Anti-Abtreibungsmarsch bereitet der Berner Polizei Sorgen

Der «Marsch fürs Läbe» führt dieses Jahr zum ersten Mal durch Bern. Die Polizei fordert wegen befürchteter Krawalle eine Platzkundgebung. Die Abtreibungsgegner akzeptieren dies nicht.

Abtreibungsgegner und viel Polizei: Der «Marsch fürs Läbe» im Jahr 2012 in Zürich.

Abtreibungsgegner und viel Polizei: Der «Marsch fürs Läbe» im Jahr 2012 in Zürich.

(Bild: Keystone)

Simon Preisig@simsimst

Sie zeigen Schilder mit Bildern von Föten im Mutterleib und skandieren dazu Worte wie «Total Mensch» oder «Ja zum Leben». Tausende Personen aus christlichen und rechtskonservativen Kreisen demonstrieren im September jeweils gegen jegliche Formen von Abtreibung. «Marsch fürs Läbe» nennt sich die Veranstaltung, die seit 2010 alljährlich vom gleichnamigen Verein organisiert wird und bis jetzt immer in Zürich stattgefunden hat.

Die Kundgebung passt den Linksautonomen nicht. Mit Störaktionen versuchen sie, den Anlass seit seiner ersten Durchführung zu verhindern. Mehr als 100 Gegendemonstranten hat die Zürcher Polizei vergangenen Herbst zur Kontrolle auf die Wache geführt, die Anzahl aufgebotener Einsatzkräfte war enorm.

Keine Kindersärge in Bern

Nun können die Zürcher Polizisten aber aufatmen. Der «Marsch fürs Läbe» soll am 17. September 2016 nämlich zum ersten Mal in Bern stattfinden. Die Veranstaltung in die Bundesstadt geholt haben die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA) und ihr Generalsekretär Marc Jost (EVP), der zurzeit als Berner Grossratspräsident amtiert. «Für unseren Westschweizer Regionalverband ist Bern geografisch viel besser gelegen», so Jost.

Die SEA ist erst das zweite Mal Teil der «Marsch fürs Läbe»-Trägerschaft. «Früher waren wir mit dem Stil des Anlasses nicht einverstanden», meint Jost. Damals wurden etwa Kindersärge mitgetragen und Bilder toter Embryonen gezeigt. Der heutige Auftritt und das Grundanliegen, wonach man sich für die Würde jedes menschlichen Lebens einsetze, unterstütze er jedoch.

Polizei: Berns Linke gefährlicher als Zürcher

Obwohl sich der Marsch in seiner Symbolik gemässigt hat, befürchtet die Berner Polizei «massive Störaktionen» von Linksautonomen. Diese Bedenken haben die Behörden laut einer Medienmitteilung des Vereins «Marsch fürs Läbe» bei einem Treffen kurz vor Weihnachten geäussert. Zu dem Treffen hatten die Stadt Bern und die Kantonspolizei eingeladen, nachdem der Verein im Oktober um einen Marsch durch die Innenstadt ersucht hatte.

«Der verantwortliche Beamte erläuterte, dass Bern ein noch viel grösseres linkes Potenzial habe als Zürich», heisst es in der Mitteilung weiter. Die Polizei habe darum den Christen nahegelegt, eine Platzkundgebung anstelle eines Marschs durchzuführen. Diese sei einfacher zu schützen als ein Umzug. Die in der Mitteilung zitierten Aussagen werden auch von Grossratspräsident Jost bestätigt. Jost hatte am Gespräch als Beobachter teilgenommen.

Christen pochen auf Marsch

Die Abtreibungsgegner wollen diese Einschränkung jedoch keinesfalls akzeptieren: «Es darf nicht hingenommen werden, dass Linksautonome es zunehmend verunmöglichen, konservatives Gedankengut in der Öffentlichkeit zu vertreten», steht in der Mitteilung weiter. Man wolle daher an dem beantragten Marsch festhalten. Laut Beatrice Gall, Mediensprecherin des «Marsch fürs Läbe», haben die Behörden jedoch noch nicht über das Gesuch entschieden.

Gall wunderte sich aber an der polizeilichen Aussage, wonach Zürichs Linkextreme trotz gewalttätiger 1.-Mai-Demonstrationen und Saubannerzügen weniger Gewaltpotenzial haben sollen als ihr Berner Pendant. «Seriös einschätzen kann ich die Sicherheitslage als Aussenstehende jedoch nicht», so Gall.

Sinnlose lokale Risikoeinschätzung

Kein gutes Haar an der bernischen Sicherheitsanalyse lässt derweil Extremismusexperte Samuel Althof: «Aus meiner Sicht macht es gar keinen Sinn, eine solche nur auf Bern bezogene Analyse zu versuchen.» Die Mobilisierungsnetzwerke würden längst überregional funktionieren. «Demo-Reisende sind heute eine Realität.»

Nicht äussern zur Sicherheitseinschätzung und zur Kundgebung will sich die städtische Orts- und Gewerbepolizei. «Da es sich um ein laufendes Bewilligungsverfahren handelt, können wir zurzeit nicht Stellung nehmen», so deren Leiter Marc Heeb.

Für den konkreten politischen Prozess hat die geplante Kundgebung keine Relevanz. In der Schweiz gilt seit 2002 die grundsätzlich unumstrittene Fristenregelung. Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche liegt der Entscheid über einen allfälligen Abbruch bei der schwangeren Frau.

DerBund.ch/Newsnet

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