Als in der Christoffelgasse ein tiefes Loch klaffte

Baugeschichte

Beim Bau des Sulgenbachstollens kam es in den 1920er-Jahren zu schwerwiegenden Zwischenfällen. Bis heute wird ein grosser Teil des Abwassers der Region Bern durch den muffigen Funktionsbau tief unter Berns Innenstadt geführt.

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Basil Weingartner@bwg_bern

«Am Dienstagvormittag waren in der Christoffelgasse Arbeiter mit Bauarbeiten an der Strasse beschäftigt. Der Arbeiter Balsigen spürte plötzlich, dass der Boden unter seinen Füssen nicht mehr fest war; er sprang aus der Vertiefung hervor. Unmittelbar danach senkten sich die Erdmassen; ein Loch in der Strasse zeugt von dem Einsturz.» Dies war in der Morgenausgabe des «Bund» vom 17. Mai 1923 zu lesen.

Zwei Tage zuvor waren Mineure 35 Meter unter der Christoffelgasse, die den Bahnhofplatz mit der kleinen Schanze verbindet, einmal mehr auf eine instabile Moräneschicht mit eingeschlossenen Wassermassen gestossen – ein Wassereinbruch war die Folge. Die Bergbauarbeiter hatten sich zwar im letzten Moment vor den Schlammmassen in Sicherheit bringen können, doch der Zwischenfall setzte jene Kettenreaktion in Gang, welche am darauffolgenden Morgen zum eingangs beschriebenen Tagbruch führen sollte.

Wo Ingenieure und Bauarbeiter einst einen Kampf gegen instabiles Gestein führten, wird heute das Abwasser aus sieben Berner Vorortgemeinden und weiten Teilen der Stadt Bern abgeleitet: Der 1100 Meter lange Sulgenbachstollen, der vom Marzili zum Aarebort unterhalb der Schützenmatt führt, ist das Herzstück des rund 300 Kilometer langen öffentlichen Abwasserkanalsystems der Stadt Bern.

Abwässer fliessen ins Marzili

Es ist ein unscheinbarer Dolendeckel, der in der Brückenstrasse vor dem Bundesamt für Justiz und Polizei eingelassen ist. Doch darunter kommt Erstaunliches zum Vorschein. Drei aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen kommende Wasserläufe vereinigen sich hier im Marzili zu einem braunen, übelriechenden Flüsschen. Knapp 1000 Liter Schmutzwasser fliessen hier im Schnitt sekündlich in den Sulgenbachstollen – dies entspricht in etwa dem durchschnittlichen Abfluss der Worble in Ittigen.

Bis zum Bau des Sulgenbachstollens (1922-1927) wurden alle Abwässer, die im Marzili zusammenlaufen, an selbiger Stelle in die Aare eingeleitet. Mit dem Stollenbau wollte man aber nicht nur die Aareschlaufe vom Abwasser befreien, sondern auch die Rückstaugefahr in den Kanälen mindern und – als Zusatznutzen – die Arbeitslosigkeit senken.

Anschliessend floss das Abwasser vier Jahrzehnte lang beim Stollenausgang unterhalb der Schützenmatt in die Aare – nach wie vor ungereinigt. Erst seit 1967 wird das Abwasser durch einen weiteren Stollen in die neu gebaute ARA Region Bern weitergeführt, wo es gereinigt oberhalb des Wohlensees in die Aare geleitet wird.

Grossbaustelle im Marzili

Im Marzili, dort wo sich heute das unscheinbare Senkloch befindet, standen einst Baubaracken der Grossbaustelle Sulgenbachstollen – und ein Häuschen mit einer medizinischen Druckkammer. Letztere wurde benötigt, da der Stollenbau nach dem Einbruch nur noch unter einem Schild und unter Pressluft hatte erfolgen können.

Durch das Arbeiten unter Überdruck konnten in der Folge weitere Wassereinrüche verhindert werden. Doch der zuvorderst im Stollen herrschende dreifache Atmosphärendruck hatte Einfluss auf die Gesundheit der Arbeiter. Um die hohen Druckunterschiede bewältigen zu können, mussten diese vor und nach jedem Einsatz gesamthaft gegen zwei Stunden in Druckausgleichschleusen verbringen. Gleichwohl kam es immer wieder zu Fällen von Dekompressionskrankheit. Todesfälle konnten aber verhindert werden.

Geologische Probleme führten zu Rechtsstreit

Die neue Vortriebsart hatte nicht nur Einfluss auf die Gesundheit der Arbeiter, sondern auch auf die Baukosten: Zwischen dem Konsortium, das den Stollen im Auftrag der Stadt Bern baute, und der Auftraggeberin entbrannte ein längerer Rechtsstreit um die Übernahme der durch die schwierigen geologischen Verhältnisse entstandenen Mehrkosten. Ein Schiedsgericht entschied letztlich zugunsten des Baukonsortiums, dieses habe nicht von den erschwerten Bedingungen ausgehen müssen. Das Bauunternehmen erhielt deshalb für den von Süden her gebauten Abschnitt pro Meter rund 7000 Franken – dreimal mehr als vertraglich vereinbart. Für die Baufirmen resultierte letztlich aber dennoch ein Verlust von einer halben Million Franken.

Am 26. November 1926, viereinhalb Jahre nach dem Baubeginn und ein halbes Jahr nach dem Stollendurchbruch, wurde der Stollen der Stadt Bern übergeben. Seither ist es ruhig geworden um den Funktionsbau tief unter Berns Innenstadt. Für das Funktionieren des Abwassersystems und die Sauberkeit der Gewässer spielt der fast 90-jährige Stollen aber noch immer eine zentrale Rolle: Der Ausfall des Nadelöhrs hätte schwerwiegende Folgen für die Funktionsfähigkeit des Kanalisationssystems und der Sauberkeit der Aare, gibt es doch bisher keine Möglichkeit, das Abwasser am Stollen vorbeizuleiten.

Die Zukunft des Sulgenbachstollen

Im Jahr 2007 wurde der Sulgenbachstollen infolge seines fortgeschrittenen Alters eingehend auf seinen baulichen Zustand hin untersucht. Auf der Grundlage der dabei gewonnenen Erkenntnisse gehe man von einer Restlebensdauer von rund dreissig Jahren aus, erklärt Alain Fallegger, Leiter Unterhalt im Kanalnetzbetrieb des städtischen Tiefbauamtes. Die «Generelle Entwässerungsplanung», in welcher das Tiefbauamt in den kommenden Jahren die Strategie für künftige bauliche und konzeptionelle Massnahmen für das Stadtberner Kanalnetz ausarbeiten wird, wird deshalb auch ein Renovations- oder Ersatzprojekt für den Sulgenbachstollen enthalten. «Die Umsetzung beider Varianten ist auch mit heutigen Baumethoden nicht ganz trivial», sagt Fallegger. Mit einstürzenden Gassen wie im Frühjahr 1923 müsse aber definitiv nicht gerechnet werden.

DerBund.ch/Newsnet

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