Zum Hauptinhalt springen

An jeder Ecke grüsst der Bär

New Bern hat sich herausgeputzt. Nächstes Jahr feiert die Tochterstadt Berns ihr 300-jähriges Bestehen. Ein Augenschein.

In der New Berner Innenstadt werden immer neue Bären gesichtet. (zvg)
In der New Berner Innenstadt werden immer neue Bären gesichtet. (zvg)

Der Bär ist allgegenwärtig. Das Wappentier der alten Heimat grüsst im Zentrum von New Bern, dem 1710 durch den Bernburger Christoph von Graffenried gegründeten Städtchen im US-Bundesstaat North Carolina, an jeder Ecke. Es prangt auf Fahnen, Plaketten, Hausecken oder wird in Schaufenstern und auf Plätzen ausgestellt. Selbst ein Immobilienhändler und der lokale Country-Sender werben mit dem Bär. An der Umfahrungsstrasse ist der Mutz gar in einem Feld, samt Blumenschmuck, zu bestaunen: ein typisch schweizerischer Willkommensgruss, wäre da nicht der «kleine Unterschied». Dem etwas pummeligeren Wappen-Bären fehlt der rote Spickel, der im «alten» Bern das Geschlechtsteil markiert.

Das Alte glänzt wie neu

Nun liessen sich aus der Entmannung und der Gewichtszunahme, deren Hintergründe im Dunkeln liegen, allerlei falsche Schlüsse ziehen. Lassen wir das. Immerhin deutet der «kleine Unterschied» aber auf einen lockeren Umgang mit dem historischen Erbe hin – und dieser zieht sich durch die neuere Geschichte von New Bern wie ein Grundmotiv, worauf bereits der Slogan «Everything old is new again» hindeutet (frei übersetzt: «Bei uns glänzt alles Alte wie neu»). Der Bär ist heute weniger ein Symbol für die Herkunft des legendären Stadtgründers als ein Werbelogo zur Ankurbelung des Tourismus. Schliesslich lebt die Stadt am Zusammenfluss von Neuse und Trent, die hier eine Art Seebecken bilden, vom Fremdenverkehr.

Susan Moffat-Thomas allerdings widerspricht dieser Einschätzung entschieden. Die Direktorin der städtischen Wirtschaftsförderung Swiss Bear Downtown Development, einer gemeinnützigen Organisation, hält im Gespräch energisch fest: «Bei der Zurschaustellung der Verbundenheit der beiden Städte handelt es sich nicht bloss um einen Werbegag.» Vielmehr widerspiegle die grosse Popularität des Berner Wappentiers die engen Bande zwischen Alt- und Neu-Bern. Sie räumt allerdings ein, dass diese Bande nicht wirklich 300 Jahre zurückreichen. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeige, sagt Moffat, dass die Stadt Bern zu ihrem 700. Geburtstag im Jahr 1891 auch eine Delegation aus der Neuen Welt eingeladen habe. Darüber freute man sich in der alten Heimat derart, dass alsbald ein Gegenbesuch organisiert wurde. Und bei dieser Gelegenheit hätten die Berner, sozusagen als Mitbringsel, den Kolonialisten ein Wappen überreicht. «Seither ist der Bär in New Bern heimisch», sagt Moffat und schmunzelt.

Das «neue» Bern vom Reissbrett

Auch dabei handelt es sich allerdings nur um die halbe Geschichte. Sein eigentliches Comeback gelang dem Bären erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten – seit das Wappentier von der Bevölkerung mit der Revitalisierung der Innenstadt in Verbindung gebracht wird.

Am Beginn dieser Entwicklung stand der Niedergang von New Bern in den Nachkriegsjahren, wie Moffat erzählt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren habe das Städtchen dieselbe Entwicklung durchlaufen wie andere amerikanische Kleinzentren auch – die Innenstadt entvölkerte sich, weil es die weisse Bevölkerung in die Vororte zog und sich neue Geschäfte an den Ausfallstrassen ansiedelten. Downtown verfiel, Baulücken öffneten sich, die Kriminalität nahm zu, und in der Stadtkasse, primär aus der kommunalen Verkaufssteuer gespeist, klaffte ein Loch. Dann entschied sich eine Gruppe von lokalen Politikern und Geschäftsleuten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wie Moffat sagt. Sie gründeten 1979 die städtische Wirtschaftsförderung, gaben ihr einen putzig klingenden Namen und entwickelten auf dem Reissbrett ein neues New Bern. Ausgehend von einer bereits bestehenden Attraktion – dem Palast des ehemaligen Kolonialgouverneurs von North Carolina – erkannten sie in New Bern das Potenzial für eine Entwicklung zur Tourismusdestination. Gewälzt wurden Pläne für einen verbesserten Zugang zum Flussufer, eine Auffrischung des Stadtzentrums und eine Sanierung der zerfallenden Wohnhäuser.

