Als Justitia vom Sockel stürzte

Die altehrwürdige Justitia auf dem Berner Gerechtigkeitsbrunnen ist erst 30 Jahre alt. Denn Jurassier haben die originale Figur zerstört.

Die Renaissancefigur auf dem Berner Gerechtigkeitsbrunnen ist eine Kopie. Das Original stehe im Historischen Museum.

Die Renaissancefigur auf dem Berner Gerechtigkeitsbrunnen ist eine Kopie. Das Original stehe im Historischen Museum.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Naomi Jones

Die alte Justitia in der Berner Gerechtigkeitsgasse soll eine Schönheitskur erhalten. Doch so alt, wie sie scheint, ist sie gar nicht. Sie ist nämlich erst 30 Jahre alt. Das Original aus dem 16. Jahrhundert wurde 1986 Opfer des schwelenden Jurakonflikts.

In der Nacht auf den 13. Oktober hatten jurassische Separatisten die Figur aus der Renaissance mit einem Seilzug vom Sockel gerissen. Dabei fiel die Statue auf den Brunnenrand und zersprang in mehrere Hundert Teile. Die Aktion musste von langer Hand geplant und vorbereitet gewesen sein, denn die Béliers verwendeten dazu einen Seilzugapparat, den sie verankern mussten.

Die zerstörte Statue nach dem Anschlag. Foto: Archiv

Schon wenige Monate später war zumindest ein Täter gefunden. Untersuchungsrichter war der spätere Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Der Täter wurde von der Berner Justiz zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt und durfte die Strafe nach einem Bundesgerichtsentscheid im Jura verbüssen. Dort hatte er politisches Asyl beantragt. Das jurassische Parlament begnadigte ihn schliesslich und reduzierte seine Haftstrafe auf die Hälfte. Bern protestierte zwar dagegen, verzichtete aber auf eine Klage vor Gericht.

Original im Museum

Die zerstörte Brunnenfigur konnte aber gerettet werden. Heute steht das Original im Historischen Museum und den Brunnen ziert eine Kopie. In monatelanger Kleinarbeit setzten der Steinbildhauer Urs Bridevaux und ein Mitarbeiter das Original Stück für Stück zusammen. Das war wie ein grosses Puzzle. Die Stücke klebten sie mit einem Zweikomponentenkleber ähnlich wie Araldit zusammen. Der Kleber musste stark sein. «Denn die kleinsten Teile waren wenige Zentimeter gross, andere waren um die 100 Kilo schwer», erinnert sich Bridevaux. Fehlende Stellen wie das vollständig zerstörte Gesicht modellierte der Bildhauer gemäss alten Fotos.

Im Hintergrund steht das Original. Foto: zvg Urs Bridevaux

Erst jetzt konnten er und sein Team damit beginnen die Figur zu kopieren: Sie hauten aus einem neuen Stein eine neue identische Figur. «Das war ein Höhepunkt in unserer Firma», sagt er. Es sei schön gewesen, mit einer derart geschichts- und symbolträchtigen Skulptur zu arbeiten.

Idee statt Behörde getroffen

Grundsätzlich hätte die Figur, nachdem sie zusammengefügt war, auch in einem Gussverfahren kopiert werden können, wie der damalige Denkmalpfleger Bernhard Furrer sagt. Die Kopie wäre so vielleicht genauer geworden. «Aber wir fanden es adäquater, die Figur von einem Steinbildhauer in traditionellem Material und nach alter Technik kopieren zu lassen.» So sei die heutige Brunnenfigur ein neues Original mit eigenem künstlerischem Ausdruck.

Die Geschichte habe ihn damals stark beschäftigt, erinnert sich Furrer. Die Separatisten hätten mit der Aktion die Bernischen Gerichtsbehörden attackieren wollen. Stattdessen griffen sie die Idee einer unabhängigen Justiz an und dazu ein wichtiges Kulturgut. «Sie verstanden gar nicht, was sie eigentlich taten.»

Der Bund

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