«Achtung, Marsch» im Zeitalter der Achtsamkeit

Am Lampionumzug in der Stadt Bern geht man mit der Zeit.

Dank den Organisatoren ist der Lampionumzug auch im 21. Jahrhundert noch einen Besuch wert.

Dank den Organisatoren ist der Lampionumzug auch im 21. Jahrhundert noch einen Besuch wert. Bild: Beat Schweizer

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Erfahrene Besucher des Lampionumzugs in der Stadt Bern kamen am Nationalfeiertag aus dem Staunen nicht heraus: Die taktgebende Blasmusik trug nicht mehr strenge Uniformen, sondern schwarze T-Shirts und Shorts. Zudem lag das Durchschnittsalter der Combo deutlich unter demjenigen der Band, die in den Jahren zuvor den patriotischen Nachwuchs sekundiert hatte. Auch gendermässig gab es nichts zu mäkeln: halb Männer, halb Frauen.

Die neue Ausgangslage schlug sich in einer anderen Marschweise nieder. Alle paar Hundert Meter blieb die Kapelle stehen, damit alle Teilnehmenden wieder aufschliessen konnten. Erst wenn das letzte Elternpaar aufgeschlossen hatte, setzte die Marschmusik wieder ein. Der Stadtberner Lampionumzug ist definitiv im Zeitalter der Achtsamkeit angekommen.

Früher herrschte ein anderer Geist. Der Takt der Kapelle war gnadenlos: Wer den ersten Trommelwirbel beim Bärenpark verpasst hatte, geriet hoffnungslos ins Hintertreffen. Die Musik jagte im Eiltempo durch die Gerechtigkeits- und Kramgasse empor – ein Feld der Verwirrung hinter sich lassend. Zugegeben: Es war nicht ganz so dramatisch wie in der Szene auf der Treppe von Odessa im sowjetischen Film «Panzerkreuzer Potemkin» von Sergej Eisenstein (1898–1948).

Schliesslich ist eine Berner Blasmusik keine zaristische Soldateska, die alles niedertrampelt, was sich ihr in den Weg stellt. Auch gab es keine Kinderwagen, die herrenlos durch die Gassen holperten, weil die Erwachsenen Reissaus genommen hatten. Reissaus nahm aber die Blaskapelle selber, die Eltern und Kinder in Orientierungslosigkeit hinter sich gelassen hatte. Immerhin winkte den Tapferen unter ihnen eine Belohnung: Die Kinder, die es bis zum Ziel auf dem Münsterplatz geschafft hatten, durften aus der Hand eines Bronco-Security-Hünen eine «Raketen»-Glace entgegennehmen.

Die «Raketen»-Glace ist das Einzige, was beim Lampionumzug 2.0 noch an die alte Zeit erinnert. Aus dem einstigen Kampf «Jeder gegen jeden» ist ein gemütlicher Bummel geworden. Die Organisatoren des Lampionumzugs haben bewiesen, dass sie zur Innovation fähig sind. Künftige Innovatoren müssen bloss noch ein Problem lösen: Warum muss ein Lampionumzug eigentlich immer durch Marschmusik begleitet werden? (Der Bund)

Erstellt: 03.08.2017, 09:22 Uhr

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