Ölfässer am Flussufer

Im Nachhinein überrascht die Zielstrebigkeit, mit denen die Swiss-Bear-Gründer ihre Vision in die Tat umsetzten. Moffat, seit einem Vierteljahrhundert als Direktorin an vorderster Front mit dabei, verweist auf alte Fotografien aus den bleiernen Siebzigerjahren – die noch heute auf der Internetseite der Wirtschaftsförderung zu sehen sind. Am Flussufer stapelte ein Ölmulti nicht mehr genutzte Fässer neben einer alten Tankstelle. Selbst der eigentliche Gründungsort von New Bern, ein Park mit dem Namen Council Bluff Green, in dem Christoph von Graffenried mit dem lokalen Indianerstamm über den Kauf eines Grundstücks für die Kolonialisten verhandelt hatte, verkam. In der Nachbarschaft standen Warenhäuser und eine Werft, wie der Lokalhistoriker Edward Ellis im breiten Südstaaten-Englisch sagt. «Die Industrie dominierte die ganze Gegend.»

Heute gehört das Flussufer zu den schönsten Ecken der Stadt – im frisch geschnittenen Gras des Union Point Parc treffen sich Familien zum Picknick, und im Gartenpavillon am Wasser werden Hochzeiten gefeiert. Unmittelbar daneben wurden ein Konferenzzentrum, Ableger der nationalen Hotelketten Sheraton und Marriott sowie ein Hafen für die zahlreichen Jachten und Sportboote aus dem Boden gestampft. «Wir sind stolz auf das Erreichte», sagt Wirtschaftsförderin Moffat. Von den über 100 Millionen Dollar, die seit den Achtzigerjahren entlang des Flussufers verbaut wurden, profitiere die gesamte Stadt. Auch deshalb sei in den vergangenen 20 Jahren die Bevölkerung von New Bern um 11 000 auf über 28 000 Menschen angewachsen.

Einigen Bewohnern von New Bern aber geht dieser Aufschwung zu schnell: Im Herbst setzten sie ein deutliches Signal. Fünf der sechs Mitglieder im Stadtparlament sowie der seit 16 Jahren amtierende Bürgermeister Tomy Bayliss erhielten den Laufpass. Spuren des Booms lassen sich auch in der historischen Innenstadt begutachten. An der Pollock Street, die zusammen mit der parallel verlaufenden Broad Street das Stadtzentrum bildet, reihen sich schmucke Häuser im Queen-Anne-Stil aneinander, die sich mit ihren Erkern, Dachluken und Terrassen bestens als Bed and Breakfast eignen. Es ist ruhig an diesem Samstagmorgen im Herbst, nur ab und zu fährt ein Auto oder ein Velofahrer vorbei.

Die Pepsi-Stadt

«Hektisch ist es bei uns selten», sagt Jill, die im «Howard House» die Gäste empfängt. Die kleine Pension mit ihren fünf Gästezimmern und einem Anbau wurde in den Neunzigerjahren eröffnet, nachdem die Besitzer das 120 Jahre alte Haus saniert hatten. Zur Freude der Gäste hält das «Howard House» eine alte Südstaaten-Tradition aufrecht und serviert am späteren Nachmittag Wein und Käse. Und wenn die Gäste am Abend ins Bed and Breakfast zurückkehren, steht ein Stück Kürbiskuchen im Wohnzimmer bereit.

Die Frühstückspensionen sind nur einen kurzen Fussmarsch von den beiden Hauptattraktionen von New Bern entfernt. An der Kreuzung von Middle und Pollock Street steht die Wiege von Pepsi-Cola: Hier mixte der lokale Apotheker Caleb Bradham in den schwül-heissen Sommertagen der Achtzehnneunzigerjahre zum ersten Mal das klebrige Getränk. Zunächst schenkte er den Mix an seiner Theke unter dem Namen «Brad’s Drink» aus, bevor er ihn 1898 in Pepsi-Cola umtaufte. 1902 beantragte Bradham auf seiner Mixtur aus Kolanüssen, Vanille und kohlensäurehaltigem Wasser offiziell ein Patent, das ihm das nationale Patentamt am 16. Juni 1903 auch gewährte. Bald wurde das Geschäft an der Ecke zu klein für den Apotheker; Bradham eröffnete in New Bern eine Cola-Fabrik.

