Anstandsloser Wahlkampf

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann sorgt sich um sittliche Umgangsformen im Wahlkampf.

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Sie haben momentan nichts zu lachen: Für Menschen mit Manieren, Gegner des gesellschaftlichen Sittenverfalls und Kritiker rüder Reden hält das Leben beinahe täglich üble Überraschungen parat. Denn der Kanton Bern steckt mitten in einem fiesen Wahlkampf, der keine Unhöflichkeit auslässt. Selbst die bernische Staatskanzlei mischt mit. Die Wahlunterlagen treffen diese Woche bei der Bevölkerung ein, also rund zwei Wochen vor dem Wahltag. Das ziemt sich nicht – zumindest wenn wir Knigge als Vergleichswert nehmen. Das Buch für stilsichere Ratschläge zu allen Lebenslagen rät, Einladungen zu wichtigen Anlässen (Geburtstagsparty, Wohltätigkeitsball, Bar-Mitzwa) mindestens einen Monat im Voraus zu versenden. Dem Versendungszeitpunkt der Wahlunterlagen ist nach Knigge also zu entnehmen, dass für die Staatskanzlei die Wahlen eher den Stellenwert eines informellen Dinners, einer Hauseinweihungsparty oder eines Lunchs haben. Da darf man sich nicht wundern, wenn einige Wahleinladungen unbeantwortet bleiben.

Wenn sich schon der Wahlveranstalter derartige Aussetzer erlaubt, dann kann es ja um den Anstand der Teilnehmer kaum besser stehen. Wahlbeobachtern mit einer hohen Sensibilität für Unzüchtigkeiten dürfte ob Aline Trede die Schamesröte ins Gesicht gestiegen sein. Die grüne Nationalrätin ging auf Tinder auf Stimmenfang. Tinder ist diese Online-Plattform für sehr bilaterale Abkommen und temporäre Schlafzimmerkommissionen. Glücklicherweise sorgten tapfere Sittenritter dafür, dass dieser schlüpfrige Schachzug nicht aufging. Tredes Profil wurde dermassen oft gemeldet, dass es gesperrt wurde. Auch Thomas Fuchs hat Tadel verdient. Beim SVP-Grossrat war an einer Wahlveranstaltung ein herber Verstoss gegen den Dresscode auszumachen: Fuchs tauchte in Uniform auf – ein No-Go! Fuchs und Knigge hegen modische Differenzen. Während der Nationalratskandidat die etwas biedere Armee-Aufmache fesch findet, rät der Papst der Sittenregeln von Uniformen an öffentlichen Anlässen ab.

Wer nun denkt, solche gesellschaftlichen Obszönitäten seien nur in städtischen Gebieten zu finden, hat sich massiv getäuscht. Denn den grössten Fauxpas leistete sich eine ganz und gar nicht galante Gesellschaft aus dem Berner Oberland. Per Aufkleber wollte man Nationalrätin Margret Kiener Nellen die Hölle heiss machen. Dabei sind gleich mehrere Verstösse gegen den guten Geschmack auszumachen. Das Design wurde schamlos von der SP geklaut. Es handelt sich also um glasklaren Etikettenschwindel. Als wäre das nicht schon rüde genug, hat man sich bei der Anrede unglaubliche Umgangsformen erlaubt. «Wählt Kiener Nellen» heisst es da. Knigge korrigiert: «Wählt Frau Kiener Nellen», oder noch besser: «Wählt Frau Nationalrätin Kiener Nellen» müsste es heissen. Und dann wird auch noch in aller Öffentlichkeit über Geld gesprochen. Knigge wäre entsetzt gewesen.

Nun wollen wir aber nicht ständig die Nase rümpfen, und so probieren wir den bedauerlichen Entgleisungen doch noch etwas Gutes abzugewinnen. Wenn man sie sprachlich ein wenig ins rechte Licht rückt, dann sieht alles halb so schlimm aus: Aline Trede ist der zwischen­men­schliche Umgang äusserst wichtig. Thomas Fuchs setzt bei seiner Garderobe auf Einzigartigkeit und zuvorkommende Gentlemen aus dem Oberland gratulieren Frau Nationalrätin Kiener Nellen zu ihrem talentierten Umgang mit Zahlen.

Martin Erdmann, «Bund»-Onlineredaktor, befürwortet, dass Knigges Gesamtwerk in der Bundesverfassung verankert wird.

www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2015, 08:37 Uhr

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