Arme finden keine Bleibe in Bern

Menschen mit tiefen Einkommen ziehen aus dem Umland in die Kernstädte – ausser in der Region Bern. Experten und Politiker führen dies auf einen Mangel an gemeinnützigem Wohnraum zurück.

Menschen mit tiefen Einkommen ziehen aus dem Umland in die Kernstädte – ausser in der Region Bern. Experten und rot-grüne Politiker führen dies auf einen Mangel an gemeinnützigem Wohnraum zurück. Bild: Adrian Moser

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Können sich Wenigverdiener die Stadt nicht mehr leisten? Eine vom Bundesamt für Wohnungswesen in Auftrag gegebene Studie der Universität Genf verwirft diese Annahme. Es sind viel mehr die Gutverdienenden, die in die Vororte ziehen.

Wer ein tieferes Einkommen hat, zieht offenbar wieder nach Zürich, Lausanne, Basel, Lugano oder Genf. In diesen Städten zogen viel mehr ärmere Menschen zu als weg – teilweise glich dies gar die Abwanderung der Gutsituierten aus. Nur in der Stadt Bern ist der Wanderungssaldo knapp negativ. Es ziehen also mehr Menschen mit tiefen Einkommen aus Bern weg, als dass sie die Stadt zu ihrem Wohnsitz wählen.

«Bern wird sicher aufholen»

Beim Immobilienberatungsunternehmen Wüest Partner ist man von den Ergebnissen der Studie nicht überrascht. «Es ist nicht so, dass in den grösseren Schweizer Städten die Reichen die Armen verdrängen», sagt Alain Chaney, Geschäftsführer der Berner Niederlassung. Zudem sei in der Bundesstadt die Umzugsbereitschaft generell tiefer als in anderen Grossstädten, da die Bautätigkeit und die Einkommensunterschiede geringer seien. «Die Umzugsbereitschaft ist kleiner, wenn es wenig neue Angebote gibt und die Einkommenskurve flacher verläuft», sagt Chaney.

Für Menschen mit tiefen Einkommen wiederum sei die Stadt Bern kein Magnet, weil es nur ein geringes Angebot an vergünstigtem Wohnraum gebe. Laut Chaney wird das Wohnen in der Stadt aber auch für schmalere Budgets wieder attraktiver. «Wenn die Stadt ihre Pläne umsetzt und das Angebot vergrössert, wird die Nachfrage auch wieder zunehmen.» Chaney verweist auf die Situation in der Stadt Zürich, die zwar teurer sei als Bern, aber einen anders strukturierten Wohnmarkt aufweise.

In Zürich gebe es eine lange Tradition des genossenschaftlichen Bauens, die bis heute anhalte. So sei jüngst etwa in Zürich-Nord genossenschaftlicher Wohnraum für 1200 Menschen zu einem Quadratmeter-Mietpreis von 215 Franken pro Jahr geschaffen worden.

Alles in allem sei der Anteil an Genossenschaftswohnungen in Zürich etwa fünfmal grösser als in Bern. «In Bern gibt es diesbezüglich ein grosses Entwicklungspotenzial.» Die Stadt wolle nun aber Gegensteuer geben. «Bern wird in den nächsten Jahren sicher aufholen», sagt Chaney.

Ebenfalls kaum überrascht von der Studie ist der Berner Gemeinderat Michael Aebersold (SP). «Wir stellen ebenfalls fest, dass es Leute mit geringem Einkommen schwer haben, in der Stadt Bern eine Wohnung zu finden.» Dass Bern dabei sogar schlechter abschneidet als Zürich, erklärt auch Aebersold mit der niedrigeren Quote an Genossenschaftswohnungen. Der Finanzdirektor räumt ein, dass die rot-grüne Stadtregierung in der Vergangenheit Fehler gemacht habe. So sei der Erhalt von günstigem Wohnraum vernachlässigt worden.

«Neubausiedlungen wie Schönberg-Ost bieten Wohnraum für Leute mit grossem Portemonnaie», sagt Aebersold. Doch das soll sich nun ändern. «Mit der Wohnoffensive versuchen wir gezielt, preisgünstigen Wohnraum zu fördern.» Ausserdem wolle die Stadt wieder selber vergünstigte Wohnungen für Leute mit kleinem Einkommen anbieten. «Wir wissen, was zu tun ist.»

Hauseigentümer relativieren

Auch die grüne Grossrätin Natalie Imboden weiss, was nottut: «Die einzige Lösung ist, dass mehr gebaut wird – und dies vor allem im preisgünstigen Segment», sagt die Präsidentin des Mieterverbandes. Denn die Nachfrage nach Wohnraum in Bern übersteige das Angebot. Sie betont zudem, dass sich das Problem der Gentrifizierung in den Schweizer Städten mit der Studie nicht wegdiskutieren lasse.

In Bern sei das Problem der Verdrängung von Menschen mit tiefen Einkommen in einigen Quartieren akzentuierter als in anderen. «So gibt es in Bern-West noch Altbestand mit günstigen Wohnungen.» Weshalb es Geringverdiener laut Studie in Bern schwerer haben als etwa in Zürich, kann Imboden nicht sagen.

«Vielleicht hat es damit zu tun, dass in Zürich die Agglomeration stärker eingemeindet wurde.» So gehöre etwa Schwammendingen mit vielen günstigen Wohnungen zur Stadt Zürich. Ostermundigen, das Berner Pendant, sei hingegen eine eigenständige Gemeinde.

Beim Hauseigentümerverband sieht man keinen Handlungsbedarf. Die Dynamik auf dem Berner Wohnungsmarkt sei gering und der Anteil an Sozialhilfebezügern gross, sagt Präsident Adrian Haas. «Es gibt keinen Bedarf nach mehr günstigem Wohnraum», sagt Haas. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2017, 06:35 Uhr

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