Schon 1910 produzierte Pepsi mehr als 100 000 Gallonen des Getränks; es war in 24 Bundesstaaten erhältlich. Doch eine Dekade später platzten die Träume von einem Getränkeimperium: 1923 musste Pepsi-Cola Bankrott anmelden, auch, weil die stark schwankenden Zuckerpreise die Produktion der Limonade zu einem Glücksspiel gemacht hatten. Bradham kehrte in seine Apotheke zurück und verkaufte Pepsi-Cola an Geschäftsleute im Norden. Er starb im Jahr 1934, just zum Zeitpunkt, als seiner ehemaligen Firma nach zahlreichen Pleiten der weltweite Durchbruch gelang.

Pepsi zu Dumpingpreisen

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Bradhams Apotheke lange Jahre leer – ein weiterer stummer Zeuge des Verfalls von New Bern. Erst 1998, zum 100-Jahr-Jubiläum von Pepsi, entschloss sich der lokale Ableger des Getränkekonzerns, den Erfindungsgeist des Apothekers aus der Provinz zu würdigen. Allerdings hinterlässt der Besuch des kleinen Museums einen fahlen Beigeschmack: Die Gedenkstätte dient in erster Linie der Promotion von Werbematerial mit dem charakteristischen Logo. Das stösst vielen Touristen sauer auf. Im Internet wimmelt es von kritischen Anmerkungen über den lange verschmähten historischen Ort. «Ich liebe Souvenirgeschäfte, aber dieses ist sehr uninteressant», schreibt ein enttäuschter Besucher. Ein anderer beklagt sich darüber, dass es an einer Toilette fehle – obwohl doch Pepsi zu Dumpingpreisen ausgeschenkt werde. Kein Wunder, habe der Konzern im Ringen mit Coca-Cola um die Vorherrschaft auf dem Süssgetränkemarkt keine Chance.

Auf einen lockeren Umgang mit der Geschichte deutet schliesslich auch die Vergangenheit von New Berns ältester Attraktion hin. Tryon Palace am Trent River ist ein wahres Bijou mit einem prächtigen Umschwung. In diesem Herrschaftsgebäude walteten von 1770 bis 1775 die Abgesandten des britischen Königs in der Kolonie North Carolina; nach der Amerikanischen Revolution diente der Palast den Gouverneuren des Staates als Regierungssitz. Allein: Echt ist an diesem Gebäudekomplex fast nichts. Tryon Palace brannte 1798 bis auf die Grundmauern ab; im 19. Jahrhundert wurden Dutzende von neuen Häusern auf dem Grundstück gebaut, später gar eine Strasse, die hier den Trent River überquerte.

Trotz diesem radikalen Umgang mit den Zeugen einer Zeit, in der New Bern die Hauptstadt einer Kolonie war, ging der Palast nicht vergessen. Während des Zweiten Weltkriegs erhielt eine Volksbewegung Aufwind, die eine Rekonstruktion des Gebäudes verlangte. Nach einiger Überzeugungsarbeit und einer grosszügigen Spende begannen 1951 die Wiederaufbauarbeiten. Acht Jahre später wurde der Palast wiedereröffnet. Fertiggestellt wird der Komplex aber erst im kommenden Jahr: Dann eröffnet North Carolina ein über 60 Millionen Dollar teures Bildungszentrum, in dem die Geschichte des Staates vermittelt werden soll, wie Wirtschaftsförderin Moffat sagt.

Wo der Bär nicht hinkommt

Auf dem Erreichten wollen sich die Sanierer von New Bern aber nicht ausruhen. Die Wirtschaftsförderung bemühe sich, auch die Aussenbezirke am Boom der Innenstadt teilhaben zu lassen, sagt Swiss-Bear-Direktorin Moffat. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg: Gemäss dem Statistischen Amt lebt ein Viertel der Bewohner von New Bern unter der Armutsgrenze. Unter den Afroamerikanern, die hier aus historischen Gründen eine starke Minderheit ausmachen, beläuft sich der Anteil gar auf 50 Prozent. Und tatsächlich zeugen windschiefe Häuschen und Wohnwagensiedlungen an den Ausfallstrassen von den weniger attraktiven Seiten New Berns. Selbst der Berner Bär, der ansonsten an jeder Hausecke präsent ist, hat sich in diesem Viertel noch nicht durchsetzen können.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch