Als die Stadt ihr Tafelsilber verscherbelte

Der Gemeinderat möchte neue Häuser kaufen. Dabei hat die Stadt Bern vor 15 Jahren 80 Immobilien verkauft. Sogar die SP war damals dafür.

Artikel über einen verkauftes Haus in der Breitenrainstrasse, der damals im «Bund» erschien.

Artikel über einen verkauftes Haus in der Breitenrainstrasse, der damals im «Bund» erschien.

(Bild: Archiv)

Fabian Christl

Ein guter Investor kauft ein, wenn die Preise tief sind, und verkauft, wenn sie hoch sind. Die Stadt Bern macht es umgekehrt. Derzeit versucht sie, Häuser zu kaufen – und das bei rekordhohen Immobilienpreisen.

Vor 15 Jahren war die Situation noch eine andere. Die Preise für Eigentumswohnungen etwa sind seither laut der Immobilienberatungsfirma Wüst Partner im Kanton Bern etwa um 40 Prozent gestiegen. Und was machte die Stadt damals? Genau, sie verkaufte rund 80 Gebäude, was 15 Prozent des städtischen Wohnimmobilienportfolios entsprach.

Was reichlich absurd tönt, hat aber durchaus seine Gründe. Nach der Jahrhundertwende war der Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik beinahe pleite. Und rund 80 Prozent der städtischen Liegenschaften waren in schlechtem Zustand.

Kurz, der Sanierungsbedarf war enorm und die für die Sanierung notwendigen Mittel nicht vorhanden. Aufgrund dieser Ausgangslage unterstützte auch die SP den Verkauf der Liegenschaften.

Warnstimmen überhört

Der Stadtberner Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) war damals Mitglied der stadträtlichen SP-Fraktion. Wie beurteilt er die Verkäufe aus heutiger Perspektive? «Es ist natürlich bedauerlich, aber damals war der Entscheid wohl richtig», sagt er. So hätten «viele engagierte Leute sehr intensiv nach Alternativen gesucht» – aber keine gefunden. Und: «Seither ist der Fonds gesund.»

Allerdings: Genossenschaftskreise und das Grüne Bündnis haben sich damals bereits gegen die Verkäufe gewehrt. Das GB warnte etwa in der Parlamentsdebatte von 2003 davor, dass die Stadt damit ihren Einfluss auf den Wohnungsmarkt verspiele.

Nun, daran ändern lässt sich nichts mehr. Allerdings könne man daraus Lehren ziehen, sagt Aebersold. So habe die Stadt in finanzpolitisch schwierigen Jahren Geld aus dem Fonds gezogen, das für die Sanierung gefehlt habe. «Wir dürfen es nicht mehr so weit kommen lassen, dass wir erneut unser Tafelsilber verscherbeln müssen.»

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