«Als ihr Freund fühlte ich mich wie ein Betrüger»

Ein Mann ringt mit seiner Sexualität. Sexuell fühlt er sich von Frauen angezogen, romantische Gefühle hat er jedoch für Männer.

Den Frauen sagt der heterosexuelle Alexander Bieri heute nicht mehr, dass er romantisch von Männern angezogen ist.

Den Frauen sagt der heterosexuelle Alexander Bieri heute nicht mehr, dass er romantisch von Männern angezogen ist.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

«Ich habe gerne Sex mit Frauen, aber verknallt habe ich mich bisher nur in Männer.» Lange verstand er, den wir hier Alexander Bieri nennen, nicht, ob er auf Frauen oder Männer steht. Oder ist er bisexuell? Heute weiss der Berner aus dem Marziliquartier, dass er nicht der Einzige ist, der so tickt, wie er tickt. Seine Schulfreunde hatten plötzlich Schmetterlinge im Bauch. Dieses Gefühl kannte er auch – aber nur bei Männern. Wenn er einen Mann mit einer starken Persönlichkeit kennen lerne, sei er völlig verdattert, bringe kein Wort heraus.

Das Problem sei, dass sich heterosexuelle Männer nicht für ihn interessierten und Schwule nicht auf Sex verzichten wollten. Sex mit Männern interessiere ihn aber nicht. Verlegen lächelt er und schaut vom Rosengarten herab auf die Berner Altstadt. Er mag anspruchsvolle Filme, die am Ende eine überraschende Wendung haben. Auf die Reaktionen auf diesen Artikel ist er gespannt, da fast niemand das Thema kenne.

Lebte zwei Jahre lang schwul

Bei einer Weiterbildung vor zwanzig Jahren freundete sich Bieri mit einem Homosexuellen an und begann, mit ihm und dessen Partner an Berns Schwulenpartys zu gehen. «Vielleicht bin ich ja doch schwul», dachte er. Er lebte zwei Jahre lang schwul, war in einer sechsmonatigen Beziehung mit einem Mann, outete sich bei seiner Familie. Und hatte nach der Beziehung auch Sex mit anderen Männern. Doch: «Das stiess mich eher ab.» Der Geruch von Männern, die Körperhaare, die Muskeln, das Geschlechtsteil: Es interessierte ihn nicht.

Also asexuell? «Nein! Praller Busen, knackiger Po – das macht mich ja an, aber emotional bringen mich Frauen nicht aus der Fassung.» Im Gegenteil: Eine Paarbeziehung kann er sich viel besser mit einem Mann vorstellen. «Da blühe ich auf», sagt er. Er fühle sich viel stärker mit Männern verbunden.

Doch es kam anders. Bieri lernte eine Frau kennen, zog mit ihr zusammen. Einladungen bei ihren Eltern, gemeinsame Ferien, gemeinsames Auto. Und sagt: «Ich war total unglücklich.» Er habe sich nicht frei gefühlt, sei dünnhäutig geworden. Nach zwei Jahren hat er die Beziehung beendet, worauf es «ein Drama gegeben» habe. Den gemeinsamen Haushalt haben sie aufgelöst. Danach wollte er erst gar keine Beziehung mehr und hatte stattdessen eine mehrjährige Affäre. Die Frau habe dies so akzeptiert.

Doch nach dem Ende des Studiums dachte er sich, dass nun der Ernst des Lebens beginne: «Ich dachte, jetzt brauche ich eine richtige Beziehung.» Bald fand er eine Neue, doch die Gefühle blieben weg. «Ich fühlte mich wieder eingeengt, machte einfach mit.» Die Rolle als Freund passte ihm nicht. «Als ihr Freund fühlte mich wie ein Betrüger», sagt er. Wenn sie bei ihren Eltern eingeladen waren, fürchtete er, dass sie merkten, dass er «eine Show machte». Er hat am Esstisch eiskalte Hände gekriegt und gleichzeitig geschwitzt.

Das permanente Unwohlsein hat sich auf seine beruflichen Leistungen ausgewirkt. Weil er sich als Forscher blockiert gefühlt hat, ging er zu einem Psychologen. Dennoch hat er sich «einen Ruck gegeben» und ist mit ihr zusammengezogen. Während dreier Jahre hatte er das Gefühl, «nur im ersten Gang fahren zu können». Wieder beendete er die Beziehung. Drama. Tränen. Und wieder wurde der gemeinsame Haushalt aufgelöst. Sie hätte es auch akzeptiert, mit ihm in einer Dreierbeziehung zu leben, das heisst mit einem zweiten Mann. Doch: «Männer sind eher Mangelware», tolle Frauen finde er immer.

«Will nichts erzwingen»

Erst später hat Bieri auf der Website asexuell.ch herausgefunden, dass er nicht der Einzige ist, der auf Frauen steht und Männer liebt. Persönlich hat er jedoch noch nie jemanden wie sich kennen gelernt. Als «heterosexueller Homoromantiker» sei er halt Teil einer Minderheit in einer Minderheit. Weder asexuell noch aromantisch und irgendwie doch ein bisschen beides. Damit habe er sich heute abgefunden. Durch Online-Dating habe man heute einfacher Zugang zu Partnerschaften oder Affären. Den Frauen sagt er heute nicht mehr, dass er romantisch von Männern angezogen ist. Die Beziehungen würden dadurch oberflächlich bleiben und endeten spätestens nach ein paar Monaten. Eine «richtige Beziehung» habe er nun schon seit drei Jahren nicht mehr gehabt. Er wolle nichts erzwingen, «das kam nie gut».

Ob ihm etwas fehlt? Wenn bei Geschäftsessen die Mitarbeiter mit Partner kommen, sei er manchmal etwas traurig. Eine Partnerschaft mit einem Mann fände er schön. Er ist heute Ende dreissig. Zwar geniesst er Sex mit Frauen, der stehe aber nicht mehr so im Vordergrund wie noch vor einigen Jahren. «Eine Partnerschaft mit einem Mann wäre mir wichtiger.»

Der Bund

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