«Abtreibung ist keine gute Lösung»

Christliche Gruppierungen demonstrieren morgen auf dem Bundesplatz für das Leben und gegen Abtreibung. Mitorganisator Wilf Gasser weiss aus Erfahrung, dass dies Wirbel auslöst.

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Gegen den «Marsch fürs Läbe» wird mobilisiert. Herr Gasser, haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb die Kundgebung für manche ein rotes Tuch ist?
Sie sehen darin eine Infragestellung des Selbstbestimmungsrechts der Frau. Man kann natürlich sagen: Mein Haus gehört mir. Aber trotzdem haben meine Gäste auch eigene Rechte, so auch das Kind. Wenn wir einer schwangeren Frau die Tötung ihres Kindes als einzige und beste Lösung präsentieren, gibt ihr dies nicht die nötige Würde. Abtreibung ist darum keine gute Lösung für Frauen in Not.

Wie man hört, gab es Drohungen gegen Sie. Inwiefern?
Wir erhielten anonyme Drohbriefe, in denen versucht wurde, die Lebensrechtsbewegung einzuschüchtern. Vor der Kundgebung 2016 wurde ein Farbanschlag auf unser Haus verübt.

Dann wissen Sie also nicht genau, wer die Gegner sind?
Doch, sie sind erkennbar an der Ausdrucksweise. Auf ihrer Website wird dazu aufgerufen, die Exponenten des Marsches und ihre Organisationen zu «besuchen». Die Wortwahl in den Briefen ist die gleiche, deshalb ist klar, dass es aus der ganz linken Ecke kommt.

Wieso heisst diese Platzkundgebung Marsch?
In Zürich wurde früher marschiert. In Bern war es stets eine Platzkundgebung. Die Polizei, für deren Schutz wir sehr dankbar sind, hat uns eindringlich vor Märschen abgeraten, weil sie sonst die Teilnehmenden nicht wirksam schützen könnte. Diese sollen nicht mit Flaggen durch die Stadt gehen, um Anpöbeleien durch Linksextreme zu vermeiden. Solche hat es tatsächlich gegeben.

Die rechtsnationale Partei Pnos hat mit Ihren Flugblättern in Solothurn eine Strassenaktion durchgeführt. Wie bewerten Sie das?
Die Pnos hat sich als Trittbrettfahrerin des Themas angenommen, was uns schadet. Jemand hat Flugblätter bestellt, ohne zu sagen, dass er sie für eine politische Aktion benützt. Die Pnos spricht sich in ihrem Parteiprogramm gegen Abtreibung aus.

Dann besteht da ein Anknüpfungspunkt.
Nur sehr bedingt. Im Nationalsozialismus wurden Behinderte unter dem schönfärberischen Begriff der Euthanasie systematisch umgebracht. Ihr Lebensrecht wurde total missachtet. Wir haben einen hohen Respekt vor dem Lebensrecht jedes Individuums. Dies wird links- und rechtsaussen nicht geteilt.

Laut Statistik werden heute in der Schweiz vier von fünf Babys mit Trisomie 21 abgetrieben. Was sagen Sie als Arzt dazu?
Durch moderne Diagnostikmethoden ist es möglich, immer mehr Behinderungen früh zu erkennen. Man will den Kindern das Leben nicht zumuten und treibt sie ab, oft nicht in den vom Gesetz vorgeschriebenen ersten zwölf Schwangerschaftswochen, sondern viel später, sogar in einem Stadium, in dem ein Kind bereits überlebensfähig wäre. Für alle Beteiligten ist dies eine grosse Belastung, auch für das medizinische Personal.

Abtreibung ist seit 2002 straffrei, wenn sie in den ersten 12 Wochen erfolgt. Das Thema steht nicht auf der politischen Traktandenliste, weshalb also diese Demonstration?
Viele Ärzte reagieren genau so, wenn Eltern Gewissensbisse haben. Sie sagen: Es ist alles legal und somit kein Problem. Vielen Frauen hilft das überhaupt nicht. Wir wollen diese Nöte thematisieren, auch in der Öffentlichkeit.

Rühren die Schuldgefühle nicht daher, dass die Kirchen den Frauen lange einredeten, sie begingen eine grosse Sünde?
Das mag in einigen Fällen so sein. Aber unter einer Abtreibung leiden auch Frauen und Angehörige, die keine religiöse Bindung haben. Für Frauen, die im Glauben Halt finden, ist es oft sogar einfacher, weil sie erfahren, was Vergebung bedeutet und dass ein Neuanfang möglich ist. (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2018, 06:34 Uhr

Christliche Trägerschaft

Der 60-jährige Arzt Wilf Gasser ist seit 2008 Präsident der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) und war von 2005 bis 2010 EVP-Grossrat. Gasser ist im «Marsch fürs Läbe»-OK. Die Kundgebung findet morgen um 15 Uhr auf dem Bundesplatz statt.

Am dreisprachig geführten Anlass soll das «Tabuthema» der Folgen von Abtreibungen thematisiert werden, unter anderem von Betroffenen. Teilnehmen werden vor allem Menschen aus Kirchenkreisen (reformiert, freikirchlich, katholisch) aus der ganzen Schweiz. Der päpstliche Nuntius hält ein Grusswort. In früheren Jahren kam es zu Gegendemonstrationen.

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