«He, andere Menschen haben es auch nicht gerade einfach!»

Soziale Integration via Fussball: Das ist das Ziel der Strassenfussball-Liga des Vereins Surprise. Paco Fust amtet derzeit als Chef-Schiedsrichter bei den Meisterschaften.

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Hanna Jordi

Paco Fust, Sie sind Schiedsrichter-Chef bei den Schweizermeisterschaften im Strassenfussball auf dem Bundesplatz. Worin liegt der Hauptunterschied zu einem Match, wie er sonntags auf vielen Rasenplätzen der Schweiz gespielt wird?
Paco Fust: Zum einen spielen wir auf Stein, da es vor dem Bundeshaus keinen Rasen hat. Aber auch sonst gibt es Unterschiede. Zum Beispiel sieht man hier keine 08/15-Sportler. Manche haben Drogen- oder Alkoholprobleme oder es sonst schwierig im Leben. Der Sport hat eine ganz andere Bedeutung – manchen hilft er, Tritt zu fassen, anderen auch einfach, mal abzuschalten.

Es ist bemerkenswert, wie viele Tore fallen. Resultate wie 5:4 sieht man im Fussball sonst selten.
Das ist wahr. Aber die Felder sind klein, und eine Regel besagt, dass sich nicht alle Spieler gleichzeitig in der Abwehr engagieren dürfen. Das heisst, das angreifende Team ist vor dem Goal stets in Überzahl. Da passiert natürlich einiges.

Sie haben es erwähnt: Die Spieler der Strassenfussball-Liga sind oder waren aus verschiedenen Gründen sozial benachteiligt. Wie wirkt sich das auf dem Platz aus?
Auf dem Platz steht der Fussball im Zentrum. Wenn aber zum Beispiel einer zu spät zum Match kommt, vielleicht weil er am Vorabend zu viel getrunken hat oder weil es ihm schwer fällt, sich an Abmachungen zu halten, dann mache ich deswegen kein Büro auf. Man kennt sich gut in der Liga, man nimmt Rücksicht aufeinander. Und in mancher Hinsicht bin ich sicher nachsichtiger als ein Schiri in einer gewöhnlichen Liga.

Was hat Sie zum Strassenfussball gebracht?
Der Zufall. Ich war ungefähr 20 Jahre alt, kam aus einer schwierigen Familie, war arbeitslos, hatte viele Schulden und Probleme mit der Polizei. Da fragte mich ein Freund, ob ich ihn nicht zu einem Fussballmatch begleiten wollte. Ich habe bald gemerkt, dass es kein gewöhnlicher Match ist mit gewöhnlichen Spielern, doch ich war beeindruckt von ihrem Einsatz. Ich selbst spiele Fussball, seit ich fünf Jahre alt bin. Ich wollte sofort mitmachen. Ich kann nicht nicht Fussball spielen.

Konnten Sie inzwischen wieder Tritt fassen?
Ja. ich habe eine Arbeit und eine Familie – meine kleine Tochter lernt gerade laufen.

Sie sind zweimal mit einem Team Schweizermeister geworden, und 2011 spielten Sie beim Homeless Worldcup in Paris mit. Warum haben Sie den Ball gegen die Pfeife eingetauscht?
Meine Gesundheit ist nicht gut. Ich bin zuckerkrank, und zusätzlich wurde mir vor zwei Jahren Bauchspeichelkrebs diagnostiziert. Jetzt ist meine Kondition etwa auf 30 Prozent gesunken. Das ist schwer, doch es ist, wie es ist.

Was hat Ihnen der Strassenfussball persönlich gebracht?
Als ich zum ersten Mal mitgespielt habe, tat es mir einfach gut zu merken: ‹He, andere Menschen haben es auch nicht gerade einfach, du bist nicht allein.› Dann lernte ich all diese Leute kennen, die mich respektieren und schätzen. Und nicht zuletzt lehrt es einen, mit dem, was man zur Verfügung hat, etwas Schönes zu machen. Wir könnten jetzt auch alle daheim auf dem Sofa rumhängen, oder meinetwegen in der Badi, aber stattdessen sind wir hier. Das ist doch ein gutes Gefühl.

DerBund.ch/Newsnet

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