Apartments anonymisieren Altstadt

Das frisch renovierte Haus an der Rathausgasse 57 in Bern bietet möblierte Wohnungen für Geschäftsleute an – was einem Trend entspricht. Die Altstadtbewohner sehen jedoch ihr Quartierleben gefährdet.

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Simon Preisig@simsimst

Ein Paar aus Deutschland ist im vergangenen Monat in die Dachwohnung an der Rathausgasse 57 in Bern gezogen. Auch die Engländer, Mexikaner und Schweizer in den neun Apartments darunter wohnen erst seit einigen Wochen hier. «Wir haben viele Mieter, die aus dem Ausland kommen und auf Projektbasis für eine Grossfirma arbeiten», sagt Bastiaan Don. Der Zuger ist mit seiner Firma Glandon Apartments GmbH für die Verwaltung der Wohnungen im frisch renovierten Altstadthaus zuständig.

Während eineinhalb Jahren wurde das Haus einer Totalrenovation unterzogen. Nun bietet Don seinen Mietern mehr, als es normale Immobilienverwaltungen tun: Die Apartments sind möbliert, die Putzfrau organisiert und das Internet vorinstalliert. So erklärt sich laut Don auch der internationale Mietermix: «Für ausländische Fachkräfte ist es in der Schweiz sehr aufwendig, eine richtige Wohnung zu mieten.» Zudem seien die Apartments kurzfristig kündbar. Vier Monate würden die Bewohner durchschnittlich bleiben, so Don.

4650 Franken für drei Zimmer

Die Services und die flexible Verfügbarkeit haben ihren Preis: 4650 Franken kostet etwa die nicht speziell geräumige Dreizimmerwohnung des deutschen Paares pro Monat. Dabei sind zwar alle Dienstleistungen inbegriffen, die Miete ist jedoch sogar für Berner Altstadt-Verhältnisse relativ hoch angesetzt: Der Internetvergleichsdienst Comparis hat für die Jahre 2013 und 2014 eine Medianmiete von 2212 respektive 2200 Franken errechnet. In die Analyse flossen die Inserate der Drei- und Dreieinhalbzimmerwohnungen aus der Altstadt ein, die in den beiden Jahren auf Comparis.ch aufgeschaltet waren. Die Nebenkosten blieben dabei unberücksichtigt.

Der Nachfrage tut dies keinen Abbruch. «Die Altstadt ist bei den Business-Leuten sehr beliebt», sagt Don. Er habe die Wohnungen innerhalb eines Monates alle problemlos vermieten können. Der Markt für möblierte Apartments ist in den letzten vier Jahren laut Don sehr gewachsen. Dies zeigt sich auch in der Berner Altstadt. Dort sind in dieser Zeit verschiedene Altstadt-Häuser teilweise oder ganz in Business-Apartments umgewandelt worden: 2010 das Haus an der Herrengasse 10 und dasjenige an der Gerechtigkeitsgasse 66, 2011 das Haus an der Marktgasse 20, und seit 2014 werden auch an der Zeughausgasse 27 16 Wohnungen für Business-Leute vermietet.

Das Quartier «stirbt»

«Wenn es so weitergeht, wird das Quartier immer anonymer und stirbt», sagt Stefanie Anliker, Präsidentin der Vereinigten Altstadtleiste. Mit diesen Business-Wohnungen werde nämlich vor allem in der unteren Altstadt klassischer Wohnraum verdrängt. «Wer nur einige Wochen in der Altstadt lebt, ist nicht motiviert, sich zu engagieren», meint auch Rathausgass-Brunngass-Leist-Vorsteher Edi Franz. Zudem würden diese Leute die Steuern oft nicht in Bern entrichten.

Als vor zwei Jahren das Baugesuch publiziert wurde, hatte Franz im Vorstand des Leists über das Projekt an der Rathausgasse 57 diskutieren lassen. «Natürlich hätten wir lieber ‹normale› Wohnungen gehabt.» Man sei aber zum Schluss gekommen, dass jeder mit seiner Wohnung machen könne, was er wolle (siehe Kasten).

Die einzige Möglichkeit, diesen Trend zu stoppen, sieht Franz auf der moralischen Ebene: «Man kann mit den Hausbesitzern diskutieren und sie auf die Folgen ihrer Entscheidung aufmerksam machen.» Wenn man die Menschen kenne, sei im persönlichen Gespräch manchmal viel möglich. «Doch wenn wie im Fall der Rathausgasse 57 eine Zürcher Investmentfirma dahintersteht, hat man keine Chance.»

Runder Tisch wird gefordert

Stefanie Anliker will die Wohnungsfrage in der Altstadt nicht nur dem Markt und persönlichen Gesprächen überlassen. «Ein runder Tisch mit Vertretern der Stadt, des Kantons, den Burgern und Zünften sowie Vertretern der privaten Eigentümer wäre begrüssenswert», sagt sie. Die Grundeigentümer könnten dann laut Anliker auch freiwillige Leitlinien zur Wohnnutzung in der unteren Altstadt verabschieden, eine Charta-Altstadt also. Bei der Einberufung dieses Tisches sieht Anliker das Stadtplanungsamt in der Pflicht: «Das Fördern von sozialem, wirtschaftlichem und kulturellem Leben ist eine raumplanerische Aufgabe.»

«Die Idee von einem runden Tisch ist mir neu», sagt Stadtplaner Mark Werren. Er signalisiert jedoch Diskussionsbereitschaft: «Wir sind für Gespräche immer offen und prüfen solche Anliegen, wenn sie an uns herangetragen werden.»

Don will weiter möblieren

Derweil versteht Bastiaan Don nicht, warum wegen seiner Apartments über ein Aussterben der Altstadt diskutiert wird: «Wir bringen kapitalkräftige Mieter.» Die würden einkaufen gehen und Kaffee trinken. «Wir beleben so die Stadt», ist er überzeugt. Er möchte seinen Business-Kunden am liebsten noch mehr Wohnungen im Herzen Berns anbieten. «Die Altstadt hat definitiv noch mehr Potenzial», so Don. Sie seien immer auf der Suche nach Liegenschaften. Zu guten Objekten zu kommen, sei jedoch schwierig.

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