war. Von Grossbritannien über Skandinavien bis Sizilien tingelten die beiden einst mit ihrem alten VW-Bus von Festival zu Festival. Hierzulande hatten sie in der Rampe, Berns legendärem Kellertheater, in den Siebzigerjahren ihren ersten Auftritt. Experimentell, wild und politisch waren ihre Shows, umwerfend lustig zudem und so abenteuerlich, dass die beiden auch mal im Gefängnis landeten.

Allerdings nicht in Bern, in dessen Nischenkulturszene sich Arne Nannestad so sehr zu Hause fühlte, dass er weder nach Norwegen noch nach Neuseeland oder England, wo er jeweils längere Zeit gelebt und gearbeitete hatte, zurückkehren wollte.

In London wars, wo er zusammen mit Doraine Green das Action Theatre gründete, diesen Improvisations-Hotspot der unvergleichlichen Art. Die grossen Themen auf kleine Bühnen zu bringen, das war die Herausforderung, die Nannestad, der in Neuseeland Schauspiel studiert hatte, bis zuletzt am meisten reizte. Seine Theaterstücke waren Exkursionen ins finstere Herz der Zivilisation, das mit verblüffenden Erkenntnissen neu ausgeleuchtet wurde. Ob Finanzkrise oder Waffenhandel, das Drama von Hänsel und Gretel, Gentechnik oder Rezession: Er lieferte eine Orientierungshilfe, die so unterhaltend wie tiefsinnig war. Je abenteuerlicher sich seine Figuren gebärdeten, desto lieber liess er sich von ihnen verführen. Und wenn eine dieser unberechenbaren Gestalten partout ins Weisse Haus oder nach China wollte – Nannestad ging mit. Und mit ihm das Publikum, das sich von dieser manchmal ziemlich surreal und abstrus anmutenden Fabulierlust zu gern den Kopf verdrehen liess.

Empfang in Hollywood

Nannestads unbändiger, mal rabenschwarzer, mal filigran-zärtlicher Humor kam auch ausserhalb der Kleinkunstszene an. Er amtete als Pointenschreiber für deutsche Comedy-Stars wie Oliver Polak, vergnügte sich mit Autoren des deutschen Satiremagazins «Titanic», und kein Witz ist, dass auch Hollywood ihn 1991 mitten in der Nacht anrief: «You’re on the team.» Da war die ganz grosse Nummer plötzlich ganz selbstverständlich: Der Erstklassflug nach Los Angeles, die Stretchlimousine, die Suite im Hotel Château Marmont und der Part eines Filmregisseurs in «Soapdish» mit Whoopi Goldberg und Robert Downey jr.

Stoff für einen Bestseller

Ob am Küchentisch oder auf der Bühne – wenn Arne Nannestad in seiner bodenlosen Erinnerungsbüchse kramte, dann hielt ihn nichts mehr: Alles wollte handfest vorgeführt werden, etwa, wie Sally Field ihren Kopf in seinen Schoss legte, oder wie er einst in seinen Anfängen gezwungen war, einen Buick zu mimen. Denn seine Leidenschaft fürs Spielen war so grenzenlos wie seine Fantasie. So ist das Action Theatre denn immer auch mit einem Minimum an Requisiten ausgekommen. Um sich in ein Retortenbaby, eine Nonne oder in einen Schweizer Metzger zu verwandeln, genügten Nannestad Mimik und Muskeln.

Was er sonst noch alles gewesen ist in seinem prallen Leben? Aktmodell in Paris, Spargelpflücker in Britannien, Kunstmaler und einer der liebenswürdigsten Menschen. All das, was ihm zwischen Norwegen, Neuseeland, Hollywood und Bern widerfahren ist, dokumentierte Arne Nannestad in dicken Ordnern, die ein ganzes Büchergestell besetzen. Zahllos sind die Seiten, die er mit seinen Erinnerungen gefüllt hat. Kurz von seinem Tod hat er sie noch zu einem Buchmanuskript gebündelt. Zweifellos Stoff für einen Bestseller. (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2017, 18:13 Uhr

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